Gastkommentar

Eine eigenartige Arbeitsgemeinschaft

Heftarchiv Meinung
Sechs freie ärztliche Verbände haben im Mai die „Allianz deutscher Ärzteverbände“ in der Rechtsform einer Arbeitsgemeinschaft gegründet. Die eigentliche Stoßrichtung de rNeugründung bleibt noch unklar.

Hartwig Broll
Gesundheitspolitischer Fachjournalist in Berlin

Es sind nicht gerade die kleinsten der freien ärztlichen Verbände, die sich Anfang Mai als „Allianz deutscher Ärzteverbände“ in der Form einer Arbeitsgemeinschaft gegründet haben: Mit dem Berufsverband Deutscher Internisten, dem Bundesverband der Ärztegenossenschaften, der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände, dem Hartmannbund, MEDI Deutschland und dem NAV-Virchow-Bund sind im Gegenteil ausgesprochen große Verbände als Gründungsmitglieder beteiligt. Aus dem Kreis der Gründungsverbände verlautet zwar einmütig, dass es bei dieser Arbeitsgemeinschaft insbesondere darum gehe, die Interessen der Ärzteschaft gegenüber der Politik wirkungsvoller zu vertreten – wohl eine Folge des „Gemeinschaftserlebnisses“ der großen Ärztedemonstrationen dieses Jahres. Aber sowohl die Zusammensetzung der Arbeitsgemeinschaft wie deren noch unklares inhaltliches Profil werfen darüber hinaus doch Fragen auf.

Dies gilt natürlich in erster Linie für das Verhältnis der Neugründung gegenüber den ärztlichen Körperschaften, speziell gegenüber der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Diese ist zwar mit der Bundesärztekammer und dem Marburger Bund als „kooptiertes Mitglied“ in der Arbeitsgemeinschaft vertreten, was konkret heißt, dass sie bei bestimmten Fragestellungen an den Beratungen der Neugründung beteiligt werden soll. Aber sicherlich spielt doch auch der Hintergedanke mit, angesichts dicker Fragezeichen bezüglich der Zukunft der KBV bereits nach Parallelorganisationen Ausschau zu halten, die die ärztliche Interessenvertretung im Zweifel sogar wirksamer wahrnehmen könnte als die durch politische Vorgaben gegängelte Körperschaft. Zudem gilt gerade das Verhältnis von MEDI Deutschland zur KBV nicht gerade als Vorbild innerärztlicher Geschlossenheit.

Ein zweiter Blick auf die Gründungsverbände zeigt, dass die neue Arbeitsgemeinschaft doch überwiegend von Fachärzten geprägt ist. Dem Vernehmen nach wurde dem Deutschen Hausärzteverband ein Beitritt angeboten – ganz im Sinne des Gründungscharismas „ärztliche Geschlossenheit“. Der Bundesverband wird diesem Anliegen derzeit wohl eher nicht nachkommen, eventuell aber der eine oder andere Landesverband – was wiederum Fragen nach der „hausärztlichen Geschlossenheit“ aufwerfen dürfte. Immerhin scheinen die Gründungsverbände die Facharztlastigkeit der Arbeitsgemeinschaft nicht nur zu sehen, sondern dieser im Falle eines Beitritts hausärztlicher Gliederungen auch entgegenwirken zu wollen. So sollen dem Hausärzteverband oder einzelnen seiner Mitgliedsverbände bis zu zwei Stimmen in der Arbeitsgemeinschaft zugestanden werden. Bei dem vorgesehenen Abstimmungsquorum reichte den Hausärzten dann die Stimme eines weiteren Verbandes, um missliebige Beschlüsse verhindern zu können.

Ein Beitritt hausärztlicher Organisationen könnte aber auch einen Effekt verstärken, der bei den Gründungsverbänden ohnehin schon auffällig ist: So mancher der Mitstreiter, die sich in dieser neuen Struktur gefunden haben, gilt nicht gerade als ausgesprochener Teamspieler. Es dürfte kaum Sinn machen, eine Organisation für ein einheitlicheres – idealerweise geschlossenes – Auftreten zu gründen, wenn dann aus der Arbeitsgemeinschaft selbst eher Querelen oder gar die innerhalb der Ärzteschaft nicht völlig unbekannten Intrigen das Bild der neuen Organisation prägten.

Entscheidend für die Außenwahrnehmung der Arbeitsgemeinschaft dürfte sein, was sie in den kommenden Monaten – bekanntlich einer Zeit heftigster gesundheitspolitischer Diskussionen – zustande bringen wird. Echte inhaltliche Anliegen sucht man in den Verlautbarungen zur Gründung allerdings noch vergebens.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.

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