Wege aus dem Burnout

Sich nie mehr ausgebrannt fühlen

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Immer mehr Menschen leben in einem Zustand, der sich am besten als „Halbgesundheit“ beschreiben lässt. Zu ihnen gehören auch Mediziner und Zahnärzte. Kein Wunder, denn die beruflichen Anforderungen sind hoch und der Arbeitsalltag Kräfte raubend. Aber ein Zahnarzt kann etwas unternehmen, um einem Burnout vorzubeugen.

Die zahnmedizinische Behandlung erfordert Hochkonzentration, sechs bis acht Stunden am Tag, in einer unphysiologischen Körperhaltung. Hinzu kommen vielfältige weitere Aufgaben, wie Patientengespräche, Praxisorganisation, Personalführung, Korrespondenz, Therapieplanung, Gespräche mit dem Labor oder den Technikern. Nicht zu vergessen sind die persönlichen Zusatzaufgaben, wie Fortbildung und Fachliteratur lesen. Familie, Freunde, Sport und auch die eigene Gesundheit erhalten nicht die ausreichende Aufmerksamkeit. Stress und Burnout lassen dann nicht lange auf sich warten.

Im Durchschnitt macht sich ein Zahnarzt mit etwa dreißig Jahren selbstständig. Es folgen die anstrengenden Jahre des Praxisaufbaus. Steht die Refinanzierung der eigenen Praxis dann auf festen Füßen und ist das Team eingearbeitet, wird die Praxis zur Routine – und die Arbeitsabläufe oder praxisinterne Gewohnheiten nicht mehr tagtäglich hinterfragt.

Zudem verliert die Praxis nach der Aufbauphase zunehmend an Bedeutung, der private Bereich wird wichtiger. Es fehlt dem Zahnarzt vor allem die Zeit, aber auch die Motivation, sich um seine Praxis zu kümmern, die gut funktioniert und wirtschaftlich erfolgreich ist.

Dies ist in der Regel auch der Moment, in dem das Team der „Aufbauphase“, das harmonisch zusammen gewachsen und gut eingespielt ist, sich altersbedingt verändert. Die Zahnmedizinischen Fachangestellten aus der „Gründerzeit“ bekommen Kinder. Die Patientenfälle gestalten sich schwieriger, denn die Praxis hat sich einen guten Ruf erarbeitet. Zudem steigen die Ansprüche der Patienten und werden komplexer. Insgesamt führt das zu einer hohen Erwartungshaltung der Klientel bei der fachlichen Qualität, beim Patientenservice, bei der persönlichen und individuellen Betreuung.

Da die Praxis ein Selbstläufer geworden ist, der scheinbar keine Probleme bereitet, setzt der Zahnarzt beruflich stärker auf Routine und konzentriert sich mehr auf den Privatbereich. Aber unter der Oberfläche der professionellen Routine entstehen Schritt für Schritt kleine Risse im Fundament der Praxis.

• Eine Mitarbeiterin wird nicht mehr akribisch eingearbeitet und tanzt deshalb immer wieder „aus der Reihe“. Vorbei an der Grundphilosophie der Praxis bringt sie ihre eigenen Strukturen mit ein.

• Eingespielte Organisationsabläufe gehen mit dem Ausscheiden oder der Babypause einer Mitarbeiterin ganz oder teilweise verloren.

• Die Vielzahl neuer Vorschriften und Verordnungen macht den praxisorientierten Behandler „büromüde“.

• Regresse, Wirtschaftlichkeitsprüfung und die Pflichten bei der Zahnärztekammer tun ihr Übriges.

• Die Teamarbeit wird wegen Arbeitsüberlastung auf ein Minimum reduziert. Manchmal schleichen sich Missverständnisse und Dissonanzen ein.

Dies ist ein langsamer aber stetiger Prozess, der sich überwiegend im Unbewussten abspielt. Erst wenn die Auswirkungen stärker werden, beschäftigt sich der Betroffene damit. Eine ab und zu auftretende Müdigkeit, gelegentliche Lustlosigkeit, sich der täglichen Fülle der Praxisaufgaben zu stellen, Erschöpfungsgefühle, Nervosität, Muskelverspannungen oder einfach das Gefühl, dass einem alles zu viel wird – das alles sind erste Anzeichen für einen Burnout.

Der Begriff „Burnout“ kommt aus der Raketentechnik und bedeutet wörtlich übersetzt „Brennschluss“. Dies ist genau der Zeitpunkt, in dem das Triebwerk einer Rakete abgeschaltet wird und der antriebslose Flug beginnt.

Die Definition des Begriffes in der pädagogischen Fachliteratur versteht unter Burnout ein „neuerdings verstärkt diskutiertes Phänomen der körperlichen und seelischen Erschöpfung in der Berufswelt“. Und weiter: „Nach mehrjährigem beruflichen Einsatz zeigt sich ein starkes Schwinden der Motivation und Energie im Beruf.“ [Stimmer et al. 1996].

Diese körperlichen Erschöpfungszustände oder das „Schweben im luftleeren Raum“ sind uns allen – zumindest ansatzweise – bekannt. Statistisch gesehen sind vor allem Zahnärzte zwischen 38 und 48 Jahren davon betroffen.

Werden die ersten Burnout-Anzeichen – Müdigkeit, Erschöpfung und Lustlosigkeit – übergangen, können sich diese Symptome innerhalb weniger Jahre bis zur vollständigen Handlungsunfähigkeit verdichten. Auch wenn der Praxisalltag noch gemeistert wird, funktioniert der Zahnarzt nur noch. Er hat keine Freude mehr an seinem Beruf, ist innerlich leer und antriebsarm. Es kommt also zu einer inneren Spaltung zwischen automatisierten Arbeitsabläufen und einer fehlenden inneren Beteiligung. Reagiert der Behandler auch in diesem fortgeschrittenen Stadium nicht, kann sich das Vollbild des Ausgebranntseins ausbilden, was gleichbedeutend ist mit der Unfähigkeit, die täglichen Aufgaben noch zu bewältigen.

Dazu kommt noch ein Aspekt, dem gemeinhin viel zu wenig Beachtung geschenkt wird: Zahnärzte behandeln den ganzen Tag „hautnah“. Laut Samy Molcho gibt es eine individuelle Sicherheitszone um uns herum, die wir unbewusst schützen. Dies ist ein Radius von zirka 60 Zentimetern um den eigenen Körper, der normalerweise nur von unseren Sexualpartnern und Kindern unterschritten wird – doch auch dann nicht acht Stunden durchgehend im Wachbewusstsein. Der Zahnarzt hingegen arbeitet innerhalb dieser Sicherheitszone an jedem Patienten und meist noch gleichzeitig mit ein bis zwei Helferinnen. Das kostet Kraft, obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Das Gefühl, nach einem vollgepackten, hektischen Praxistag völlig leer zu sein, ist bekannt. Damit das Gefühl des Burnouts nicht zum Dauerzustand wird und man persönlich Kraft schöpfen kann, gilt es, die Symbiose von drei Faktoren zu begutachten: die kognitive Intelligenz (IQ), die emotionale Intelligenz (EQ) und die „Health-Quality“. Letztere ist ein Konzept, das die „körperliche, geistige, emotionale und soziale Ressourcenentwicklung“ umfasst.

Zu Beginn ist es wichtig, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen und sich mit folgenden Fragen zu beschäftigen:

• Wer bin ich hier und heute?

• Was sind meine Ziele?

• Welche Ziele habe ich erreicht, welche sind neu?

• Was ist für mich hier und heute wichtig?

• Wie authentisch bin ich beruflich und privat?

Diese Ziele und Einsichten sollten nach Wichtigkeit geordnet werden. Entsprechend dieser Prämissen kann eine Neuausrichtung des Berufsbildes und der Praxisorganisation erfolgen.

Eine Möglichkeit ist es, neue Mitarbeiter zur persönlichen Entlastung einzustellen (Assistent, Prophylaxehelferin, Praxismanagerin). Je nach Persönlichkeitsstruktur des Praxisinhabers ist die Entlastung mehr im fachlichen oder im organisatorischen Bereich erforderlich. Auch ist eine Neugestaltung der Praxis denkbar, die den neuen Zielen und Visionen entspricht (Farbe, Logo, Raumgestaltung). Dabei sind viele kleine Schritte, die auch umgesetzt werden, sinnvoller, als umwälzende Generalveränderungen, die nur im Kopf stattfinden.

Kreativität braucht Zeit

Wichtig für eine dauerhafte Burnout-Prophylaxe sind persönliche Freiräume. Kreativität lässt sich nicht in einen 18-stündigen Arbeitstag integrieren, sondern braucht Zeit. Die Überprüfung des Ist-Zustandes lässt sich nicht innerhalb des Praxisalltags bewältigen, sondern erfordert eine „Auszeit“, am besten mit räumlicher Distanz und professioneller Begleitung. Der Zahnarzt kann oft erst mit dem nötigen Abstand einen klaren Blick auf die eigene Situation entwickeln. Im Alltag ist er für viele Details betriebsblind.

Daher sollte rechtzeitig auf die kleinen Symptome und Zeichen geachtet werden. In den Anfängen lassen sich Unausgewogenheiten viel leichter ausbalancieren. Jeder sollte sich sich täglich etwas gönnen – für Körper, Geist und Seele – und mit seinen Kräften ökonomisch umgehen, indem er seinen ganz persönlichen Energiehaushalt wahrnimmt und ausgleicht.

Zu den möglichen, individuellen Lösungsmöglichkeiten zählen

• Ausgleich und Regeneration durch sportliche Aktivitäten, bevorzugt im Freien;

• Anpassung der Behandlungszeiten an den persönlichen Rhythmus (Öffnung der Praxis in den Abendstunden für Nachtschwärmer, ausgedehnte Mittagspause für „Siestafans“, Behandlungsschwerpunkte ab sieben Uhr morgens für Frühaufsteher);

• Ausbalancierung des Kräftehaushalts durch ausgewogene, typenspezifische Ernährung und Nahrungsergänzung;

• Umgestaltung der Praxisräume nach persönlichen Vorlieben;

• Psychohygiene im Sinne einer offenen Konfliktfähigkeit für den Chef und das gesamte Team, was auch den Umgang mit den Patienten erleichtert.

Innere Ausgeglichenheit und äußere Balance sorgen für Stabilität, die Zahnärzten die Möglichkeit gibt, die Schwierigkeiten und Probleme des Praxisalltags besser abzupuffern und zu meistern.

Wer diese Eigenverantwortung für die eigene Balance übernimmt und sich anbietende Gelegenheiten (Auszeiten, Seminare) nutzt, gerät auch durch schwer abwägbare Risiken oder Ereignisse von außen nicht so schnell aus dem inneren Gleichgewicht. Er behält einen klaren Kopf und bewegt sich immer noch im „grünen Bereich“. Um in ihrem anstrengenden Beruf langfristig Spaß und Erfolg zu haben gilt es für Zahnärzte, die „rote Dekompensationszone“ zu vermeiden. Dann brennen sie auch nicht aus, sondern können gelassen die Früchte ihrer Arbeit ernten.  

Dr. Martina ObermeyerKocheler Straße 1, 82444 Schlehdorf

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