Mundhygiene im Pflegeheim

Das Gehirn der anderen

Heftarchiv Zahnmedizin
Die alternde Gesellschaft ist eine Herausforderung – auch für die Zahnärzte.
Sie erproben vielerorts Konzepte für die Prophylaxe und die Versorgung in
den Seniorenheimen. Auch die Mithilfe der Pflegekräfte ist gefragt. In einem
Projekt der Bayerischen Landeszahnärztekammer (BLZK) kooperieren sie mit
Patenzahnärzten. Hier einige Eindrücke aus einem Münchner Heim.

Teller klappern. Die Stimme einer deutschen Schlagersängerin tönt leise durch den Flur. „Das sind zwei Weiber“, platzt es aus Magdalena S. heraus. „Die tun Eier und Eier legen, aber es kommt nichts raus.“ Gemeint sind die „Unzertrennlichen“, zwei etwa 15 Zentimeter große Edelpapageien aus Afrika, einer grün, der andere blau. Sie piepsen und picken im Sand. Sie brüten unermüdlich, aber erfolglos.

Cindy N., 31, gelernte Krankenschwester, schiebt Frau S. im Rollstuhl schnurstracks über den hellgrünen Linoleumboden. Vorbei an der 1,50 Meter hohen Voliere und der geöffneten Glastür des Frühstücksraums, am Ficus Benjamini und dem Rosen-Kunstdruck in Pastell. Ein paar Gänge im Alten- und Pflegeheim St. Josef weiter hat die 87-Jährige um neun Uhr einen Termin. Ihr Gebiss drückt. Die Schleimhaut schmerzt.

BLZK schult mit Paten

Seit Dezember 1998 arbeitet Cindy N. als Pflegerin in Münchens größtem Altenheim. 356 Patienten, 125 Pfleger. Seitdem putzt sie alten Menschen Zähne und Prothesen. „Aus meiner Ausbildung im Krankenhaus kenne ich das nicht“, lacht die junge Frau aus Sachsen. Beim Reden glühen ihre sonst blassen Wangen rot.

Erlernt hat sie die Zahn- und Mundhygiene für Pflegebedürftige im St. Josef. Nicht nur von den Kollegen aus der Altenpflege. „Dass man Prothesen mit Flüssigseife reinigen kann, war mir neu“, erinnert sie sich an einen Vortrag von Dr. Christian Eschrich, Patenzahnarzt des Sendlinger Heimes. Die Schulung ist Teil eines landesweiten Projektes der Bayerischen Landeszahnärztekammer zur Betreuung von Bewohnern in Senioreneinrichtungen. Sie hat mit ihren acht Bezirksverbänden ein Netz von Patenzahnärzten aufgebaut und koordiniert die Schulung der Zahnärzte und Pflegekräfte. „Von der Pflegekraft hängt viel ab. Sie muss das Gehirn der anderen sein“, betont Eschrich. Er hat ein Behandlungszimmer in dem Münchner Heim und ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin (DGAZ), ehemals Arbeitskreis für Gerostomatologie.

Wichtiges Aufgabenfeld der Prävention

Prof. Dr. Johannes Gostomzyk, Vorsitzender der Landeszentrale für Gesundheit in Bayern (LZG), lobt, dass die Zahnärzte den älteren immobilen Menschen im Fokus hätten und ihn dort betreuen, wo er ist. Die LZG würdigte das BLZK-Projekt daher im Dezember vergangenen Jahres anlässlich des Bayerischen Gesundheitsförderungs- und Präventionspreises mit einer besonderen Belobigung und einer Urkunde. Die Einrichtungen seien ein bisher wenig beachtetes, aber wichtiges Aufgabenfeld der Prävention, betont Gostomzyk.

2030 wird es laut Prognose des Statistischen Bundesamtes rund drei Millionen Pflegebedürftige in Deutschland geben. Heute sind es laut Bundesgesundheitsministerium bereits über zwei Millionen. Für Diskussionen sorgte zuletzt die Pflegereform. Zum 1. Juli dieses Jahres erhöhte die Bundesregierung erstmals die Leistungen des jüngsten Zweiges der Sozialversicherung. „Die Pflegereform bringt zahlreiche Erleichterungen und Verbesserungen für pflegebedürftige Menschen, ihre Familien und für die Pflegekräfte“, verspricht Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD).

Mindestens ortsübliche Löhne für professionellen Pflegekräfte und zusätzliche Betreuungsassistenten für Personen mit erhöhtem Betreuungsbedarf sollen die Arbeit vor Ort erleichtern. Kritikern geht die Reform nicht weit genug. Die eigentlichen Finanzierungsprobleme blieben weiterhin ungelöst, bemängelt der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen.

„Die demografische Entwicklung ist eine zentrale Herausforderung hinsichtlich der Mundgesundheit“, betont Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK). Dem Aufgabenfeld „Alterszahnheilkunde“ stellt sich die BZÄK seit Jahren. In Zusammenarbeit mit dem Ausschuss Präventive Zahnheilkunde und dem Arbeitskreis Alterszahnmedizin entwickelte sie den Leitfaden „Präventionsorientierte Zahnmedizin unter den besonderen Aspekten des Alterns“.

Aktivitäten und Herausforderungen werden auf Bundesebene regelmäßig im Rahmen einer Koordinierungskonferenz gemeinsam mit der DGAZ diskutiert. „Ziel der modernen Zahnmedizin ist es, die lebenslange Gesundheit aller Menschen unabhängig vom soziodemografischen Hintergrund zu fördern“, unterstreicht DGAZ-Präsidentin Dr. Ina Nitschke beim diesjährigen BLZKKongress „Zähne im Alter – Praxis der Alterszahnmedizin“ in München.

Zahlreiche Studien belegen Mängel in der zahnmedizinischen Versorgung älterer Menschen. Besonders deutlich sind die Defizite bei der Mundgesundheit immobiler Patienten, ob zu Hause und in Einrichtungen untergebracht.

Um deren oralen Gesundheitszustand zu verbessern, fordert die BZÄK, dass sich die Kooperationspartner, wie Angehörige, Zahnärzte, Ärzte, Kostenträger, Gesundheitsdienste und Pflegeeinrichtungen, stärker interdisziplinär vernetzen und die Politik die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen neu gestaltet. „Eine gesellschaftliche Aufwertung ist unbedingt notwendig“, resümiert auch Rudi Gosdschan, Heimleiter der Otto-und-Anna-Herold-Stiftung in Karlstadt, beim Münchner Kongress.

Die Frühschicht beginnt für Cindy N. um sechs Uhr. Sie trägt ein weißes T-Shirt und weiße Turnschuhe mit blauen Streifen. An der weißen Stoffhose steckt ein schwarzer „Piepser“. Bis zum Mittag versorgt die 1,68 Meter große Frau mit den braunen, mittellangen Haaren sieben Pflegebedürftige – Stufe zwei und drei. Waschen, anziehen, Medikamente austeilen, beim Essen helfen – und eben Zähne putzen. „Weniger Bewohner als die anderen vier Kollegen“, betont die junge Pflegerin. Heute ist sie Schichtleiterin auf Station 2A, kümmert sich zusätzlich um Notfälle, Anrufe, Papierkram. „Jetzt sind Sie dran!“, begrüßt Zahnarzt Eschrich Patientin Magdalena S. in seinem Behandlungszimmer im linken Flügel des Heimes. Er beugt sich zu ihr herunter, schaut ihr ins Gesicht, lächelt sie an. Mundschutz und Latexhandschuhe – schon sitzt er vor der alten Dame auf dem grauen Hocker. „Wenn Sie mal zusammenbeißen“, bittet er. Die Prothese im Unterkiefer wackelt. Zu sehr.

Eine neue müsse her, sagt Eschrich und erklärt wortreich wieso. Magdalena S. überlegt. „Wenn ich jetzt ein neues Gebiss kriege … Mit 87 Jahren, wie stellen Sie sich das vor?“, fragt die Rentnerin zögerlich. Sie ist fast doppelt so alt wie der Mann vor ihr in blauem Poloshirt und weißer Hose. Das leere Sparschwein, die Narbe von der letzten Operation fallen ihr ein.

„Ja, mei“, seufzt Eschrich, hört zu, fragt nach, zieht die sperrige schwarze Untersuchungslampe heran, sucht im faltigen Gesicht die millimeterkleine Narbe an der Nase. Zur gleichen Zeit wäscht Cindy N. auf ihrer Station bereits die nächste Bewohnerin. „Da brauchen Sie keine Angst zu haben“, beruhigt Eschrich schließlich seine Patientin. Dann greift er zum Telefonhörer. „Frau S. kann abgeholt werden.“

Patenzahnarzt mit Mini-Praxis im Heim

Seit 13 Jahren behandelt Eschrich im Heim. Dienstags und donnerstags ist Sprechstunde in der Mini-Praxis. Auch als Zahnarzt muss er sich auf den Umgang mit Senioren einstellen. Wenngleich das Alter keine Rückschlüsse auf die Psyche zulasse, könne es bei älteren Patienten Einschränkungen bei der Informationsverarbeitung geben, betont Prof. Dr. Renate Deinzer, Geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Psychosomatische Medizin und Leiterin des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Gießen. Sie rät Praxisteams, generell Vorurteile abzubauen und die Individualität der älteren Patienten zu berücksichtigen. „Um diese Menschen zu erreichen, muss das Praxisteam engagiert, flexibel und mobil sein, das Personal in Pflegeeinrichtungen entsprechend informiert und geschult sein“, sagt Dr. Herbert Michel, Mitglied des BLZKVorstands und Referent für Prophylaxe, Alterszahnmedizin und Behindertenzahnmedizin der BLZK. In der bayerischen Landeshauptstadt engagieren sich viele Zahnärzte für die Zahngesundheit der Bewohner in Pflege- und Altenheimen. „Jede der 72 Pflegeeinrichtungen in München hat einen oder mehrere zuständige Patenzahnärzte“, sagt Dr. Cornelius Haffner. Einen Behandlungsstuhl wie im St. Josef-Haus gebe es in sechs weiteren Münchner Heimen.

Haffner betreut im Rahmen des Modellprojekts „Teamwerk“ mit einem mobilen Einsatzteam Patienten in Alten- und Pflegeheimen. Mit dem Projekt habe sich nicht nur die Mundgesundheit erheblich verbessert, sondern auch die Kosten seien insgesamt um 22 Prozent gesunken.

Auch in anderen Bundesländern sind die Zahnärzte aktiv. Im vergangenen Jahr startete beispielsweise die Landeszahnärztekammer Hessen im Rahmen eines Pilotprojekts gemeinsam mit dem Gesundheitsamt Frankfurt eine Intensivschulung von Mitarbeitern hessischer Einrichtungen. Die Kammer in Sachsen-Anhalt führte von 2004 bis 2007 das Modellvorhaben „Altern mit Biss“ durch.

In Mecklenburg-Vorpommern bringt ein neues Projekt Zahnärzte an die Betten von Pflegebedürftigen. Wie das Sozialministerium berichtet, werden sieben Zahnmediziner mit zwei mobilen Behandlungsplätzen ausgerüstet. Sie sollen Pflegebedürftige regelmäßig in Schweriner Heimen behandeln. Im bayerischen Projekt betreut ein Patenzahnarzt die Bewohner, die keinen eigenen Zahnarzt haben. Dies ist für die Patienten freiwillig und greift nicht in das Recht auf freie Arztwahl ein, betont die BLZK. Langfristig will sie flächendeckend allen Seniorenheimbewohnern im Bundesland den Zugang zu zahnärztlicher Behandlung ermöglichen.

„Nein, wegen der Krümel“

„Nein, wegen der Krümel“, protestiert Magdalena S. als Cindy N. ihr gegen acht Uhr morgens Frühstück machen will. Kein Vollkornbrot, kein Toastbrot, kein Hunger. Gerade hat die „Schwester“ ihre Dritten im Badezimmer geschrubbt, gleich geht es zum Zahnarzt. Dann wenigstens ein Kännchen Kaffee, hakt Cindy N. nach. Mit viel Milch, wie Magdalena S. es mag. Dazu Pillen, eckig und rund – ungefähr so viele, wie in ein Schnapsglas passen.

Am liebsten frühstückt die alte Dame allein im Zimmer, das kennt die Pflegerin. Vom in die Jahre gekommenen, einen Meter breiten Fernseher lächelt sie eine 20 Zentimeter große Plastik-Marienfigur mit Jesuskind an. Daneben ein Engelchen mit blonden Locken, einen Kopf größer. An der Wand ein hölzernes Kruzifix, geschmückt mit Enzian. Kleine Bilderrahmen mit blassen Fotos erinnern Magdalena S. an ihre treuen Begleiter von einst: Mischlingshund und Katze. Kinder und Enkel hat sie nicht.

„Prophylaxe ist bisher abhängig vom Engagement und der Verantwortlichkeit der Pflegekräfte als auch der Angehörigen oder anderer Betreuer“, sagt Heimleiter Gosdschan. Er spricht aus Erfahrung: Gemeinsam mit Zahnärzten hat er in seinem Karlstädter Heim ein Prophylaxeprojekt initiiert. „Prävention kann nachhaltig die Lebensqualität aufrecht erhalten und verbessern“, betont er. So könnten Vorsorgeuntersuchungen helfen, Ursachen der Nahrungsverweigerung festzustellen und Sondennahrung zu vermeiden.

„Prophylaxe kann Essen wieder zum Erlebnis machen“, unterstreicht der Leiter der Heroldstiftung. „Essen ist in den Heimen oft das einzige soziale Event“, ergänzt Prof. Dr. Frauke Müller, Leiterin der Abteilung für Gerodontologie und Prothetik der Universität Genf. Seit ein paar Jahren unterstützt das Münchner St. Josef-Heim die sinnliche und soziale Komponente des Essens mit einem Wohngruppen-Küchenkonzept. Wer dennoch im Zimmer essen will oder etwas später als gewohnt, kann dies ebenfalls.

Bei Zahnlosen sei die Nahrungsaufnahme in der Regel viel schlechter, sagt Müller. Sie bekämen nicht nur weniger Kalorien, sondern auch weniger Proteine, Vitamine und Kalzium. „Wir müssen den Ernährungsstatus halten“, bekräftigt Patrick Stepper, Pflegeleiter im St. Josef. „Das geht nur mit einem intakten Gebiss.“

Schluck aus dem Glashumpen

Kurz vor acht Uhr im Doppelzimmer gegenüber: Ungeduldig schlägt Edeltraut S. mit ihrer Hand gegen den Stopper ihres Rollstuhles. Sie will in den Speiseraum. „Noch einmal spülen“, dröhnt die Stimme von Cindy N. aus dem Badezimmer. Denn die Bewohnerin hört schwer.

Gerade hat Edeltraut S. unter dem prüfenden Blick der Pflegerin eine knappe Minute lang ihre verbliebene vordere Zahnreihe im Unterkiefer geputzt. Die blauweiße Bürste mit dem Symbol einer Drogeriekette, besorgt von ihrem Mann, wackelt ein wenig in ihrer linken Hand. Ihre rechte Körperhälfte ist gelähmt. Sie nimmt einen Schluck Wasser aus ihren Glashumpen, spuckt zischend aus. Der einzige Ton, den Cindy N. von der 74-Jährigen hört. Edeltraut S. kann seit einem Luftröhrenschnitt nicht mehr normal sprechen.

Vor diesem morgendlichen Zähneputzen kommunizieren die beiden Frauen mit DINA4-Block und Kuli. Cindy N. fährt das Bett herunter. 30 Sekunden später sitzt die Rentnerin, 66 Kilo schwer, im Rollstuhl. Die Pflegerin hat Schweißperlen auf der Stirn.

Kleines Zeitfenster

„Zähne sind uns sehr wichtig“, unterstreicht Pflegeleiter Stepper. Gleichwohl weiß der 40-Jährige, dass seine Mitarbeiter noch eine Menge mehr bewerkstelligen müssen. „Die Altenpflege hat sich von einem Betreuungsberuf zu einem Heilhilfsberuf gewandelt“, urteilt er. Im Alltag gibt es nur einen kleinen Zeitkorridor für Mundhygiene.

Die Zimmernachbarin von Edeltraut S. liegt mit geschlossenen Augen im Bett. Alle drei Stunden lagern die Pfleger sie um. Sie atmet schwer, seufzt leise. „Frau G.“, sagt Cindy N. gefühlvoll und streichelt sanft über den Kopf. „Ich mache jetzt ein bisschen Mundpflege.“ Mit klarer Mentholspülung und weißer Kompresse wischt die 31-Jährige den fast zahnlosen Mund der gebrechlichen Frau aus. Der straff gebundener Zopf von Cindy N. wippt im Takt hin und her. Blutstropfen und dickflüssiger Schleim kleben an dem Papiertuch um ihren rechten Zeigefinger. „Ist schon gut. Wir sind fertig“, sagt sie und zieht sich die Schutzhandschuhe aus.

Zahnarzt Eschrich macht sich derweil auf den Weg zu seinen anderen Patienten in die nahe gelegene Gemeinschaftspraxis, während vor dem Speisesaal auf Station 2A die Papageienweibchen weiter über unbefruchteten Eiern brüten und Cindy N. bis zum Schichtende um 14.12 Uhr noch dreimal einschätzt, ob ein Bewohner den Zahnarzt oder nur eine neue Spezialbürste benötigt. An Motivation fehlt es allen Beteiligten jedenfalls nicht.

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