„Ich beschloss spontan, Kokou bei seiner Behandlung finanziell zu unterstützen“
Herr Dr. Würfel, im Herbst 2023 begegneten Sie Kokou Amegavi. Wie stellte sich die Situation des Patienten dar?
Dr. Frank Würfel: In der zweiten Woche meines Arbeitseinsatzes in Togo waren wir in Aného und arbeiteten dort im Krankenhaus. Gleich am Montag stellte sich neben vielen anderen ein junger Mann vor. Er hatte eine Schwellung im rechten Unterkiefer, die sich relativ schnell als submuköser Abszess darstellte. Wir machten das, was wir in solchen Fällen immer tun: Wir gaben ihm eine Spritze, inzidierten den Abszess, setzten ein Antibiotikum an und bestellten ihn für den übernächsten Tag wieder ein, um zu sehen, ob die Behandlung anschlägt. Gleichzeitig planten wir, den Zahn, den ich als ursächlich ansah, noch zu ziehen, bevor wir Aného verlassen würden.
Am nächsten Tag kam der junge Mann – trotz deutlicher Besserung seines Befunds – erneut in die Klinik. Er zeigte mir ein Röntgenbild, ein OPG, das im Jahr zuvor in einer anderen Klinik in Lomé, der Hauptstadt, angefertigt worden war. Dieses Bild verunsicherte mich sehr. Ich war nicht sicher, ob es sich um ein großes Artefakt oder um einen tatsächlichen Befund im Unterkieferbereich handelte, wie ich ihn in dieser Form noch nie gesehen hatte. Deshalb schickte ich ihn noch am selben Tag in die Universitätsklinik zurück, mit der Bitte, ein neues OPG anfertigen zu lassen.
Ich gab ihm etwas Geld mit, damit er die Untersuchung bezahlen konnte. Am Mittwoch erschien er wie vereinbart erneut und brachte das aktuelle Bild mit. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich beim Anblick sehr erschrocken war. Normalerweise hätte ich ihm an diesem Tag den Zahn gezogen – auch ohne Röntgenbild. Zähne ohne vorherige Bildgebung zu entfernen, ist bei solchen Einsätzen ganz normal, einfach, weil keine Röntgendiagnostik verfügbar ist. Doch auf diesem Röntgenbild war zu erkennen, dass der Zahn, den ich als Ursache vermutete und entfernen wollte, gar nicht die Ursache des Abszesses war.
Vor allem aber war zu erkennen, dass der Unterkiefer lediglich eine Restknochenspange von wenigen Millimetern Höhe war. Die Gefahr, bei einer chirurgischen Intervention einen Kieferbruch auszulösen, war also nicht zu unterschätzen. Dementsprechend verwarf ich meine ursprüngliche Extraktionsplanung.
In den verbleibenden Tagen suchte ich nach einer Möglichkeit, dem Patienten dennoch zu helfen. Der einzige sinnvolle Weg schien zu sein, ihn erneut an die Universitätsklinik zu überweisen. Dort arbeitete ein Professor für Kieferchirurgie – der führende Spezialist auf diesem Gebiet in Togo, wie ich später erfahren sollte. Ich beschloss spontan, den jungen Mann bei seiner Behandlung finanziell zu unterstützen. Damit begann die Geschichte von Kokou in Togo.
Warum war eine adäquate Versorgung vor Ort nicht möglich?
In der Tat dachte ich am Anfang, es wäre relativ unkompliziert, Kokou eine adäquate Versorgung in Togo zuteilwerden zu lassen. Ich müsse ihn nur finanziell unterstützen, da jede medizinische Behandlung in diesem Land von den Patienten selbst bezahlt wird. Allerdings stellte ich in den ersten Wochen nach meiner Rückkehr fest, dass die medizinische Seite offensichtlich nicht ganz so einfach ist, wie ich mir das gedacht hatte. Ich führte eine ganze Reihe von Gesprächen mit Fachkollegen und ließ mich beraten.
Je länger ich mich damit beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass eine Behandlung in einem Land wie Togo möglicherweise gar nicht so stattfinden kann, wie dies in Deutschland der Fall wäre. Schließlich nahm ich persönlich Kontakt mit dem Professor an der Universität in Togo auf. Er schilderte mir die operativen Möglichkeiten, über die er verfügte. Im Gegenzug stellte ich ihm die operativen Vorstellungen dar, die nicht von mir, sondern von einem sehr erfahrenen kieferchirurgischen Fachkollegen in Deutschland formuliert worden waren.
Der Professor in Lomé antwortete mir offen, dass auch er diese Behandlung bevorzugen würde, dass es aber in Togo keine Möglichkeit gibt, mikrovaskuläre Eingriffe durchzuführen. Demzufolge ist eine Knochentransplantation, wie sie der deutsche Kollege vorgeschlagen hatte, dort ausgeschlossen. Damit war die naive Vorstellung – ich schicke Geld und Kokou wird operiert – zunächst vom Tisch.
Wie entstand der Plan, zu helfen? Und wie war das weitere Vorgehen?
Eigentlich gab es zu keinem Zeitpunkt einen richtigen Plan. Vielmehr ergab sich ein Schritt aus dem nächsten. Nachdem ich erkannt hatte, dass eine Operation, die Kokou dauerhaft helfen würde, in Togo nicht möglich ist, wandte ich mich an mehrere Universitätskliniken in Deutschland, unter anderem in Dresden und Leipzig. Ich nahm Kontakt auf, schilderte das Problem und bat um Kostenvoranschläge, um zunächst den finanziellen Rahmen abschätzen zu können.
Die Reaktionen der Kliniken waren unterschiedlich. In Dresden erhielt ich schließlich einen Kostenvoranschlag in Höhe von etwa 40.000 Euro. Damit hatte ich zumindest eine erste Orientierung. Aus einem früheren Auslandseinsatz hatte ich zudem einen Kontakt nach Kenia zu einer deutschen Kollegin, die dort lebt und arbeitet. Sie stellte den Kontakt zu einem renommierten kenianischen Kollegen her. Ich schrieb ihn an und er schickte mir schließlich ein Kostenangebot in Höhe von ungefähr 25.000 Euro für eine Behandlung, wie wir sie auch in Deutschland durchführen würden. Trotzdem entschied ich mich dafür, die Behandlung in Deutschland durchführen zu lassen. In Kenia kannte ich niemanden persönlich, ich hätte mich vor Ort um viele Dinge selbst kümmern müssen – Unterkunft, Hin- und Rückreise und zahlreiche organisatorische Fragen, mit denen ich dort keine Erfahrung hatte.
Die nächsten Schritte bestanden darin, eine GoFundMe-Aktion zu starten, meinen Kollegenkreis sowie Freunde anzuschreiben und um Spenden zu bitten. Auch in meiner Praxis begann ich, Spenden zu sammeln. Gleichzeitig setzte ich mich damit auseinander, was alles notwendig wäre, um den jungen Mann überhaupt nach Deutschland zu bringen. Denn aus Togo reist man nicht einfach so nach Deutschland ein – es braucht einen triftigen Grund, um als togolesischer Staatsbürger ein Visum zu erhalten.
Welche weiteren Hindernisse gab es – neben dem Visum – auf dem Weg zur OP in Deutschland?
Zum einen musste das Geld für die Behandlung zusammengetragen werden. Zum anderen wurde finanzielle Unterstützung benötigt, um die Unterkunft sowie Essen und Trinken für die Zeit seines Aufenthalts hier finanzieren zu können. Außerdem musste noch eine möglichst preiswerte Unterkunft gefunden werden. Wir gingen von einem Aufenthalt von zwei bis drei Monaten aus, da kann man sich ausrechnen, welche Kosten alleine für eine Unterkunft zusammenkommen.
Der nächste Schritt bestand darin, mich mit den deutschen Visaregeln vertraut zu machen – um zu verstehen, dass er ein Visum zur medizinischen Behandlung benötigt, das er in Togo bei der deutschen Botschaft beantragen musste. Dafür brauchte er in Togo einen Termin bei der deutschen Botschaft. Allerdings war es dort über Monate hinweg nahezu unmöglich, einen Termin zu bekommen, sofern man nicht zufällig über die richtigen Kontakte verfügte.
Der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass sich dieses Verfahren im Laufe der Zeit verändert hat. Irgendwann wurde die Möglichkeit eingeführt, online einen Termin zu buchen. In den ersten Monaten jedoch war es nahezu ausgeschlossen, überhaupt einen Termin bei der Botschaft zu erhalten. Außerdem wandte ich mich an die Ausländerbehörde in Pirna, um erst einmal zu verstehen, was wirklich alles gebraucht würde. Letztlich wurden alle diese Hürden irgendwie bewältigt.
Bekamen Sie viel Unterstützung bei Ihren Spendenaufrufen?
Ja, ich erhielt viel Unterstützung von Freunden und Kollegen, aber es gab auch mehrere herbe Enttäuschungen, von denen ich hier aber nicht berichten möchte. Was mich in jedem Fall beeindruckt hat, war, wie viele meiner Patienten Geld in die aufgestellte Kokou-Kasse gesteckt haben. Da waren oft auch Leute dabei, von denen ich genau wusste, dass sie selber nicht viel haben.
Auch Dank dieser Kleinspenden kam das benötigte Geld schließlich zusammen. Wie verlief dann Amegavis erster Aufenthalt in Deutschland?
Kokou reiste im Frühjahr 2025 ein, und wir brachten ihn im Gästehaus der Universitätsklinik unter. Zunächst holte ich ihn in meine Praxis, wo wir eine allgemeine Zahnkontrolle und eine Zahnreinigung durchführten, wobei festzuhalten ist, dass Kokou ein gut gepflegtes und völlig kariesfreies Gebiss hatte. In den darauffolgenden Tagen folgten mehrere vorbereitende Untersuchungen in der Uniklinik und eine erste kleinere OP. Es dauerte nicht lange, bis schließlich der große Operationstag anstand.
Nach dem Eingriff war er zunächst etwa eine Woche lang in einem sehr schlechten Zustand und stark gezeichnet von der Operation. Doch schon bald verbesserte sich sein Zustand auf bemerkenswerte Weise. Von unserer deutschen Wirklichkeit bekam er während seines ersten Aufenthalts in Deutschland sicherlich nicht allzu viel mit. Zum einen war er anfangs stark mit seiner Genesung beschäftigt, zum anderen befand er sich in einer für ihn völlig fremden Welt, in der er sich sehr unsicher fühlte. Außerdem hatte er kaum Geld.
Das Geld, das ich ihm gab, um sich Essen und Trinken zu kaufen, verwendete er sehr sparsam. Stattdessen ernährte er sich überwiegend aus einem Koffer voller Lebensmittel, den er aus Togo mitgebracht hatte. Dieser bestand im Wesentlichen aus Maniok, Mais und einer scharfen Sauce. Daraus bereitete er sich täglich seine Mahlzeiten. In dieser Zeit entwickelte sich bei ihm zunehmend der Wunsch, in Deutschland zu bleiben und hier eine Ausbildung zu machen.
Ganz neu war dieser Gedanke vermutlich nicht, denn bereits vor seiner Einreise hatte er in Togo am Goethe-Institut Deutsch bis zum Niveau B1 gelernt. Sein Aufenthalt in Deutschland verstärkte diesen Wunsch noch einmal. Sobald es ihm etwas besser ging, begann er, intensiv Vokabeln zu lernen. Ich hatte ihm einen Vokabelkasten mit 1.000 Wörtern geschenkt, und innerhalb von nur fünf Wochen hatte er sich diese vollständig eingeprägt.
So entstand schließlich die Idee, dass er möglicherweise nicht nach Togo zurückkehrt, sondern in Deutschland bleibt, um eine Ausbildung – etwa in der Pflege – zu beginnen. Wir suchten eine Ausbildungsstelle, die wir auch fanden, ebenso wie eine Sprachschule, an der er das Sprachniveau B2 hätte erreichen können, um anschließend im Herbst mit der Ausbildung zu starten. Am Ende ließ sich dieser Plan jedoch nicht umsetzen. Er war mit einem Visum zur medizinischen Behandlung eingereist und nicht mit einem Visum für eine Ausbildung. Dieses konnte auch nicht umgewandelt werden. So kehrte er schließlich Anfang April nach Togo zurück.
„Ich kenne keinen Hunger mehr“
„Ich kann nicht über meine Behandlung sprechen, ohne die Fortschritte der deutschen Medizin zu würdigen. Mein Dank gilt den deutschen Ärzten, insbesondere denen des Uniklinikums Dresden, wo meine Behandlung erfolgreich durchgeführt wurde.
Ehrlich gesagt, Deutschland und mein Heimatland sind nicht vergleichbar. Ich bin der Familie Würfel für ihre Gastfreundschaft hier sehr dankbar. Ich kenne keinen Hunger mehr; es klingt komisch, ist aber Realität. Und ich kann sagen, dass Deutschland ein besseres Leben, bessere Gesundheit, bessere Bildung und bessere Arbeitsmöglichkeiten bietet. Deshalb habe ich eine gute Stelle als Pflegehelfer in Langebrück angenommen und beginne am 1. September eine dreijährige Berufsausbildung. All das soll mir ermöglichen, in Zukunft etwas zu erreichen."
Wie kam es dazu, dass Deutschland für ihn dann doch zur Wahlheimat wurde?
In Togo begann er umgehend mit dem nächsten Kurs in der Sprachschule. Parallel dazu beantragte er im Mai 2025 ein neues Visum, diesmal zur Einreise für eine Ausbildung in der Pflege. Einen Ausbildungsvertrag hatten wir zu diesem Zeitpunkt bereits in der Tasche.
Allerdings dauerte es Monate, bis die Botschaft ihm das Visum ausstellte – so lange, dass der ursprüngliche Ausbildungsvertrag zwischenzeitlich erloschen war. Also machte ich mich erneut auf die Suche und fand schließlich bei der Diakonie in Dresden einen neuen Ausbildungsplatz, mit Beginn im September dieses Jahres. Diese Vereinbarung ebnete ihm letztlich den Weg nach Dresden.
Wie ist die aktuelle Situation?
Kokou ist seit Mitte April in Dresden und wohnt im Gästehaus der Handwerkskammer. In den ersten Wochen haben wir viele Wege gemeinsam erledigt, vor allem Behördengänge. Seit Anfang Mai nimmt er an einem berufsvorbereitenden Sprachkurs teil, der bis zu seinem Ausbildungsbeginn läuft. Seit dem 1. Juni arbeitet er außerdem 20 Stunden pro Woche als Pflegehelfer beim Deutschen Roten Kreuz in Langebrück in einer Senioreneinrichtung. In der verbleibenden Freizeit arbeitet er sich durch die Lehrbücher für die Ausbildung zum Pflegefachmann, die ich ihm besorgt habe.
Das Interview führte Marius Gießmann.








