Medizinhistorisches Museum der Charité

Körperbilder der Moderne

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Die Berliner Charité begeht ihr 300-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass zeigt die Schau „Fritz Kahn – Maschine Mensch“ bis zum 11. April 2010 erstmalig eine Auswahl der besten Bilder des Arztes und Wissenschaftsautors Fritz Kahn (1888 – 1968) in den Räumen des Medizinhistorischen Museums der Charité.

Das zentrale Thema bei Fritz Kahn ist das Leben des Menschen. Er schuf eine Anatomie und Physiologie – klar und allgemein verständlich. Typisch für Kahn: Er veranschaulichte Bau und Funktionsweise des Menschen durch – für seine Zeit – moderne Analogien zwischen Mensch und Maschine. Die Tafel „Der Mensch als Industriepalast“ gilt als eines seiner bekanntesten Werke: ein Versuch, die wichtigsten Lebensvorgänge, die direkt nie beobachtet werden können, in Form bekannter technischer Prozesse darzustellen, um so ein Gesamtbild vom Innenleben des menschlichen Leibes abzubilden. Das Herz wird bei Kahn zur Kolbenpumpe, der Magen zur Raffinerie, die Leber zur Chemiefabrik. Nicht selten tragen seine Bilder dadaistische beziehungsweise surrealistische Züge. Erstaunlich: Kahns Darstellungen zeigen verblüffende Parallelen zwischen den Bau- und Funktionsprinzipien des menschlichen Körpers und den technischen Erfindungen seiner Zeit, etwa Autos, Aufzügen oder neuen Medien wie Radio und Film. Kahn dachte und schrieb in Bildern, konnte aber – hier lagen die Grenzen seines Talents – nicht zeichnen. Seine Rettung: Illustratoren visualisierten nach seinen Anweisungen die Bau- und Funktionsweise des menschlichen Körpers auf – für die 1920er-Jahre – spektakuläre neue Art. Sein Hauptwerk, die fünfbändige Reihe „Das Leben des Menschen“ (1922 – 1931), galt in den Zwanzigerjahren als Leistung von Weltrang, berichtet Uta v. Debschitz, die Kuratorin der Ausstellung. Sie erklärt, was die Bildsprache von Fritz Kahn leistet: „Kahns Bilder funktionieren ohne Vorwissen. Komplexe Themen werden in Alltagssituationen übersetzt und sind daher massentauglich.“ In den 20er-Jahren seien Kahns Illustrationen derart erfolgreich gewesen, dass sie zu Tausenden gedruckt wurden, erklärt v. Debschitz. Er sei Brennglas des Zeitgeistes der Weimarer Republik und gewissermaßen ein Volksaufklärer gewesen – inzwischen würden die Bilder wiederentdeckt und faszinierten auch heute noch durch ihre einzigartige Lebendigkeit. Kahns Absicht: dem Betrachter das Unbegreifliche begreiflich machen – durch Bezüge zu Alltagserfahrungen, so v. Debschitz. Ein Beispiel: Kahn vergleicht das vom Schädel geschützte menschliche Gehirn mit dem von einer harten Schale geschützten Fruchtfleisch einer Walnuss (Abbildung). Dazu Uta v. Debschitz: „Das ist nicht nur eine wunderschöne moderne Illustration, sondern auch eine Analogie, die jeder sofort versteht.“ Nach der Beobachtung von v. Debschitz habe Kahn in den Darstellungen ein Maximum an Verständlichkeit einer inhaltlichen Genauigkeit manchmal bewusst vorgezogen. Als Teil der Ausstellungsreihe „Interventionen“ stehen Kahns Illustrationen in direktem Kontext zur Dauerausstellung des Medizinhistorischen Museums. Die Kuratorin erklärt, warum: „Während in der Dauerausstellung totes Material ehemals kranker Menschen gezeigt wird, konzentriert sich Kahn in seinen Bildern auf den gesunden Menschen. So entsteht ein reizvoller Kontrast zwischen den ungewöhnlich lebendigen Bildern Kahns und den pathologischen Präparaten.“ Ziel der Schau sei unter anderem, das einzigartige Werk von Fritz Kahn als einen lebendigen Teil deutscher Kulturgeschichte zu zeigen.

www.bmm.charite.dewww.fritz-kahn.com

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