Hormonmangel beim Mann

Testosteron-Substitution – jetzt per Achselroller

Eine nachlassende Leistungsfähigkeit, Vitalitätsverlust, schwindende Libido und depressive Verstimmungen – das können bei Männern Hinweise auf einen Testosteronmangel sein. Das Hormon lässt sich neuerdings mittels eines Achselrollers substituieren. Die Testosteron-Substitution sollte aber nur bei strenger Indikationsstellung erfolgen. Denn unproblematisch ist sie nicht, vor potenziellen Gefahren hat jüngst die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) gewarnt.

Kein Zweifel an der Indikation für die Testosteron-Substitution besteht, wenn ein Hypogonadismus manifest ist, der betreffende Mann also eine Unterfunktion der Hoden aufweist, aus der ein Hormonmangel resultiert. Schwieriger ist die Situation zu beurteilen, wenn sich aufgrund der Symptomatik der Verdacht auf ein Androgendefizit einstellt. „Sind die Testosteronspiegel niedrig und der Mann gibt eine entsprechende Symptomatik an, so ist ebenfalls eine Substitution zu erwägen“, erklärt Dr. Wolfgang Bühmann, Keitum/Sylt, Facharzt für Urologie und Sprecher des Berufsverbands der Deutschen Urologen e.V.

Testosteron wird als wichtigstes männliches Sexualhormon zu mehr als 90 Prozent in den Hoden und zu einem geringen Anteil auch in den Nebennieren aus Gestagenen und Dehydroepiandrosteron (DHEA) gebildet. Reguliert wird die Hormonbildung über die hypothalamisch-hypophysär-gonadale Achse. Das Hormon erreicht via Blutbahn die Zielorgane und wird dort direkt oder nach Metabolisierung zu Dihydrotestosteron (DHT) wirksam. Es ist verantwortlich für die Ausprägung des männlichen Phänotyps, für die Spermienreifung, und es hat eine anabole Wirkung.

Ab 35 geht’s bergab

Ob ein bei einem Mann ermittelter Testosteronwert pathologisch ist oder nicht, lässt sich oft nicht ohne Weiteres entscheiden. Denn ab dem 35. Lebensjahr sinken die Spiegel physiologischerweise um etwa ein Prozent pro Jahr. Die Crux an der Geschichte: Es gibt beim 20- bis 29-jährigen Mann eine große Spannbreite der Testosteronspiegel, der Normbereich reicht von 3,1 bis 8,3 ng/ml.

Geht der Spiegel mit zunehmendem Alter peu à peu zurück, so geschieht das meist unbemerkt. Ob der physiologische Abfall normgerecht erfolgt, lässt sich laut Bühmann nur entscheiden, wenn der entsprechende Wert im jungen Erwachsenenalter bekannt ist, was routinemäßige Spiegelbestimmungen bei jungen Männern voraussetzen würde. Derzeit gilt bei 50- bis 59-Jährigen ein Testosteronwert von 2,4 bis 6,3 ng/ml als normal. Hat jedoch ein Mann in jungen Jahren einen hohen Testosteronspiegel, so kann 20 bis 30 Jahre später durchaus ein Wert am unteren Ende der normalen Range ein pathologisch erniedrigtes Testosteron signalisieren und Symptome hervorrufen. „Wir unterscheiden deshalb einen eindeutig normalen, einen eindeutig pathologisch niedrigen und außerdem einen Graubereich bei den ermittelten Werten“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Weidner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie, Kinderurologie und Andrologie des Universitätsklinikums Gießen.

Vitalitätsverlust als Zentralsymptom

Wird ein Wert im „Graubereich“ ermittelt, steht und fällt die Indikation zur Hormonsubstitution mit dem Auftreten von Beschwerden. Ein zentrales Symptom, das Männer mit Androgendefizit berichten, ist der Verlust an Vitalität. Die Betroffenen geben an, ihre geistige und körperliche Leistungsfähigkeit schwinde zusehends, es gibt Klagen über eine zunehmende Antriebsschwäche, nachlassende Libido und depressive Verstimmungen. Typisch ist ferner ein Abbau der Muskelmasse bei gleichzeitiger Zunahme des Körperfettanteils, insbesondere des viszeralen Fettgewebes.

Besteht ein ausgeprägter Leidensdruck, wird man sich für eine Testosteron-Substitution entscheiden. Weit verbreitet ist die Applikation des Hormons als Gel, wobei verschiedene – laut Weidner hinsichtlich ihrer pharmakologischen Qualität gleichwertige – Präparate im Handel sind. Die Einnahme von Tabletten ist wegen des hohen First-Pass-Effekts in der Leber obsolet, die Behandlung mit Hormonpflaster ist theoretisch möglich, findet aber bei den Männern verständlicherweise kaum Akzeptanz: „Die Pflaster müssten auf die Haut des Hodensacks geklebt werden, damit eine adäquate Resorption gewährleistet ist“, erklärt der Urologe. Als gut etablierte Applikationsform neben dem Gel nennt er die intramuskuläre Injektion von Testosteron alle drei Monate.

Jüngst hat sich nun das Spektrum der Darreichungsform um eine Lösung, die mittels eines Applikators in die Achselhöhle aufgetragen wird, erweitert. Ob sich diese Form durchsetzen wird, bleibt nach Bühmann abzuwarten, er hat so seine Bedenken: „Die Haut in der Achselhöhle ist recht empfindlich und es ist zudem offen, wie sich die zusätzliche Anwendung des üblichen Deodorants in dieser Region auswirkt – in puncto Hautreizungen, potenzielle Interaktionen und auch hin-sichtlich der Geruchsentwicklung, da Testosteron selbst keineswegs geruchsneutral ist.“

Sicherheitsbedenken zur Substitution

Die Testosteron-Substitution ist zudem nicht ohne Nebenwirkungsrisiken, wobei vonseiten der FDA Sicherheitsbedenken aufgrund der retrospektiven Auswertung einer großen US-Kohortenstudie geäußert wurden. In der Studie, in der 8 700 Veteranen wegen niedriger Testosteronspiegel mit dem Hormon behandelt worden waren, war eine deutlich erhöhte Rate kardiovaskulärer Ereignisse dokumentiert worden. „Es handelt sich bei der Untersuchung allerdings nicht um eine prospektive kontrollierte Studie, so dass die Daten mit der gebotenen Vorsicht zu interpretieren sind“, gab Bühmann zu bedenken.

Doch es gibt, so räumt der Urologe ein, auch aus anderen Untersuchungen Hin- weise auf ein möglicherweise erhöhtes kardiovaskuläres Risiko unter der Hormonsubstitution. So nimmt unter der Hormonbehandlung die Zahl der Erythrozyten zu, was erklärt, warum Testosteron auch als Dopingmittel genutzt wird. Mit der Erythrozytenzahl steigt der Hämatokrit, das Blut dickt quasi ein, was beim älteren Mann durchaus ein erhöhtes vaskuläres Risiko bedingen kann. Wissenschaftlich eindeutig belegt ist ein kausaler Zusammenhang zwischen der Testosteron-Substitution und einem erhöhten Risiko für Herz- und Gefäßkomplikationen jedoch nicht.

Vorsicht ist bei der Testosteron-Substitution noch aus einem anderen Grund geboten: Das Vorliegen eines Prostatakarzinoms ist eine absolute Kontraindikation für die Hormonbehandlung, so dass vor deren Beginn versucht werden sollte, per PSA-Bestimmung und digitaler Untersuchung ein Prostatakarzinom möglichst auszuschließen.

Eine medizinische Indikation zur Substitution liegt nach Bühmann außerdem keinesfalls vor, wenn Testosteron quasi als Bremse des Alterns fungieren und der Entwicklung von Bauchansatz und Libidoverlust entgegenwirken soll.

Christine VetterMerkenicher Str. 22450735 Kölninfo@christine-Vetter

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