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Kurz erklärt: telefonische AU

Freischein zum Krankfeiern?

Bundeskanzler Friedrich Merz hat die telefonische Krankschreibung (AU) infrage gestellt und damit eine hitzige Debatte entfacht. Welche Meinungen gibt es – und was sagen Fachleute? Ist die ­telefonische AU sinnvoll oder eine Einladung zum Blaumachen?

Im Jahr 2020, inmitten der Corona-Pandemie, wurde die telefonische AU als temporäre Maßnahme eingeführt – Arztpraxen sollten entlastet, Ansteckungsrisiken reduziert werden – und im Dezember 2023 dann dauerhaft in die Arbeitsunfähigkeitsrichtlinie aufgenommen. Seitdem scheiden sich an ihr die Geister – zuletzt, nachdem Merz auf einer Wahlkampfveranstaltung in Baden-Württemberg gesagt hatte: „14,5 Tage, das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig? […] Telefonische Krankschreibung: während der Coronazeit begründet richtig. Heute immer noch?“ Für diese Worte erntete er Zuspruch, aber auch Kritik.

Das sagen die Arbeitgeber

Die Bundesvereinigung der ­Arbeitgeberverbände (BDA) unterstützt die Forderung des Kanzlers uneingeschränkt. Schon, als die Telefon-AU regelhaft ins Gesetz übernommen wurde, sprach sie von ­einer „Fehlleistung der Gesundheitspolitik“, die die Krankschreibung qualitativ entwerte.

So sieht es die Ärzteschaft

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, sagte gegenüber dem „Spiegel“, die telefonische AU lade zum Missbrauch ein und gehöre abgeschafft. Das sahen innerhalb der ­Ärzteschaft viele anders: Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband verteidigte die telefonische AU als eine der wenigen gelungenen Maßnahmen zum Bürokratieabbau. Sie abzuschaffen, würde den Krankenstand nicht senken und die Praxen zusätzlich belasten. Der Hartmannbund (HB) mahnte, die telefonische AU sei weder das zentrale Problem des Gesundheitswesens noch des Arbeitsmarktes. Die Ursachen für Fehlzeiten lägen nicht in den Arztpraxen. „Fragen der Motivation, der ­Arbeitsbereitschaft und des Umgangs mit Fehlzeiten müssen in den Unternehmen zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten geklärt werden“, heißt es aus dem HB-Vorstand.

Telefonische Krankschreibung: während der Coronazeit begründet richtig. Heute immer noch?

Friedrich Merz


Das ist die Meinung der Parteien

Dr. Christos Pantazis, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD im Bundestag, betonte, es gebe keine belastbaren Belege für systematischen Missbrauch der telefonischen AU. „Diese Debatten zielen reflexhaft auf Misstrauen gegenüber Beschäftigten statt auf evidenzbasierte Politik.“ Eine Abschaffung werde es mit der SPD nicht geben. Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) sagte gegenüber stern.de, das Bundesgesundheitsministerium solle sich lieber „wichtigen Themen“ widmen. Die Regelungen zur telefonischen Krankschreibung zu überprüfen, sei eine falsche Prioritätensetzung.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat bereits angekündigt, die telefonische AU auf den Prüfstand zu stellen. Von der CSU kommt Rückenwind. Der Chef des Arbeitnehmerflügels der CDU, Denis Radtke, fragte im „Handelsblatt“ jedoch, was die CDU mit ihrer Kommunikationsstrategie bezüglich der Reform der Sozialsysteme eigentlich bezwecke. „Klar gibt es Blaumacher“, so Radtke. „Aber das ist doch nicht die große Mehrheit.” Er mahnte: „Wir müssen Anreize erhöhen und die Rahmenbedingungen verbessern und nicht mit dem Finger auf ganze Teile der Bevölkerung zeigen.“

Die telefonische AU steht insbesondere in der Kritik, weil ihre Einführung mit einem Anstieg des Krankenstands einherging. Viele Sachverständige sehen hier jedoch ­keinen Zusammenhang. So kam der „ExpertInnenrat ­Gesundheit und Resilienz“ der (damaligen) Bundesregierung in seiner im Februar 2025 veröffentlichten Stellungnahme zu dem Schluss: „Die vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass der beobachtete Anstieg der AU-Zeiten nicht auf die telefonische Krankschreibung, sondern auf eine bessere Erfassung, vor allem im Zusammenhang mit der Einführung der elektronischen AU-Bescheinigung im Jahr 2022, zurückzuführen ist.“ Diese führte zu einer vollständigeren Erfassung der Arbeitsunfähigkeit, da vor allem kurze Arbeitsunfähigkeiten häufiger an die Krankenkasse gemeldet wurden als davor.

Wie viele greifen zum Telefon?

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) teilte im Oktober 2025 mit, dass eine Analyse pseudonymisierter Arbeitsunfähigkeits- sowie vertragsärztlicher Abrechnungsdaten für die Jahre 2020 bis 2023 „keinerlei Hinweise“ gebracht habe, „dass die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Telefon beziehungsweise per Videosprechstunde die maßgebliche Treiberin des gestiegenen Krankenstandes in Deutschland ist“. Die Bedeutung der telefonischen AU mit einem Anteil von jährlich 0,8 bis 1,2 Prozent an allen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen sei zudem sehr gering. Bei der Videosprechstunde liege der Anteil bei 0,1 bis 0,4 Prozent.

Die Barmer stellte auf Basis ihrer Versichertendaten sogar fest, dass, „anders als bei der Entwicklung der AU-Fälle, sowohl bei der telefonischen Beratung als auch bei der ­Videosprechstunde beim Vergleich der Jahre 2023 und 2022 ein Rückgang von -10,2 Prozent beziehungsweise -18 Prozent zu erkennen ist“.

Was treibt den Krankenstand hoch?

Die DAK teilte kürzlich – auf Basis einer Auswertung zu den Fehlzeiten von rund 2,4 Millionen der bei ihr versicherten Beschäftigten für das Gesamtjahr 2025 – mit, dass die durchschnittliche Anzahl bei 19,5 Fehltagen pro Kopf lag (2024: 19,7). Ursache für rund die Hälfte der Fehltage waren demnach Atemwegsprobleme, psychische sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen. Bei den psychischen Erkrankungen habe es einen Zuwachs von 6,9 Prozent gegeben. Die Fehltage aufgrund von Atemwegsproblemen und Muskel-Skelett blieben hingegen weitgehend unverändert. „Psychisch bedingte Krankschreibungen sind oft mit langen Ausfallzeiten verbunden“, sagte DAK-Vorstandschef Andreas Storm. Die Auswertung zeigte auch: Während die durchschnittliche Dauer einer Krankschreibung 2025 bei knapp zehn Tagen lag, waren über 60-jährige Beschäftigte etwa 20 Tage krank. Storm: „Auch mit Blick auf die Wirtschaft ist Prävention daher das Gebot der Stunde.“

Der Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), Helmut Schröder, plädiert in diesem Sinne dafür, statt über die Abschaffung der telefonischen AU zu diskutieren, lieber die Prävention zu stärken, zum Beispiel über bessere Gesundheits- und Ernährungserziehung ­sowie betriebliches Gesundheitsmanagement.

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