WHO-Bericht zur Finanzierung von Gesundheitssystemen

Patentlösung ist nicht in Sicht

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert alle Länder eindringlich auf, die Finanzierung ihrer Gesundheitssysteme zu stärken, damit mehr Menschen Leistungen in Anspruch nehmen können. Einen praktischen Leitfaden für verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten im Gesundheitswesen will der neue Weltgesundheitsbericht 2010 bieten, der am 22. November in Berlin vorgestellt wurde.

„Niemand sollte finanziellen Ruin befürchten müssen, weil er medizinische Behandlung benötigt,“ erklärte die Generaldirektorin der WHO Margaret Chan bei der Vorstellung des Berichts. Im Beisein von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler und Dirk Niebel, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, präsentierte sie das Papier der Öffentlichkeit.

Alle Gesundheitssysteme überall in der Welt könnten ihre Ressourcen besser einsetzen, so die WHO. Jedes Jahr würden 100 Millionen Menschen in die Armut getrieben, weil sie Gesundheitsleistungen direkt beim Erbringer bezahlen müssten. Millionen Menschen müssten ganz auf medizinische Versorgung verzichten, weil sie sich diese finanziell nicht leisten könnten. Weltweit hätten Regierungen Probleme bei der Finanzierung der Systeme aufgrund von Überalterung, steigenden chronischen Erkrankungen sowie neuen und immer kostspieligeren Behandlungsformen. Die WHO beklagt, dass nicht nur Entwicklungsländer betroffen seien, auch in Industriestaaten seien viele Menschen mit den Behandlungskosten überfordert.

Allgemeine Absicherung

Die WHO will Lösungen aufzeigen, wie die Finanzierung der weltweiten Gesundheitssysteme verbessert und effizienter gestaltet werden kann. Sie will finanziellen Schutz für alle erreichen und empfiehlt daher den Ländern, mehr zur allgemeinen Absicherung im Krankheitsfall zu tun. Der neue Bericht versteht sich als Leitfaden. Aufbauend auf Erfahrungen der einzelnen Länder werden drei Handlungsmöglichkeiten vorgestellt:

1. Beschaffung ausreichender Ressourcen für die Gesundheit mit folgenden Optionen:

• Man gibt dem Gesundheitsbereich einen höheren Stellenwert bei den staatlichen Ausgaben.

• Man sorgt für eine effizientere Erhebung von Staatseinnahmen.

• Man diversifiziert die Einnahmequellen, etwa durch erhöhte Mehrwertsteuern, „Sündensteuern“ (Tabak, Alkohol) oder Solidaritätsabgaben.

• Man setzt auf verstärkte Unterstützung von außen (Einhaltung von Zusagen durch Geberländer, Entwicklungshilfe).

2. Der Schwerpunkt für die Finanzbeschaffung sollte auf verschiedenen Formen der Vorauszahlung liegen (zum Beispiel Versicherungen und/oder Steuern). Diese Mittel sollten dann zusammengelegt werden, um den Leistungszugang sicherzustellen und die finanziellen Risiken zu verteilen. Hierdurch würde die Abhängigkeit von einer direkten Zahlung der Eigenleistungen minimiert.

3. Die Verbesserung von Effizienz und Gerechtigkeit.

Der Bericht nennt zehn typische Bereiche, in denen Verbesserungen möglich sind. Dazu gehört etwa die Senkung unnötiger Arzneimittelausgaben durch sachgerechteren Einsatz und verbesserte Qualitätskontrolle, eine verbesserte Effizienz im Krankenhausbereich, die Wahl der richtigen Interventionen (zum Beispiel Mix aus Gesundheitsvorsorge, -förderung und Behandlung) oder funktionierende Anreize (Vermeidung von Überversorgung durch vermehrte Nachfrage und Ärztevergütung pro Eingriff, Fallpauschalen).

Gewarnt wird auch vor einer Fragmentierung von Leistungen der internationalen Gemeinschaft. Fünf Jahre nach der Pariser Erklärung über die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit, nach der Hilfe harmonisiert werden sollte, laufen mehr als 140 weltweite Gesundheitsinitiativen parallel – eine Belastung der Empfängerregionen in Bezug auf Logistik und Berichterstattung sowie eine zusätzliche Ursache für Mittelverknappung.

„Für den Aufbau von Gesundheitssystemen gibt es keine Patentlösungen“, kommentierte Bundesgesundheitsminister Rösler. „Jedes Land muss seinen eigenen Weg gehen und dabei historische, kulturelle und sozioökonomische Gegebenheiten berücksichtigen.“ Entwicklungshilfeminister Niebel unterstrich, dass der Gesundheitsbereich einer der Schlüsselsektoren deutscher Entwicklungspolitik sei, der jährlich mit 500 Millionen Euro unterstützt werde.

Im Anschluss an die Vorstellung des WHO-Berichts berieten Minister und Vertreter aus über 50 Ländern über Strategien zur Verbesserung des weltweiten Zugangs zur Gesundheitsversorgung in Berlin.

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