40 Jahre Kariesprophylaxe mit Lack

Das Fluorid aus der Spritze

Heftarchiv Zahnmedizin
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Gelb-klebrig an den Zähnen, so haben viele Deutsche den Fluoridlack noch aus der eigenen Schulzeit in Erinnerung. Mit dem Positiven: Abends fällt das Putzen aus. Längst nicht nur für Kinderzähne geeignet, wird der Lack nun 40 Jahre alt.

1968 erstmals als Arzneimittel in Deutschland registriert, begründete die klebrige Masse eine neue Produktkategorie zur Kariesprophylaxe. Entwickelt hat ihn Prof. Dr. Helmut F. M. Schmidt von der Universitäts- Zahnklinik Marburg. Erste Vorarbeiten machte er bereits im Jahre 1962.  

Seitdem hat sich der Fluoridlack etabliert. Seine kariesprophylaktische Wirksamkeit wies die Wissenschaft in zahlreichen klinischen Studien nach. Im Laufe der Zeit folgten Zulassungen in den USA, Südamerika, dem Ostblock, Asien und Afrika. Nach mehrfachem Vertriebwechsel landete das Traditionsmittel schließlich bei der Firma Gaba, die dem Lack zum diesjährigen 40. Geburtstag ein Symposium widmete.

Einfache Applikation

Erste Resultate hatte Schmidt bereits vor vierzig Jahren aus einer breit angelegten klinischen Studie zur Karieshemmung. „Eine einmalige Touchierung mit dem Fluoridlack ergab in einem Zeitraum von 15 Monaten eine Kariesreduktion von 36 Prozent bei 13- bis 14-jährigen Schulkindern gegenüber einer Kontrollgruppe“, resümierte Prof. Dr. Joachim Klimek, Gießen, beim Symposium.

1969 präsentierte Schmidt das Verfahren und seine Anwendungsmöglichkeiten in den zm. Sein Fazit lautete: „Die einfache Applikationsmethode erlaubt es auch, den Zeitpunkt kariesprophylaktischer Touchierungen bei Kindern erheblich vorzuverlegen. Es ist damit erstmals die Möglichkeit gegeben, mit einer Methode der lokalen Fluor-Applikation das Milchgebiss vom Durchbruch der ersten Milchmolaren an kariesprophylaktisch zu versorgen.“

Damals wie heute kann der Zahnarzt den Lack auch ohne zahnärztliche Behandlungseinheit auftragen.

Zuerst verwendete er dazu noch ein mit Watte umwickeltes Holzstäbchen, später dann eine Karpulenspritze mit stumpfer Kanüle. „Gezielt an den Fissuren und Grübchen, approximal, an den Füllungsrändern und an den Stellen beginnender Entkalkung“, hieß es in zm 22/86 zum Auftragen per Spritze. Schmidt und sein Team stellen ihr 1981 begonnenes Marburger Modell zur Fluoridlack-Applikation in Grundschulen vor. Dieses kombinierte die Fluoridierung mit Zahnputzübungen und Ernährungsaufklärung.

Als das Modellprojekt startete, belegten laut Klimek bereits 15 klinische Studien aus sechs Ländern, dass der Lack bei zwei- bis viermaliger Applikation pro Jahr ein hochwirksames Präparat zur Karieshemmung sei. Zahnmediziner schätzen den Fluoridlack auch heute wegen seiner Tiefenwirkung: „Der Lack bildet auf den Zähnen einen temporären Film, der eine intensive Fluoridanreicherung des Zahnschmelzes ermöglicht“, umreißt Klimek die Funktionsweise.

Im Jahr 2001 erstellten Wissenschaftler einen Cochrane Review zur Kariesprävention bei Kindern und Erwachsenen mit Fluoridlack. „Von 116 näher betrachteten klinischen Studien wurden neun für eine Metaanalyse berücksichtigt“, berichtet Klimek. Für die bleibenden Zähne hätten die Forscher eine statistisch gesicherte Kariesreduktion von 46 Prozent (30 bis 63 Prozent), für Milchzähne von 33 Prozent (19 bis 48 Prozent) gefunden.

Einsatz in der Gruppenprophylaxe

Die Methode erhielt bundesweit schnell Einzug in die Gruppenprophylaxe. Laut Zahlen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Jugendzahnpflege (DAJ) bekamen im Berichtsjahr 2006/2007 bundesweit rund 819 000 Kinder im Rahmen der Gruppenprophylaxe Fluoride. Dazu zählten neben Lacken auch Gelees, Lösungen und Tabletten.

Die Maßnahmen erreichen über zwölf Prozent der in den Einrichtungen gemeldeten Mädchen und Jungen zwischen drei und zwölf Jahren, berichtet der DAJ. Die Gabe von Fluoriden über das tägliche Zähneputzen hinaus empfiehlt die Arbeitsgemeinschaft seit Jahren als bewährtes Mittel gegen Karies. Seit 1988 zahlen auch die gesetzlichen Krankenkassen die Präparate für den Einsatz in Kindergärten und Schulen. Wenngleich die Gabe von Fluoriden nur ein Teilaspekt der Kariesprophylaxe ist, hat die Zahnärztliche Zentralstelle Qualitätssicherung (ZZQ) im Institut der Deutschen Zahnärzte diese in der Leitlinie Fluoridierungsmaßnahmen aus dem Jahr 2006 bewertet. Ihre evidenzbasierte Empfehlung lautet: „Die Fluoridlack-Applikation ist eine wirksame kariespräventive Maßnahme. Bei Kindern und Jugendlichen kann sie zweioder mehrmals jährlich und unabhängig von anderen Fluoridierungsmaßnahmen durchgeführt werden.“

 Was ist Fluoridlack? „Es stellt ein nach der Applikation an den Prädilektionsstellen der Karies haftendes Fluoriddepot dar, das über Stunden Fluoridionen in hoher Konzentration auf den Schmelz einwirken lässt und dadurch eine deutlich nachweisbare Tiefenwirkung ermöglicht“, heißt es bereits Mitte der Achtzigerjahre in den zm.

Fluoridlack heute und morgen

Das Haupteinsatzgebiet liegt nach wie vor bei Kindern und Jugendlichen, berichtet Prof. Lars G. Petersson von der Universität Halmsta, Schweden. Doch während der letzten zehn bis 15 Jahre hätten Zahnmediziner den Fluoridlack auch verstärkt bei schmerzempfindlichen Zähnen und Erosion und Attrition eingesetzt.

Als Herausforderung für die Zukunft stellt Petersson die wachsende ältere Generation mit mehr eigenen Zähnen heraus. Verminderter Speichelfluss durch vermehrte Medikation, die Akkumulation von dentaler Plaque sowie das Angebot von Kohlenhydraten bewirkten eine unkontrollierte Zunahme dentaler Karies. „Die Behandlung dieser Patienten mit Fluoridlacken oder neuen Präparaten und Methoden ist sinnvoll, um die Gesundheitskosten stabil zu halten“, betont Petersson.

Selbst nach 40 Jahren ist die Anwendung von Fluoridlacken seiner Meinung nach in vielen Ländern eine neue kariesprophylaktische Maßnahme. „Dies ist ein Zeichen dafür, dass der Wissenstransfer langsam und ineffektiv ist“, sagt Petersson.

Schwierigkeiten gibt es laut Hersteller zudem bei jugendlichen Patienten. Sie lehnten den Lack wegen seiner starken Farbe oft aus ästhetischen Gründen ab. Dies sollte sich eigentlich zum Jubiläum ändern. Doch vorerst behält der Fluoridlack von 1968 sein Gesicht.  jr

Gängige Lacke hat die DAJ zusammengestellt:www.daj.de/pdf/fluorlacke.pdf

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