Nonnen, Wundärzte und Dentisten

Zahnmedizin vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit

Von der Heiligen Apollonia und Hildegard von Bingen über die Bader und Wundärzte der frühen Neuzeit bis zu Wilhelm Fabry, Pierre Fouchard und Philipp Pfaff: Ohne sie würde es das Berufsbild des Zahnarztes, wie wir es heute kennen, nicht geben. Schauen wir auf das medizinische Wissen und die zahnärztlichen Behandlungen von damals.

Spätestens seit dem 9. Jahrhundert gedachte das christliche Mittelalter jedes Jahr am 9. Februar der Märtyrerin Apollonia von Alexandria, der im Zuge der Christenverfolgung die Zähne ausgeschlagen oder mit einer Zange herausgezogen worden sein sollen, bevor sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Seitdem gilt die Heilige, die häufig mit einer Zange oder einem Zahn als Attribut dargestellt wird (Abbildung 1), als Schutzpatronin der Zahnkranken und später auch der Zahnbehandler [Pack, 2003]. Doch welche Formen medizinischen Wissens und der zahnheilkundlichen Behandlung gab es im Mittelalter und der frühen Neuzeit? Dazu hilft ein Blick auf die Rolle von Nonnen, Wundärzten und Dentisten bei der Zahnbehandlung vom 12. bis ins 18. Jahrhundert.

In Klöstern wurden die griechischen Klassiker übersetzt

Mit dem Untergang des Römischen Reiches im 5. Jahr­hundert entstanden im europäischen Mittelalter weit­reichende Hemmnisse für die kulturelle und wissenschaftliche Entwicklung in dieser Region. Die in der Vorzeit obligatorischen Griechischkenntnisse waren im lateinisch­sprachigen Westen verloren gegangen, der Zugriff auf das antike medizinische Wissen war damit kaum mehr möglich und dieses in der Folge einem stetig fortschreitenden Niedergang ausgesetzt.

Die Trümmer einer antiken Wissenschaft „und mit ihnen schwache Spuren einer gewissen ärztlichen Gelehrsamkeit“ [Brunner, 2017, 4] retten sich in die Refugien des christlichen Abendlandes. Klöster avancierten zu den wichtigsten Zentren literarischer und kultureller Pflege. Neben umfangreichen Handschriftensammlungen entstanden hier Übersetzungen der griechischen medizinischen Klassiker ins Lateinische [Eckhart, 2017, 50; Heinzmann, 2021]. Die antiken Wissenschaften — auch die Medizin und die Arzneimittelkunde — wurden nun Teil der klösterlich-christlichen Gelehrsamkeit. Die sich für die Mönche aus ihrem religiösen Stand ergebende (Nächsten-)Liebe und Barmherzigkeit waren es dann, die die christlichen Klostergemeinschaften verpflichteten, auch für die Gesundheit ihrer Mitmenschen Sorge zu tragen [Seidler/Leven, 2017, S. 88; Brunner, 2017, 4-5].

Entsprechenden Niederschlag fanden diese Verpflichtungen in den Klosterregularien. Die wohl bekannteste ihrer Art sind die von Benedikt von Nursia (etwa 480 bis 547) verfassten Benediktinerregeln für das von ihm gegründete Gemeinschaftskloster Monte Cassino in Mittelitalien. So ist in Kapitel 36 der genannten Klostervorschriften zu lesen: „Die Sorge für die Kranken steht vor und über allen anderen pflichten. Man soll ihnen […] wie Christus dienen“ [Seidler/Leven, 2017, 88].

Die Benediktinerregeln waren jedoch nicht nur vorbildhaft für die Ausübung der Krankenpflege und Medizin, sondern ermöglichen ebenfalls den Einblick in eine nach damaligem Verständnis gesunde Lebenshaltung. So dominierten weiterhin die aus hippokratischen Zeiten bekannten Gesetzmäßigkeiten einer maßvollen diätetischen Lebensführung. Deren Missachtung führte in den Augen der Zeitgenossen unweigerlich zu Krankheit und Gebrechen. Gleichzeitig war das Mittelalter geprägt vom Konzept der Iatrotheologie (griech. iatros: Arzt, Heilkundiger), wonach Krankheit, auch wenn ihre natürlichen Ursachen bekannt oder erkennbar waren, als Teil eines göttlichen Wollens und Handelns gedeutet wurde. Krankheit und Leiden erschienen somit als Ausdruck einer göttlichen Strafe für kollektive oder individuelle Verfehlungen [Eckhart, 2017; Winau, 1993, 11]

Hildegard rät bei Zahnschmerzen zu Brombeerstacheln

Die Heilkunde des europäischen Mittelalters verquickte Kosmos, Weltbild und Erfahrungswissen. Körperliche Heilung war untrennbar mit seelischem Heil verwoben [Anhalt, 2015; Eckhart, 2017, 52-53; von Bingen, 1896/1897, 51, 86]. So verwundert es auch nicht, wenn Hildegard von Bingen (1098 bis 1179, Abbildung 2), eine der bedeutendsten Vertreterinnen der monastischen Medizin, die folgenden mahnenden Worte an den Erzbischof von Tier schrieb: „Lerne auch, die Wunden der Sünder richterlich und doch barmherzig zu heilen wie der höchste Arzt euch das Beispiel des Heilsbringers hinterließ zur Rettung des Volkes“ [Hildegard von Bingen zitiert nach Anhalt, 2015]. Und weiter heißt es: „Hüte dich, das Gute – im Geiste oder im Werk – so zu tun, als käme es von dir. Schreibe es vielmehr Gott zu, von dem alle Kräfte ausgehen wie die Funken vom Feuer“ [ebd.].

In ihren Schriften „Physica“ und „Causae et Curae“ verband Hildegard ebenfalls bekanntes antikes medizinisches Wissen, empirische Ansätze einer Volks- und Kräutermedizin, mit der christlichen Heilslehre. So empfiehlt sie in „Causae et Curae“ bei Zahnschmerzen beispielsweise die Verwendung eines Brombeerstachels: „Der Brombeer ist mehr warm als kalt. Wer eine geschwollene oder geschwürige Zunge hat, mache mit Brombeer (stacheln) oder mit einer Lanzette kleine Einschnitte, ebenso bei Zahnschmerzen am Zahnfleisch“ [von Bingen, 1896/1897, 31] .

Mit der Charakterisierung des Brombeers als „warm“ bezog Hildegard auch Ideen der gelehrten Medizin ein, deren entscheidendes Konzept im Mittelalter und bis in die frühe Neuzeit die Humoralpathologie blieb, die auf die antiken Autoritäten Hippokrates und Galen zurückgeführt wurde [Eckhart, 2017]. Gemäß dieser Vier-Säfte-Lehre wurde die Gesundheit von Menschen von einer individuellen Mischung der vier Säfte Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle bestimmt. Die Säfte waren mit bestimmten Organen, mit Qualitäten wie warm oder kalt, trocken oder feucht und mit bestimmten Charaktereigenschaften verbunden.

Noch heute bekannte Bezeichnungen wie Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker beschreiben Personen, bei denen jeweils einer der Säfte vorherrscht. Ein Ungleichgewicht der Säfte, Verstopfungen oder Abflüsse konnten Auswirkungen auf den Körper oder einzelne Organe haben und so zu Krankheit führen, ebenso ging man davon aus, dass mit der Nahrung aufgenommene Krankheitsmaterie gelegentlich nicht ausreichend ausgeschieden wurde und deshalb durch ausleitende Verfahren abgelassen werden musste, zum Beispiel durch Schwitzkuren, Aderlass, Einläufe oder Brechmittel [Stolberg, 2021, 129-150].

Während in Norditalien Anatomie und Chirurgie bereits im 15. und 16. Jahrhundert fester Bestandteil des Medizinstudiums waren, hielt sich im deutschsprachigen Raum die Trennung zwischen akademisch ausgebildeten Ärzten auf der einen Seite und handwerklich ausgebildeten Badern, Barbieren und Wundärzten auf der anderen Seite deutlich länger. Zu den Gründen dafür zählt der Medizinhistoriker Michael Stolberg zum einen die Furcht der Ärzte, die „handwerklichen Aspekte der Chirurgie könnten ihrer Würde als Gelehrte abträglich sein“ [ebd. 86]. Zum anderen waren die Barbiere und Wundärzte in vielen Städten in Zünften organisiert, die ihnen das „Behandlungsmonopol in chirurgischen Fällen, auch gegenüber studierten Ärzten“ [ebd.] garantierten.

Während die Bader schwerpunktmäßig Badestuben betrieben, wo die Besucher Bäder und Schwitzkuren durchführen sowie sich schröpfen lassen konnten, suchten Barbiere ihre Kunden häufig auch zu Hause auf – ebenso, wie es Ärzte in der Regel taten. Zu ihrem Angebot gehörten neben dem Schneiden von Haaren und dem Rasieren kleinere chirurgische Eingriffe und der Aderlass [Naef, 1994, 18-20; Stollberg, 2021, 491-496,]. Im Bereich der Zahnbehandlung wurden faule Zähne mit dem Brenneisen ausgebrannt und manchmal mit Gold, häufiger mit Amalgam, gefüllt. Noch üblicher war jedoch die Extraktion fauler Zähne – oder zumindest der Versuch. Die Patienten ließen sich von den Wundärzten auch die Zunge schaben. Im Sinne der Humoralpathologie ging man davon aus, dass das Gehirn ein Übermaß an Schleim produzieren konnte – etwa im Zuge einer Erkältung –, der durch Abhusten, Ausspucken oder eben Zungenschaben entfernt werden sollte. Das Instrument wurde auch auf Siegeln und Aushängeschildern gezeigt [Widmann/Mörgeli, 1998, 118-120].

Mit Regenwürmern gegen den Zahnwurm

Zahnschmerzen wurden im 16. Jahrhundert durch das Einnehmen betäubender Substanzen zum Teil symptomatisch behandelt. Dazu zählten Branntwein und bei starken Schmerzen Opium, das lokal aufgetragen oder eingenommen wurde. Mund und Zähne wurden gespült, etwa mit einer Mixtur aus Essig und Salz oder dem Urin von Menschen oder Pferden. Im System der Humoralpathologie konnte auch durch Aderlass, Schröpfen oder Reizen der Haut Krankheitsmaterie abgelassen werden, die als ursächlich für den Zahnschmerz angesehen wurde.

Schließlich wurden Behandlungsmethoden eingesetzt, um den Zahnwurm, der nach dem Volksglauben für Zahnfäule verantwortlich war, herauszulocken und zu töten. Hierzu gehörte das Inhalieren von Rauch, der bei der Verbrennung einer Mixtur aus gerösteten Blasenkirschen und Wachs entstand, oder das Einnehmen von pulverisierten Regenwürmern, die gemäß dem Ähnlichkeitsprinzip gegen den Zahnwurm wirken sollten. Gänzlich auf magischem Denken fußte die Empfehlung, mit dem Zahn eines Toten einen schmerzenden Zahn zu berühren, damit dieser ausfällt. Ausdrücklich gewarnt wurde jedoch davor, versehentlich einen gesunden Zahn zu berühren [Stolberg, 2021, 302-307].

Die Zahnextraktion zählte zu den Gesundheitsdienstleistungen, die auch von fahrenden Heilern angeboten wurden. Dazu gehörten ebenfalls das Blasenstein- und Bruchschneiden sowie der Starstich [Krischel/Moll/Van Kerrebroeck, 2014, 389-393]. Allen diesen Eingriffen war gemein, dass sie als schwierig galten und der Erfolg (im Fall der Stein- und Bruchschneider sogar das Überleben der Patienten) nicht gewiss waren. Durch das Umherziehen konnten zum einen höhere Fallzahlen und damit eine größere Übung der Behandler erreicht werden. Zum anderen konnten die fahrenden Heiler bei schlechtem Ausgang der Behandlung dem Groll von Patienten und Angehörigen entkommen, während die ortsansässigen Barbiere und Wundärzte mit ihrem Ruf für den Behandlungserfolg bürgten.

Aus einem „Lob[gedicht] der Wundärzte und Barbiere“ aus dem Jahr 1632 wissen wir, welche Instrumente zur Zahnbehandlung zu dieser Zeit in Nürnberg zur Verfügung standen. Dort werden genannt: „Auch Zangen zu einem bößen zahn/ Geißfuß Zangen und pelican;/ g’schraubt überwürff, und zung[en]schaber,/laucher hat in die schnäbel aber./ brennEisen viereckigt und Rundt,/ Mancherley instrument zur Stundt“ [Schnabel, 2017].

Den zweifelhaften Ruf von fahrenden Zahnbehandlern illustriert auch Kunst aus dem 16. und 17. Jahrhundert. So stellt Lucas von Leyden (1494—1533) in einem Kupferstich eine Behandlungsszene dar, in der die Tochter des Zahnbrechers dem Patienten während der Behandlung Geld stiehlt.

Kenntnisse in Anatomie als der Schlüssel
zur Chirurgie

Wilhelm Fabry (1560 bis 1634), auch als Fabricus Hildanus und als Fabry von Hilden bekannt, gehörte zu einem der führenden Wundärzte seiner Zeit (Abbildung 3). Geboren als Sohn eines Gerichtsschreibers in Hilden bei Düsseldorf, absolvierte er nach seiner Schulzeit eine Ausbildung beim Neusser Bader und Wundarzt Johannes Dümgens. Nach der Gesellenzeit und 14-jähriger Wanderschaft kaufte sich Fabry im Jahr 1599 in die Zunft der Barbiere in Köln ein. In der Folgezeit war er als Stadtchirurg an den unterschiedlichsten Standorten in der Schweiz tätig [Groß/Groß, 2010, 114-115]. Den Schlüssel zur Chirurgie sah Fabry in den detaillierten Kenntnissen der Anatomie. So empfiehlt er in seinem Buch „Von der Fürtrefflichkeit und Nutz der Anatomy“ doch folgende Therapie bei Zahnschmerzen:

„Zuoberst [der] ersten Höle des Ohres, von welcher jetz gehandelt wird, ist ein Ast oder Zweig der Herzader des Halses, der lauffe zu den Zähnen. Nun geschicht es offt, daß durch solche Arteriam oder Herzader, eine dünne und scharpffe Materia zu den Zähnen fleust; die erwecket einen […] großen wütenden und klopffenden Schmetzen, […], der sich auch wol und in alle Zähn außstreckt, daß auch endlich der Kranke nicht unterscheiden kann, an welchen Zahn der Schad seye“ [Fabricius Hildanus, 1936, 86].

Wie zur damaligen Zeit üblich sollte dieser „Fluss“ mittels Kauterisation durch ein glühendes Eisen unterbrochen werden [Hoffmann-Axthelm, 1985, 205].

Neben seinen umfangreichen anatomischen Kenntnissen ist auch Fabrys rege Publikationstätigkeit für einen Chirurgen seiner Zeit untypisch. So veröffentlichte er Bände mit Fallberichten, chirurgische Lehrbücher und religiöse Schriften in deutscher und lateinischer Sprache.

Im Bereich der Zahnmedizin sind es vor allem die minu­tiös festgehaltenen Beobachtungen und Beschreibungen aus den 38. „Observationes“, die posthum im Jahr 1652 ver­öffentlicht ebenfalls in deutscher Übersetzung vorliegen. Sie eröffnen nicht nur einen tiefen Einblick in die von Fabry durchgeführten Operations- und Behandlungsmethoden, sondern auch in das zahnheilkundliche Wissen der Zeit. Tumore im Mundbereich exstirpierte Fabry wenn möglich und um den potenziellen Zusammenhang von Kopfschmerz und kranken Zähnen wusste er ebenfalls. Zur Behandlung von Zahnfisteln empfahl er die Extraktion kariöser Zähne und abgefaulter Zahnwurzeln [Hoffmann-Axthelm, 1985, 202; Naef, 1994, 90].

Mit der „Perle der Scharlatane" wollten die „Chirurgiens" nichts zu tun haben

Einen deutlichen Professionalisierungsschub gab es mit dem Aufkommen der Dentisten in Frankreich, als deren Nestor Pierre Fauchard (1687—1761) gilt [Krischel/Nebe, 2022, 656-661]. Nach einer praktischen chirurgischen Ausbildung in der französischen Marine und „einigen Studienjahren an der Universität von Angers“ [Barnett, 2017, 74] ließ sich Fauchard 1719 in Paris nieder.Er prägte die Berufs­bezeichnung des chirurgien dentiste und veröffentlichte unter diesem Titel 1728 ein zweibändiges Lehrbuch – nicht in lateinischer, sondern in französischer Sprache. Mit Fauchard traten neben die Zahnextraktion verstärkt Maßnahmen der Zahnerhaltung wie das Plombieren mit Blei, Zinn, oder Gold [Groß, 2005, 292-293]. Er begann Zähne mit Zahnspangen aus Gold oder Seide zu begradigen und bot seinen Patienten Prothesen aus Knochen oder Elfenbein an [Barnett, 2017, 76].

Besonders deutlich wird Fauchards neuer Ansatz einer empirisch orientierten, aber gleichzeitig bürgerlich-höflichen Zahnheilkunde im Kontrast zu einem seiner bekanntesten Konkurrenten in Paris, dem Zahnreißer Jean Thomas, genannt „Le Grand Thomas“. Der ausgebildete Chirurg übte seinen Beruf als Zahnreißer öffentlich und öffentlichkeitswirksam aus, was ihm auch den Beinamen „Perle der Scharlatane“ einbrachte [Barnett, 2017, 72-73]. Genau von diesem Bild der Zahnbehandler wollten sich Fouchard und seine Nachfolger abgrenzen, durch ein breiteres Behandlungsspektrum, aber auch durch ein privateres Behandlungssetting und einen Habitus, der ihnen Akzeptanz in bürgerlichen und sogar adeligen Kreisen verschaffen und so den sozialen Aufstieg der Profession ermöglichen sollte [King, 2017].

Der Gründer des Zahnarztberufs

Etwa eine Generation nach Fouchard in Frankreich spielte Philipp Pfaff (1713—1766) in Deutschland eine vergleichbare Rolle (Abbildung 4). Geboren als Sohn eines Wundarztes und Dozenten an der Berliner Charité – 1710 als Pesthaus gegründet und 1727 unter Friedrich Wilhelm I. zu einem Militärlazarett mit Ausbildungsstätte ausgebaut [Charité – Universitätsmedizin Berlin, 2023] –, absolvierte Pfaff dort eine chirurgische Ausbildung und ließ sich nach dem Militärdienst in Berlin als Wundarzt nieder [Groß, 2018, 1942].

Spätestens ab den 1750er-Jahren verlegte er sich ganz auf die Zahnheilkunde und gab 1756 ein deutschsprachiges Lehrbuch unter dem Titel „Abhandlung von den Zähnen des menschlichen Körpers und ihren Krankheiten“ heraus. In der Folge wurde Pfaff zum Hofrat und Hofzahnarzt ernannt [Groß, 2018, 1944]. Ähnlich wie Fouchard praktizierte und forderte Pfaff neben der Extraktion auch die Zahnerhaltung sowie die Pflege von Mundhöhle und Gebiss [Gerabeck, 2005, 1133]. Auch wenn Pfaffs Bezeichnung als „Zahn-Arzt“ analog zum „Wundt-Arzt“ seiner Zeit gesehen werden muss und nicht dem seit Ende des 19. Jahrhunderts etablierten Universitätsstudium entspricht [Krischel/Nebe, 2022, 656-661], wird er doch bis heute als Gründer des Zahnarztberufs erinnert, was seinen Niederschlag in zahlreichen eponymen Institutionen und Preisen findet [Groß, 2018, 1944].

Selbst der niedrigste Wundarzt durfte
Zähne behandeln

Mit dem Ende des Mittelalters differenzierten sich die Heilberufe in Spezialisten für innere Krankheiten (Ärzte) und für äußere Krankheiten (Wundärzte) aus. Die beiden Berufsgruppen blieben im deutschsprachigen Raum bis in die Zeit Philipp Pfaffs getrennt, ebenso die Ausbildung, die für die Ärzte an Universitäten durchgeführt wurde, während die meisten Wundärzte und Chirurgen handwerklich ausgebildet wurden.

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts begann auch an den Universitäten im deutschen Sprachgebiet ein regelmäßiger Unterricht der Chirurgie [Eulner, 1970, 295-321]. Gleichzeitig differenzierte sich der Wundarztberuf bis zu seinem Niedergang Mitte des 19. Jahrhunderts in den unterschiedlichen deutschen Fürstentümern häufig in mehrere Klassen aus, von denen in der Regel selbst die niedrigsten noch zur Zahnbehandlung berechtigt waren [Groß/Groß, 2010, 638-640]. Zu diesem Zeitpunkt hatten Fouchard in Frankreich und Pfaff in Deutschland bereits Identitäten als chirurgien dentiste beziehungsweise als „Zahn-Arzt“ geschaffen und in volkssprachlichen Lehrbüchern fixiert, an den sich ihre Nachfolger orientieren konnten.

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