Zahnärzte ohne Grenzen

Eine Praxis auf Rädern

Die Zahnärztin Annette Kirchner-Schröder hat sich in diesem Frühjahr zwei Wochen lang als freiwillige Helferin für Zahnärzte ohne Grenzen (DWLF) in verschiedenen sozialen Einrichtungen in Rumänien engagiert. Die Arbeitsbedingungen waren ungewohnt und schwierig. Aber Not macht erfinderisch. Ihr Projektpartner Lorand Szüszner von den Johannitern kam mit einem Sprinter – beladen mit einer kompletten mobilen Zahnarztpraxis. Ein Segen für die Patienten vor Ort. Sie sind nun schmerzfrei.

Erstes Ziel der Reise: Bãdãcin im Nordwesten des Landes. Dort befindet sich das Heim CITOPH, eine Wohnstätte für momentan 127 überwiegend geistig behinderte Menschen. Die „Baustein-Praxis“ wurde in einem Arztzimmer aufgebaut. Aus Platzgründen wurde nur eine mobile Einheit angeschlossen – dankenswerterweise zur Verfügung gestellt von Dieter Lehmann (DWLF).

Erste Station

Noch am Tag der Anreise begannen die Untersuchungen. Die Patienten waren sehr ungeduldig. Jeder wollte der Erste sein. Da seit 1991(!) kein Zahnarzt mehr diese Einrichtung besucht hatte, wurden die Helfer Zeugen vieler zerstörter Gebisse. Die Kommunikation verlief jedoch angenehm, da das Personal die Patienten liebevoll begleitete und das Vertrauen in „die Deutschen“ riesig war. Jeder Patient erhielt am Ende der Behandlung eine Zahnbürste. Dank der guten Assistenz von Lorand Szüszner und der Unterstützung einer rumänischen Zahnärztin, die sechs Stunden mit dem Auto angereist war, konnten in zwei Tagen insgesamt 54 Konsultationen mit Mehrfachbehandlungen durchgeführt werden. Das Team extrahierte knapp 70 Zähne und versorgte 16 Zähne mit Füllungen. Die Behandlungen verliefen unter schwierigen Arbeitsbedingungen:

• ungewohnte Arbeitshaltung, da die Patienten auf einem Bürostuhl saßen

• schlechtes Licht

• ungenügende Absaugung

Vor diesem Hintergrund stellen die genannten Zahlen ein gutes Ergebnis dar. Aber es ist noch viel zu tun: Zum derzeitigen Stand der Befunde sind allein bei den untersuchten Patienten noch 140 Zähne zu entfernen und 114 Füllungen zu legen, so dass ein erneuter Einsatz für September 2010 geplant ist. Bilanzierend wurden viele Patienten von ihren monatelangen Schmerzen befreit. Die Begeisterung über die neue Lebensqualität war grenzenlos.

Zweite Station

Der nächste Einsatzort lag circa 140 Kilometer weiter südlich in Luncani. Dort gibt es ein Haus, in dem etwa 20 junge Menschen – vorwiegend Roma – im Alter von 14 bis 32 Jahren leben. Sie kommen aus zerrütteten Familien oder kennen ihre Eltern nicht. Das Heim wird von Gerhard Spitzer geleitet, einem Österreicher, der seit 20 Jahren in Rumänien lebt. Ziel ist es, den Menschen eine Berufsausbildung zu ermöglichen und sie mit den Regeln des sozialen Zusammenlebens vertraut zu machen. Technik und Materialien wurden im Eingangsbereich der Wohnstätte – einem umgebauten Stall – aufgebaut. Unter mitfühlenden Blicken der Zuschauer wurden die einzelnen Behandlungen durchgeführt, auch hier erst einmal überwiegend Extraktionen. Jeder gezogene Zahn wurde mit Applaus bedacht. Beinahe jeder Bewohner wünschte eine Behandlung – gegen Mitternacht konnte das Team den letzten Patienten verabschieden.

Dritte Station

Am nächsten Morgen verließ das Team Luncani gegen sechs Uhr morgens. Zwei Stunden später und 200 Kilometer entfernt begann der Arbeitstag in der DWLF-Zahnstation in Lunca Ilvei. Die Praxis wird seit 2009 mit einem Prophylaxeprogramm für Grundschüler begleitet. An diesem Tag wurden die Kinder aller dritten Klassen einbestellt. Das Team untersuchte 36 Kinder und versiegelte 127 Molaren und Prämolaren, extrahierte rund 20 Milchzahnwurzelreste und legte einige Füllungen. Außerdem wurden die Zähne fluoridiert. Jedes Kind bekam einen Becher mit Zahnbürste und einen Zettel für die Eltern mit, um diese über den weiteren Behandlungsbedarf zu informieren. Der Einsatz stieß auf großes Interesse bei den Medien. In den Nachrichten der vier großen regionalen Fernsehsender waren Bilder und Interviews zum DWLF-Projekt zu sehen.

Zurück zur zweiten Station

Der Aufenthalt in Luncani machte deutlich, wie viel Behandlungsbedarf dort noch besteht. Aus diesem Grund machte sich das Team erneut zurück auf den Weg, um zum dritten Mal die gesamte Praxis aufzubauen. Der Lagerraum war gesäubert. Lange Tische mit weißen Tischdecken waren für die Instrumente und Materialien vorbereitet worden. Endlich genügend Platz, um alles möglichst optimal aufzubauen. Am ersten Mai, denkwürdigerweise der Tag der Arbeit, behandelte das Team noch einmal zwölf Stunden, unterbrochen lediglich durch zwei kleine Essenspausen. Insgesamt wurden in Luncani 36 Konsultationen durchgeführt, 31 Zähne entfernt und 36 Füllungen gelegt. Der Leiter des Hauses und seine Bewohner waren überglücklich.

Fazit

Dieser Einsatz hat dem Team viel Kraft abverlangt. Mit Herzblut und Flexibilität wurden alle Schwierigkeiten gemeistert. Der Dank gilt allen, die an diesem Einsatz beteiligt waren.

ZA Annette Kirchner-SchröderLerchenstraße 6,67688 Rodenbach

www.dwlf.org

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