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71. Zahnärztetag Westfalen-Lippe

Der Mundraum als Teil des Ganzen

Die Verbindung von Zahnmedizin und Gesamtmedizin thematisierte der Zahnärztetag Westfalen-Lippe Mitte März in Gütersloh. Unter dem Thema „Mund – Mensch – Medizin“ ging es um die Entwicklungen der oralen Medizin und ihrer Bedeutung für eine älter werdende und zunehmend multimorbide Bevölkerung.

Im Zentrum stand die orale Medizin als integrativer Ansatz, der den Mundraum als Teil des Gesamtorganismus versteht. „Gerade in einer alternden, multimorbiden Gesellschaft ist die spezialisierte oralmedizinische Betreuung von Patientinnen und Patienten mit komplexen Grunderkrankungen entscheidend und trägt zur umfassenden Prävention bei“, erklärte Tagungspräsident Prof. Dr. Henrik Dommisch.

Prof. Dr. Roland Frankenberger zeichnete in seinem Vortrag ein breites Bild der „oralen Medizin in der öffentlichen Wahrnehmung“. In den 1960er und 1970er Jahren sei die Zahnmedizin noch stark prothetisch geprägt gewesen, die Versorgung quasi zum Nulltarif verfügbar. Zeitweise sei ein Drittel des weltweiten Goldverbrauchs auf Deutschland entfallen. Dem setzte Frankenberger eine Zahnmedizin entgegen, die im Sinne der oralen Medizin stärker an medizinischen Zusammenhängen und komplexen Versorgungssituationen orientiert ist.

Orale Medizin ist keine Hochglanzästhetik

Heute sei die Zahnmedizin mit Fachkräftemangel, Strukturwandel, Landflucht und Nachfolgeproblemen konfrontiert. Senioren und Pflegebedürftige seien die am stärksten wachsende Patientengruppe. Zugleich zeige sich gerade bei multimorbiden, pflegebedürftigen und in ihrer Mundhygiene eingeschränkten Patienten, was orale­ Medizin im Alltag bedeute: „Keine Hochglanzästhetik, sondern eine realistische Versorgung unter komplexen medizinischen Bedingungen.“

Frankenberger bezeichnete die Prävention als „Kern unseres Fachs", der als zentraler Baustein einer Oralen Medizin­, die allgemeine Gesundheit und Mundgesundheit enger zusammendenkt. Die Erfolge, die die Zahnärzteschaft durch Prävention erzielt habe, seien zwar teilweise in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen, würden aber noch immer unterschätzt. Diese Erfolgsgeschichte müsse offensiver erzählt werden.

Pseudowissenschaftliche Narrative verzerren das Bild

Mit Blick auf soziale Medien warnte Frankenberger vor weiteren Fehlentwicklungen. Dazu zählten die pauschale Verteufelung der Endodontie ebenso wie eine Influencer-Zahnmedizin, in der gesunde Zähne aus ästhetischen Gründen massenhaft überkront würden. Solche Bilder vermittelten vor allem jungen Menschen ein verzerrtes Verständnis moderner Zahnmedizin. Wenn Übertherapie, Heilsversprechen und pseudowissenschaftliche Narrative als normal erscheinen, verliere das Fach seinen medizinischen und ethischen Kompass. Gerade eine oralmedizinisch verstandene Zahnmedizin, die sich als Teil der Gesamtmedizin begreife­, müsse hier klar, wissenschaftlich und professionell gegenhalten.

Frankenberger plädierte zudem dafür, die Zahnmedizin als gemeinsames Fach zu begreifen. Entscheidend sei, dass der Berufsstand in Fragen von Ausbildung, Finanzierung, politischer Durchsetzung, Forschung und Versorgung mit einer Stimme spreche. Nötig sei ein gemeinsames professionelles Selbstverständnis.

Prof. Dr. Margarete Halek, Universität Witten/Herdecke, Leitung und Inhaberin des Departments für Pflegewissenschaft, zeigte in ihrem Vortrag zu neurodegenerativen Erkrankungen, was Demenz für die zahnärztliche Behandlung bedeutet und warum eine angepasste Kommunikation so wichtig ist.

Demenz sei ein Syndrom infolge einer meist chronischen und fortschreitenden Erkrankung des Gehirns, erklärte Halek. Betroffen seien zahlreiche höhere kortikale Funktionen wie Sprache, Denken, Auffassung, Urteilsvermögen und Orientierung. Gerade das damit verbundene eingeschränkte Urteilsvermögen sei auch für die Zahnmedizin relevant, etwa bei Aufklärung und Entscheidungsfindung. In Deutschland lebten derzeit rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Rund 90 Prozent entfielen auf primäre, etwa zehn Prozent auf sekundäre Demenzformen (ausgelöst etwa durch Tumorerkrankungen, Depressionen, Medikamenteneinwirkungen oder Suchterkrankungen). Etwa zwei Drittel der Betroffenen seien Frauen.

„Der Zahnärztetag ist unser Jahreshighlight: Er vermittelt aktuelles Wissen und fördert den fachlichen Austausch!"

ZÄKWL-Präsident Dr. Gordan Sistig


In der Zahnarztpraxis seien demente Personen eine besondere Patientengruppe: Termine würden vergessen, Zusammenhänge nicht immer verstanden, Anweisungen nicht befolgt und Beschwerden oft nicht adäquat kommuniziert. Auch Mundpflege oder Behandlung würden teils verweigert. Insgesamt sei die Mundgesundheit bei Menschen mit Demenz oft schlechter als in vergleichbaren Altersgruppen ohne Demenz.

Abwehrverhalten ist oft eine Angstreaktion

Zentraler Punkt sei das sogenannte ­Abwehrverhalten. Nicht angepasste Kommunikation, Zeitdruck, widersprüchliche Signale oder eine überfordernde Umgebung könnten wesentlich dazu beitragen, dass Menschen mit Demenz abwehrend reagierten, betonte Halek. Dieses Verhalten sei häufig als Angstreaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung zu verstehen. Das Problem liege daher oft auch in der Situation, die von den Behandelnden geschaffen werde.

Halek stellte deshalb die Kommunikation in den Mittelpunkt. Kommunikation setze Aufmerksamkeit, Verstehen, Behalten und angemessene Reaktion voraus – und genau an all diesen Stellen könnten bei Menschen mit Demenz Einschränkungen auftreten. Sensible Kommunikation könne den Zugang verbessern, auch wenn es dazu bislang nur begrenzt Forschung gebe. Wichtig seien Vorbereitung, Beziehung, Wertschätzung und Empathie. Zudem solle immer mit der Person selbst gesprochen werden und nicht über sie hinweg. Gefühle sollten ernst genommen, Konfrontationen möglichst vermieden werden.

Zur Veranschaulichung ließ Halek das Publikum auf Fantasiebegriffe reagieren. So werde erfahrbar, wie sich Verständigungsprobleme bei Demenz anfühlen könnten: Ein Begriff komme zwar an, werde aber nicht mehr mit einer Bedeutung verknüpft. Für die ­Praxis leitete sie daraus konkrete Strategien ab, darunter: Augenkontakt, ruhige Sprache, eine reizärmere Umgebung, Vormachen, Abwarten und ­positive Verstärkung.

Auch die vorausschauende Planung sei wichtig. Wird eine Demenz früh erkannt, sollte frühzeitig überlegt werden, wie die zahnärztliche Versorgung in den kommenden Jahren aussehen soll. Da heute immer mehr Zähne bis ins hohe Alter erhalten bleiben, gehe es nicht mehr nur um einzelne Eingriffe, sondern um langfristige Strategien.

Kurz ging Halek auch auf das Konzept der „dementia-friendly dentistry“ ein: Praxiskonzepte mit geschultem Personal, guter Vorbereitung, klarer Ansprache, reizärmerer Umgebung und starkem Präventionsgedanken. Gerade im angloamerikanischen Raum gibt es dazu ihrer Meinung nach bereits ­weitergehende Ansätze.

Der 72. Zahnärztetag der ZÄK Westfalen-Lippe findet vom 10. bis 13. März 2027 in Gütersloh statt.

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