„Viele denken, wir haben uns das Studium erkauft und bekommen den Dr. geschenkt“
Ihr Weg zum Zahnmedizinstudium war lang. Wie haben Sie es bis nach Budapest geschafft?
Leon Föllmer: Insgesamt waren es vier große Etappen: Direkt nach dem Abitur habe ich mich über das Online-Portal Hochschulstart für den Studiengang Zahnmedizin beworben – leider ohne Erfolg. Anschließend begann ich eine Ausbildung zum Zahntechniker, die ich 2018 abschloss. Danach arbeitete ich zwei Jahre in diesem Beruf. 2020, also sechs Jahre nach meinem Abitur, erhielt ich dann überraschend die Zusage aus Budapest. Damit hatte ich gar nicht mehr gerechnet.
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Leon Föllmer absolvierte zunächst eine Ausbildung als Zahntechniker. Jetzt studiert er Zahnmedizin an der Semmelweis-Universität in Budapest.
Warum wollen Sie unbedingt Zahnarzt werden?
Zum einen bin ich in der Zahnarztpraxis meiner Eltern groß geworden. Der Beruf war immer präsent, aber ich wurde nie gezwungen diesen Weg einzuschlagen. Während meiner Ausbildung habe ich nach und nach meine Leidenschaft für die Zahnmedizin entdeckt. Mein Traum wurde immer stärker. Als ich schließlich studieren durfte, wusste ich, dass diese Entscheidung richtig ist.
Mit welchen Herausforderungen mussten Sie umgehen?
Da waren einige dabei (lacht). Mein Abitur schloss ich mit 2,1 ab. Trotzdem habe ich mich auf einen Studienplatz in Deutschland beworben. Durch Zufall erhielt ich einen Ausbildungsplatz in einem kleinen Zahntechniklabor und nahm das Angebot dankend an. Ich habe offen erzählt, dass das Zahnmedizinstudium weiterhin mein Traum ist. Über insgesamt sechs Jahre bewarb ich mich jedes Semester aufs Neue, wobei mein Rangplatz bei Hochschulstart immer sehr stark schwankte. Ich war so darauf eingestellt, Wartesemester zu sammeln, um irgendwann angenommen zu werden, dass ich gar nicht mitbekommen habe, dass dieses System nach und nach abgeschafft wurde. Als ich das hörte, schien mein Traum zu zerbrechen. Zudem traute ich mir den TMS (Test für medizinische Studiengänge) sechs Jahre nach dem Abitur nicht mehr zu. Zu diesem Zeitpunkt war ich überwältigt von Versagensängsten und Resignation.
Was hat Ihnen geholfen?
Da gibt es nur eine richtige Antwort: meine Jenny. Ich ging mit Jenny bereits auf dem Gymnasium in Eisenach in dieselbe Klasse. Doch während ich nach der zwölften Stufe in meiner Heimat blieb, zog es Jenny sechs Jahre quer durch die Welt, über Neuseeland, Österreich, Finnland und Island. Wir verloren uns aus den Augen und durch Zufall trafen wir uns auf der Weihnachtsfeier unseres Abijahrgangs 2019 wieder. Gemeinsam suchten wir dann unermüdlich nach Ideen und fanden auch viele Ansätze: Das Aufnahmeverfahren MedAT in Österreich, Losverfahren direkt bei den deutschen Unis, Bundeswehr, private Unis in Deutschland oder Österreich, ausländische Unis, Landzahnarztquoten und weiteres.
Einen Tag vor Fristende haben Sie sich an der Semmelweis-Universität in Budapest beworben ...
... genau, durch Zufall entdeckte Jenny einen Tag vor Bewerbungsschluss die Semmelweis-Uni und, dass es dort einen deutschsprachigen Studiengang gab. Und wir dachten uns: Warum nicht? Noch in derselben Nacht erstellte ich ein Motivationsschreiben, fügte alle Dokumente anbei, reichte es online ein und vergaß es danach sofort wieder. Es fühlte sich wie eine Schnapsidee an.
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Erleichterung: Leon Föllmer und Ehefrau Jenny vor dem Denkmal von Ignaz Semmelweis nach der Verteidigung der Diplomarbeit.
Zwei Wochen später erhielten Sie die Zusage. Was war das für ein Moment?
Ich saß gerade im Labor, als die E-Mail kam. Ich öffnete sie, überflog die ersten Zeilen und las aus lauter Gewohnheit zuerst „Absage“. Doch dann sah ich: Es war meine erste Zusage! Ich konnte es kaum fassen. Gleichzeitig fragte ich mich, ob ich gut genug sein würde, dieses Studium zu meistern. So weit weg, in einer fremden Stadt.
Die Hälfte der Studienanfängerinnen und Studienanfänger wechselte in den ersten Semestern nach Deutschland. Sie haben sich bewusst gegen einen Wechsel an eine deutsche Universität entschieden. Warum?
Jenny und ich sprachen diese Option kurz durch und waren uns schnell einig, dass Budapest uns deutlich mehr Perspektiven bot. Bereits im ersten Semester wurden wir in kleine Gruppen aufgeteilt, wir hatten in Makroanatomie zahlreiche Körperspender und durften daher sehr viel praktisch üben. Was wir anfangs nicht wussten: Ab dem dritten Jahr durften wir eigene Patienten in großer Zahl und Verantwortung behandeln. Die Zahnklinik ist in Fachbereiche aufgeteilt, so dass wir zum Beispiel im Kurs Parodontologie vorwiegend Paro-Patienten bekommen.
Jeder Tag war gefüllt mit zahlreichen Praktikakursen und die Patienten gaben mir extrem viel praktische Erfahrung, wie es in diesem Umfang in Deutschland leider kaum möglich ist. Zudem merkte ich, dass mir mündliche Prüfungen besser entgegenkommen als Multiple-Choice-Fragen mit Ankreuzen. Auch wenn 45-minütige detaillierte mündliche Prüfungen sehr anstrengend sind, kam ich damit gut zurecht.
Wir lernen in kleinen Gruppen, unsere Lehrenden vermitteln gerne ihr Wissen, und wir besitzen eine interne Zahntechnik. So können wir uns komplett auf das Behandeln konzentrieren und lernen die Zahntechnikgrundlagen nur in den ersten Semestern. Dies ist jedoch wesentlich weniger als in Deutschland, da wir auch wenig am Phantomkopf oder Plastezähnen üben, sondern an richtigen Patienten. Ich fühle mich daher sehr gut vorbereitet auf alles, was kommt.
Mit welchen Vorurteilen werden Sie konfrontiert wenn Sie anderen von Ihrem Auslandsstudium berichten?
Wir sind als „Lejenity“ auf Instagram und YouTube, und als „Dentalleon“ auf TikTok stark präsent und wir bekommen zahlreiche positive Nachrichten, aber auch einige negative Kommentare. Einer der häufigsten ist, dass wir den Studienplatz erkauft haben, was natürlich nicht stimmt. Die Semmelweis-Universität ist eine staatliche ungarische Hochschule und man bekommt seinen Platz über ein Auswahlverfahren. Dabei ist auch hier die Nachfrage höher als das Angebot.
Andere glauben, wir würden einen Doktortitel geschenkt bekommen. In Ungarn wird jedoch ein Berufsdoktorat vergeben, das ein akademischer Grad auf Master-Niveau ist. Der akademische Grad dr. med. dent wird rechtmäßig verliehen, ich darf ihn genauso vor meinem Namen tragen und der eventuelle Zusatz ist in Deutschland je nach Bundesland unterschiedlich geregelt.
Manche sehen das Studium zudem auf „Dritte-Welt-Niveau“, obwohl die Semmelweis zu den renommiertesten medizinischen Unis Europas zählt und der größte öffentliche Gesundheitsträger in Budapest ist. Viele werfen uns vor, dass das Studium viel einfacher sei als in Deutschland und man nicht durchfallen kann. Die Abbrecher- und Wiederholerquoten könnten aber auch andere Schlussfolgerungen zulassen (lacht).
Jeder zehnte deutsche Medizinstudierende ist im Ausland eingeschrieben
Human- und Zahnmedizin gehören zu den beliebtesten Studienfächern in Deutschland, haben aber bundesweit eine Zulassungsbeschränkung. Auch deshalb suchen viele Studieninteressierte nach Angeboten im Ausland. Für die Humanmedizin liegen nun Zahlen vor: Mindestens 9.100 deutsche Medizinstudierende sind im Ausland immatrikuliert. Das geht aus einer aktuellen Hochrechnung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) hervor, die die Zulassungsbedingungen und Studienkosten für 97 nationale und internationale Medizinstudiengänge an europäischen Hochschulen aufführt.
Österreich und Ungarn gehören demnach zu den stark nachgefragten Ländern: 2022/2023 waren an österreichischen Hochschulen 2.543 deutsche Studierende in einem Medizinstudiengang eingeschrieben, in Ungarn waren es 2.018. Ebenfalls beliebt sind Bulgarien (1.229), Polen (698) und die Schweiz (760).
Besonders groß sind die Unterschiede bei den Studiengebühren. Während in Österreich keine Studiengebühren an den öffentlichen Universitäten anfallen, reicht die Preisspanne in anderen Ländern von etwa 3.000 bis zu 28.900 Euro pro Studienjahr. In Osteuropa betragen die Studiengebühren in Bosnien, Bulgarien und Rumänien im Schnitt unter 10.000 Euro jährlich. Deutlich teurer ist das Medizinstudium mit durchschnittlich 16.000 Euro in Tschechien oder Ungarn. Die meisten internationalen Medizinstudiengänge in Südosteuropa werden in englischer Sprache angeboten, deutschsprachige Angebote gibt es unter anderem in Ungarn und Kroatien. Die Zulassung für einen Studienplatz erfolgt meist über einen kostenpflichtigen Aufnahmetest. Oft müssen für die Bewerbung auch Nachweise über sehr gute Noten in naturwissenschaftlichen Fächern sowie entsprechende Englischkenntnisse erbracht werden.
Eine Gesamtzahl der deutschen Medizinstudierenden in Europa zu berechnen, ist laut CHE nicht möglich, da die Zahlen für einige Länder, wie etwa Rumänien, Kroatien oder die Slowakei, nicht vorliegen, obwohl es auch dort internationale Angebote fürs Medizinstudium gibt. Die CHE-Forschenden gehen auf Grundlage der verfügbaren Daten des Statistischen Bundesamts aber von mindestens 9.100 Studierenden aus. „Dies entspräche einem Anteil von mindestens zehn Prozent aller deutschen Medizinstudierenden insgesamt“, heißt es in der vorliegenden Untersuchung.
Federkeil, Gero; Friedhoff, Caroline; Braun, Richard: CHECK Medizinstudium in Europa - Angebote und Zugangsbedingungen für deutsche Studieninteressierte - Ausgabe 2025, Gütersloh, CHE, 2024, ISBN 978-3-911128-23-0, 127 Seiten
Welche Vorteile sehen Sie in einem Auslandsstudium?
Die Ausbildung ist sehr praxisnah und wir arbeiten vorwiegend an echten Menschen, da es in Budapest normal ist, als Patient statt in eine Praxis in die Zahnklinik der Semmelweis zu gehen. Außerdem bin ich viel selbstständiger geworden. Man muss sich anpassen und aus seiner Komfortzone treten.
Welche Tipps haben Sie für alle, die ein Studium im Ausland wagen möchten?
Traut euch und zögert nicht, denn es könnte eine riesige Chance sein! Ihr solltet euch allerdings gut vorbereiten, das geltende Aufenthaltsrecht kennen und über Versicherungen oder medizinische Nachweise Bescheid wissen. Im Internet kann man sehr viel herausfinden, aber uns hat auch geholfen die Universitäten direkt anzuschreiben, falls etwas unklar war.
Was gilt es als Student im Ausland zu beachten? Welche Dos? Welche Dont‘s?
Wichtigstes Do: Versuche ein wenig die heimische Sprache zu lernen. Auch wenn das Studium an der Semmelweis auf Deutsch gelehrt wird, so lebt man in einem anderen Land und muss sich mit den Patienten auf Ungarisch unterhalten. Mit grundlegenden Sprachkenntnissen öffnet man sich nicht nur Türen, sondern auch die Herzen der Menschen. Ein weiteres Do ist das Offensein für Kultur, Mentalität und andere Denkweisen. Klare Don’ts: Die Stadt nur als Studienort sehen. Du lebst fünf Jahre an einem neuen Ort und dies ist ab jetzt dein Zuhause! Wenn du in Gedanken nur in der Heimat bist, dann verpasst du das Beste. Genieße die Zeit, lebe im Hier und mache Entdeckungen.
Was möchten Sie denen mitgeben, die sich vielleicht nicht trauen, ein Zahnmedizinstudium anzugehen?
Reflektiert genau, warum ihr zögert. Ist es die Angst vor dem Ungewissen, finanzielle Schwierigkeiten, kein Support aus dem Umfeld? Es gibt viele unterschiedliche Stipendienprogramme, und immer mehr Praxen, Kliniken und Unternehmen sind bereit, Studierende zu unterstützen. Und du bist nie zu alt, neu anzufangen. Ich war 24 Jahre, als ich gestartet bin. Höre nicht auf das, was andere sagen. Wir sind auch gegen den Strom geschwommen und haben dabei unglaubliche Erfahrungen sammeln dürfen und viel Unterstützung erfahren.
Wie soll es nach dem Studium weitergehen? Bleiben Sie in Budapest?
Wir bleiben noch bis Ende des Sommers in Budapest und dann wollen wir ein neues Abenteuer wagen. Wohin es gehen soll, steht noch nicht fest. Vielleicht nach Deutschland, Österreich, in die Schweiz, oder ganz woanders hin. Es gibt so viele Möglichkeiten.
Das Gespräch führte Navina Bengs.