Ist ein Alters-Check der Key?
Hier ist die Idee bereits Gesetz
Als weltweit erstes Land hat Australien im Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige erlassen. Der australischen Regierung zufolge haben die Plattformen in dieser Altersgruppe seitdem über 4,7 Millionen Konten gesperrt. Die Betreiber unternehmen demnach große Anstrengungen, ihrer neuen gesetzlichen Pflicht nachzukommen. Zu einer gegenteiligen Einschätzung kommt eine Umfrage der englischen „Molly Rose Foundation“, der zufolge 61 Prozent der 12- bis 15-Jährigen in Australien nach wie vor Zugang zu einem oder mehreren ihrer Social-Media-Konten haben. „Zwei Drittel (64 Prozent) der aktiven YouTube-Nutzer, 61 Prozent der Snapchat-Nutzer sowie jeweils 60 Prozent der Instagram- und TikTok-Nutzer gaben an, dass die Plattformen keine Maßnahmen ergriffen hätten, um ein Konto zu löschen oder zu deaktivieren“, berichtet die Stiftung.
Was will die Bundesregierung?
„Wir werden eine Expertenkommission einsetzen, um eine Strategie 'Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt' zu erarbeiten und die Umsetzung ressort- und ebenenübergreifend zu begleiten“, heißt es im Koalitionsvertrag. Eltern sollen unterstützt und die Plattformbetreiber beim Kinder- und Jugendschutz in die Pflicht genommen werden. Geplant seien zudem „verpflichtende Altersverifikationen“.
Doch die Empfehlungen der eigenen Kommission schienen die Regierungsparteien nicht abwarten zu wollen: Die SPD sprach sich im Februar 2026 in einem Positionspapier dafür aus, den Zugang zu Social-Media-Plattformen erst ab einem Alter von 14 Jahren zu gestatten und bis zum 16. Geburtstag in einer für die Plattformen verpflichtenden Jugendversion. Kurz darauf stimmten auch die Delegierten des CDU-Bundesparteitags mehrheitlich für eine Social-Media-Regulierung. „Wir fordern die Bundesregierung auf, eine gesetzliche Altersgrenze von 14 Jahren für die Nutzung sozialer Netzwerke einzuführen und das besondere Schutzbedürfnis bis zum 16. Lebensjahr im digitalen Raum auszugestalten“, so steht es wörtlich in dem Beschluss.
Das sagt die Kommission
Am 20. April 2026 legte die Expertenkommission der Regierung eine Bestandsaufnahme vor. Ende Juni sollen Handlungsempfehlungen folgen. Die Fachleute benennen klar die Risiken, die digitale Medien mit sich bringen, beispielsweise Cybermobbing, Kostenfallen, Desinformation und Cybergrooming. Außerdem seien Kinder und Jugendliche manipulativen Plattformmechaniken („Dark Patterns“) ausgesetzt, die gezielt zu einer ausufernden Nutzung und zur Datenpreisgabe verleiten. Gleichzeitig betonen sie: Digitale Medien sind heute ein fester Bestandteil des Alltags junger Menschen und das Smartphone ist ein zentraler Zugang zu Kommunikation, Information sowie Unterhaltung – und vor diesem Hintergrund eine Chance für „gesellschaftliche Teilhabe, Identitätsentwicklung und individualisiertes Lernen“.
Die Expertinnen und Experten weisen darauf hin, dass es sowohl in Deutschland als auch auf EU-Ebene bereits Regelungen zum Jugendschutz bei Sozialen Medien gibt. „Angesichts der zusätzlich zu berücksichtigenden Grundrechtsposition von Kindern und Jugendlichen, deren Teilhaberechte verfassungsrechtlich über die Informationsfreiheit geschützt sind, bedürfte es daher einer besonderen Begründung pauschaler Nutzungsverbote, die sich undifferenziert auf ganze Altersgruppen von Nutzenden erstrecken“, wenden sie ein. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gefahren in der digitalen Welt müsse breit ansetzen und die Medienkompetenz systematisch stärken sowie Mängel in der Umsetzung bereits bestehender Regelungen zum Kinder- und Jugendschutz beheben.
Entsteht eine Kontroll-Infrastruktur?
Die Plattform Netzpolitik.org begrüßt, dass der Bericht der Regierungskommission klarstellt, dass sich Bedrohungen in der digitalen Welt nicht auf Social Media beschränken, sondern junge Menschen ebenso über Messenger-Dienste wie WhatsApp und Telegram sowie Gaming-Portale und Websites angreifbar sind. Damit sei vom Tisch, dass der Fokus auf ein Verbot sozialer Medien das Problem lösen würde. Positiv ist aus Sicht von Netzpolitik-Autor Sebastian Meineck auch, dass die Kommission die Auswirkungen digitaler Technologien weder einheitlich negativ noch einheitlich positiv bewertet, sondern ausführt, dass deren Wirkung auf Kinder und Jugendliche von deren Persönlichkeit, ihrer Lebenssituation und der Art der Nutzung abhängt. Heftige Kritik übt Meineck jedoch daran, dass der Bericht strenge Alterskontrollen ins Spiel bringt: „Die größte Gefahr von Alterskontrollen liegt darin, dass sie eine umfassende Kontroll-Infrastruktur im Netz schaffen.“
400 internationale Fachleute sind dagegen
Gegen digitale Alterskontrollmechanismen haben sich im März 2026 auch 400 internationale Fachleute aus den Bereichen Technologie, IT-Sicherheit und Privatsphäre positioniert. In einem offenen Brief fordern sie von Regierungen und Parlamenten ein „Moratorium für die Einführungspläne“. Die Begründung: Es liege nicht genug Evidenz vor, die die Vorteile von Technologien zur Altersüberprüfung belegt. Darüber hinaus ließen sich Alterskontrollen im digitalen Bereich leicht austricksen, wie Beispiele zeigten, in denen Identitäten mithilfe von VPNs, gekauften oder geliehenen Zugangsdaten sowie KI-generierten Profilen umgangen würden.
Bevor weitreichende Kontrollmechanismen in Kraft gesetzt werden, müsse wissenschaftlich geklärt werden, welche potenziellen Schäden für den Datenschutz und die Privatsphäre entstehen können. Der Einsatz solcher Methoden sei nur gerechtfertigt, wenn die Vorteile die Nachteile nachweisbar und bei Weitem überwiegen. In der Zwischenzeit sollten Regierungen bei den Ursachen ansetzen: „Viele der Schäden, denen Altersüberprüfungen eigentlich entgegenwirken sollen, werden durch die algorithmischen Praktiken sozialer Netzwerke verursacht; daher wäre eine Regulierung dieser Praktiken wirksamer als umgehbare Zugangskontrollen.“
Die Umgestaltung der Kindheit?
Der Psychologe Jonathan Haidt aus den USA setzt sich für ein Verbot von Social Media für Kinder und Jugendliche ein. Er vertritt die Meinung, dass Smartphones und das Aufkommen von Social Media den Übergang von einer auf Spiel zu einer auf Technologie basierenden Kindheit befeuert haben. In seinem Buch „The Anxious Generation“ (2024) schreibt er: „Diese tiefgreifende Umgestaltung der Kindheit ist meiner Meinung nach der wichtigste Grund für die Flutwelle psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen, die Anfang der 2010er-Jahre einsetzte.“ Also zu dem Zeitpunkt, als Social Media massenwirksam wurde.
Kritikerinnen und Kritiker sehen in Haidts These eine Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. In ihrer Rezension von Haidts Buch im Wissenschaftsmagazin „Nature“ merkt die Psychologieprofessorin Candice Odgers an, dass Haidt anekdotisch vorgehe, sein Kernargument aber nicht wissenschaftlich belege. Er mache den grundlegenden Fehler, Korrelation mit Kausalität zu verwechseln. Andere Forschende setzen Haidt entgegen, dass Ängste bei Jugendlichen auch durch andere Themen wie die Klimakrise oder internationale Konflikte und Kriege verstärkt werden könnten.
Sackgasse beim Recruiting
Auch dieser Umstand ist im Zusammenhang mit einem Social-Media-Verbot für Jugendliche zu bedenken: Viele Unternehmen werben in den sozialen Medien für ihre Branchen – auch Zahnarztpraxern. Jugendliche auszuschließen, würde die Wirksamkeit dieser Recruiting-Maßnahmen einschränken oder ganz zunichtemachen. Auch viele Organisationen aus der Demokratiebildung und dem Gesundheitswesen sind mit wissenschaftlich fundierten Informationen auf den Social-Media-Plattformen präsent, um Fehlinformationen möglichst früh entgegenzuwirken.




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