Praxisgebühr

Weniger Andrang im Wartezimmer

Seit 2004 geht die Zahl der Arztbesuche dauerhaft um 10,1 Prozent zurück, meldet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Für Ulla Schmidt der Beweis: „Die Praxisgebühr wirkt“, sagt sie und so steht’s in der Zeitung. Stimmt – die Patienten gehen seltener zum Arzt. Eine unerwünschte Nebenwirkung wird jedoch ignoriert: Es trifft offenbar besonders sozial Schwache. Sie schieben ihren Arztbesuch auf und verzichten auf die Vorsorge. Genau das könnte unserem Gesundheitssystem in Zukunft teuer zu stehen kommen.

Mit Einführung der Praxisgebühr Anfang 2004 ging die Zahl der Arztbesuche um 10,1 Prozent auf etwa 520 Millionen zurück. Das geht aus den aktuellen Zahlen der KBV hervor. Im dritten Quartal 2005 wurden durchschnittlich nur noch 1 200 Fälle pro Praxis behandelt – 200 weniger als vor der Reform im Vergleichszeitraum 2003. Insgesamt zahlten die Patienten 2005 gut 1,68 Milliarden Euro für die Praxisgebür – zwei Prozent weniger als 2004.

Umstrittene Wirkung

Die Praxisgebühr soll die GKV-Finanzen stützen und gleichzeitig eine Verhaltensänderung der Versicherten bewirken – so sieht es die Reform zumindest vor. Ob diese Art der Zuzahlung in die richtige Richtung steuert, bleibt allerdings umstritten. Zwar ist klar: Bestimmte Mechanismen fördern das Verhalten von Leistunganbietern und Patienten beeinflussen und wirtschaftliches Denken. Doch zum einen ist die Höhe der Selbstbeteiligung hier zu Lande relativ gering. Zum anderen ist es schwierig, die Effekte auf neue Regelungen zur Kostenbeteiligung zurückzuführen, weil diese meist zusammen mit anderen Neuerungen in Kraft treten.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin (DIW) kommt in einer im Juli 2005 vorgelegten Studie zu dem Schluss, dass die Praxisgebühr insgesamt dazu beitrage, überflüssige Arztbesuche und das Doctorhopping einzudämmen. Verglichen mit 2003 verzichteten 2004 selbst Schwerbehinderte und Kranke nicht auf notwendige Arztgänge. Patienten mit geringem sozialen Status seien daher nicht benachteiligt. Zugleich räumt das DIW jedoch ein, dass bei Arbeitslosen und Menschen ohne Berufsabschluss die Wahrscheinlichkeit höher liegt, keinen Arzt mehr aufzusuchen. Da aber gerade diese Gruppen öfter erkranken und früher sterben, könnte das langfristig negative Folgen haben.

Diese Nebenwirkung macht auch der GKVGesundheitsmonitor, für den das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) im Mai 2004 insgesamt 3 000 GKV-Versicherte befragte, publik: Gerade Versicherte mit niedrigem Einkommen blieben wegen der Eigenbeteiligung öfter der Praxis fern. Auf die Frage „Haben Sie im ersten Quartal wegen der Praxisgebühr auf einen Arztbesuch verzichtet oder ihn ins zweite Quartal verschoben?“, antworteten acht Prozent der Befragten mit einem Nettoeinkommen von über 3 000 Euro mit „Ja“. In der Gruppe mit weniger als 1 000 Euro waren es fast 20 Prozent. Ältere, Arme und Chroniker sind extrem betroffen. Die Bertelsmann-Stiftung bekräftigt: „Bezieher geringer Einkommen werden durch eine pauschale Gebühr stärker belastet als Besserverdienende.“ Dass die Nachteile bei der Praxisgebühr überwiegen – sowohl in der zahnmedizinischen Versorgung wie auch auf gesundheitsökonomischer und sozialmedizinischer Ebene – stellt auch das Institut der deutschen Zahnärzte (IDZ) fest.

Prävention gefährdet

Die Gebühr trage den Besonderheiten der Zahnmedizin zu wenig Rechnung und lasse mittel- wie langfristig keine Kostendämpfung erwarten. Die Patienten fühlten sich zu wenig informiert und sind deshalb verunsichert, lautet das Ergebnis der IDZ-Analyse von 2005. „Die Praxisgebühr hat offenbar dazu beigetragen, dass weniger Patienten ihren Zahnarzt aufsuchen, obwohl sie für Kontrolluntersuchungen nicht anfällt“, bestätigt Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. „Mit diesem Rückgang ist auch einer der wichtigsten Erfolge unserer präventionsorientierten Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, die hohe Kontrollorientierung der Patienten, gefährdet.“

Lassen sich auch die meisten Patienten inzwischen vom Haus- zum Facharzt überweisen und vermeiden dadurch Doppeluntersuchungen – Geringverdiener hält sie augenscheinlich davon ab, überhaupt zum Arzt zu gehen. Wenn jedoch schlechter Gestellte nicht mehr angemessen an der Versorgung teilnehmen, besteht die Gefahr, dass Krankheiten verschleppt werden. Das ist heute schon bittere Realität: Etliche Chroniker wären heute noch gesund, hätten sie den Arztbesuch nicht auf die lange Bank geschoben. Therapien und Medikamente kosten – neben dem Gesundheitsrisiko für Einzelne verteuern sie das Gesundheitswesen auf lange Sicht.

Hinzu kommt: Immer mehr Patienten lassen sich von den Zuzahlungen befreien. Auch das belastet die Kassen anstatt sie finanziell zu pushen – das Geld fehlt im GKV-Säckel. Außerdem, so der Verband Deutscher Internisten: „Wer einmal von der Zuzahlung befreit ist, entzieht sich jeder Kontrolle“.

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