Wir versuchen Mundpflege positiv zu besetzen
Für die rund 2.500 Einwohner in Paternoster ist die zahnmedizinische Versorgung erheblich erschwert: Ihre eingeschränkte Mobilität und die für sie oft zu teuren Behandlungen führen dazu, dass Zahnerkrankungen oft erst spät behandelt werden. Die meisten gehen erst zum Zahnarzt, wenn große Schmerzen auftreten oder der Zahn stark geschädigt ist. Extraktionen gelten als schnelle, kostengünstigere Lösung, es fehlt das Wissen um die erheblichen negativen Folgen für Funktion, Ästhetik und Lebensqualität.
Unser zehnköpfiges Team um Koordinator und Initiator Dr. Stephan Ziegler – drei Zahnärzte, drei ZFA, zwei ZMP und eine Rezeptionistin – bringt zu diesem Einsatz wieder umfangreiches Material mit, darunter eine neue mobile Behandlungseinheit, da die alte defekt war. Sterilisationsgeräte, aufklappbare Behandlungsstühle und zusätzliche Materialien werden von der Gesundheitsbehörde vor Ort bereitgestellt. Alle Instrumente und Materialien sortieren wir nach einem einfachen, aber durchdachten System, so dass der Ablauf trotz der eingeschränkten Infrastruktur reibungslos funktioniert.
Ziel ist es, die Mundgesundheit von Kindern nachhaltig zu verbessern und das Bewusstsein für Zahnerhalt zu stärken. Jede Maßnahme wird sorgfältig geplant, um möglichst langfristige Effekte zu erzielen – durch Wissensvermittlung und positive Erfahrungen. Das Big-Smile-Projekt gibt es hier seit 2009. Initiiert wurde es von Ziegler, Inhaber der Zahnarztpraxis KU64 in Berlin, nach der Bitte einer Patientin um Unterstützung. 2012 erhielt das eingetragene Sozialprojekt den Namen „Big Smile – Internationales Institut für Kariesprophylaxe“.
Bei kindgerechter Betreuung macht sogar das Warten Spaß
Das Programm richtet sich an Kinder zwischen sechs und 14 Jahren und umfasst die Aufklärung zu zahngesunder Ernährung mit der Reduktion von Zucker sowie die Anleitung altersgerechter Zahnputztechniken. Wir führen zahnärztliche Reihenuntersuchungen und – nach Möglichkeit – restaurative Behandlungen durch. Außerdem gibt es Recall-Besuche zur Evaluation der Vorjahresaufklärung und Behandlungen.
Wir erklären den Kindern die Funktion und den Nutzen der Zähne, warum tägliches Putzen wichtig ist und wie es am besten gelingt. Unsere Aufklärungen erfolgen in kindgerechter Sprache und werden durch Bilder, Modelle und anschauliche Beispiele unterstützt. Die Kinder lachen viel, beteiligen sich aktiv und lernen durch praktische Demonstrationen, wie sie die Zähne systematisch reinigen. Kleine Geschichten über „gesunde Zähne“ werden erzählt, um das Verständnis zu vertiefen.
Der Behandlungsbedarf war auch dieses Mal trotz des jungen Alters sehr hoch. Zum ersten Mal konnten wir zusätzlich eine Gruppenprophylaxe für Kindergartenkinder durchführen. Es ist nicht selten, dass Schulkinder im Alter von sechs bis sieben Jahren bereits bis zu acht kariöse Zähne haben. Zuckerhaltige Getränke und Snacks sind dafür die Hauptursache. Fluoridierungsmaßnahmen und regelmäßige Kontrollen fehlen weitgehend.
Das Hauptziel der Behandlungen ist der Erhalt der bleibenden Zähne. Milchzähne werden nur in Ausnahmefällen behandelt. Das Team arbeitet konzentriert, trotz der hohen Patientenzahl wird auf eine kindgerechte Betreuung geachtet. Wir hatten eine erfahrene Zahnarzthelferin an unserer Seite, die uns vor Ort mit Rat und Tat unterstützte.
Viele Kinder assoziieren den Zahnarztstuhl mit Extraktion
Viele Kinder verbinden die Zahnarztbesuche mit Angst, Schmerz und Extraktionen. Deshalb arbeiten wir als Team besonders einfühlsam, erklären jeden Schritt verständlich und schaffen durch kurze Pausen, Lob und kleine Belohnungen Vertrauen. Positives Feedback steigert die Motivation und sorgt dafür, dass Kinder die Behandlungen entspannt erleben.
Es gibt natürlich auch Kinder, die zum ersten Mal eine zahnmedizinische Untersuchung erhalten und große Angst vor dem Zahnarzt haben. Sie denken, dass ihnen die Zähne gezogen werden, sobald sie auf dem Behandlungsstuhl sitzen.
Hier in der Region gibt es ein verbreitetes kulturelles Phänomen: das freiwillige Entfernen der vier oberen Frontzähne – genannt „Passion Gap“ oder „Fashion Gap“. Dieser Brauch gilt als Zeichen von Erwachsensein, Reife und gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Wir versuchen während unserer Arbeit den Kindern dennoch die Bedeutung vollständiger Zahnreihen sowie die langfristigen Folgen für Funktion, Ästhetik und Sprache sensibel zu vermitteln.
Die behandelten Kinder geben ihr Wissen später weiter
Die Kontinuität des Projekts trägt entscheidend zur Vertrauensbildung bei. Kinder, die bereits früher behandelt wurden, erkennen das Team wieder und reagieren offen und freudig. Sie weisen meist auch einen besseren Zahnstatus auf, da sie in den vergangenen Einsätzen behandelt wurden. Viele ehemals behandelte Kinder, mittlerweile Jugendliche oder selbst junge Eltern, geben ihr Wissen über Mundhygiene an ihre Geschwister oder eigenen Kinder weiter.
Im Verlauf der Jahre zeigt sich erkennbar ein Wandel: Extraktionen werden seltener akzeptiert, der Wunsch nach Zahnerhalt wächst. Vollständige Zahnreihen und ein gesundes Lächeln werden zunehmend als wertvoll wahrgenommen. Kinder äußern gezielt den Wunsch, kariöse Zähne behandeln, anstatt sie entfernen zu lassen. Lehrkräfte und Eltern reagieren sensibler auf Zahngesundheit. Prävention, Therapie und menschliche Beziehungspflege fördern einen Bewusstseinswandel.
Ein Mädchen zeigt stolz ihre erste Füllung, ein Junge demonstriert im Spiegel seine „sauberen Zähne“. Kinder lachen, spielen miteinander und genießen Belohnungen wie Sticker oder kleine Spielsachen, die sie nach der Behandlung erhalten.
Der Einsatz ist fachlich und menschlich bereichernd. Das Arbeiten unter begrenzten Ressourcen erfordert Flexibilität, Improvisation und Priorisierung. Gleichzeitig werden Empathie, Geduld und interkulturelle Sensibilität gestärkt. Zahnmedizinische Hilfsprojekte wie Big Smile fördern globale Gesundheitskompetenz, soziale Verantwortung und interkulturellen Austausch. Eine langfristige Wirkung entsteht durch Kontinuität, Beziehung und Vertrauen.
Trotz aller positiven Erfahrungen und guten Behandlungen bestehen weiterhin Versorgungslücken. Viele Erwachsene sprechen uns regelmäßig an und fragen, wann sie behandelt werden können. Unser Einsatz deckt bislang nur einen kleinen Teil des Bedarfs. Wir beenden den Besuch mit Lächeln, Umarmungen, Freude und Zuversicht: „Ek sal jou weer sien, liewe kinders.“ – Wir werden uns wiedersehen, liebe Kinder!








