Nach dem Spiel ist vor dem Zahnarzt
Für Fußball-Nostalgiker braucht es nur ein paar Schlagworte: Die Nacht von Sevilla! Das Halbfinale gegen Frankreich: der amtierende Europameister Deutschland gegen den nächsten zwei Jahre später. Rummenigge, Breitner, der junge Littbarski, Klaus-Fallrückzieher-Fischer, Briegel, Kaltz und „das Kopfballungeheuer“ Horst Hrubesch hier, das legendäre Mittelfeld um Michel Platini, Alain Giresse und Jean Tigana dort. Und dann ja noch Schumacher und Battiston.
Der Spielverlauf selbst war schon spektakulär. 1:1 nach 90 Minuten, Verlängerung. Nach acht Minuten liegen die Franzosen mit 3:1 vorn, alles vorbei, zehn Minuten später macht das deutsche Team durch einen Fischer-Fallrückzieher das 3:3, es folgt das erste Elfmeterschießen der WM-Geschichte. Erst hält der französische Torwart einen, dann der deutsche, und dann noch einen. Dann kommt Hrubesch, zieht sich auf dem Weg zum Punkt die Hose zurecht, legt sich – als vermutlich einziger Schütze ever – nicht einmal den Ball selbst hin und ... schiebt ihn rein. Finale. Ein Jahrhundertspiel.
Fußballerisch war's das. Aber dann war da ja noch die 57. Minute. Denn die andalusische Nacht bleibt auch (oder vor allem) in Erinnerung wegen des Zusammenpralls/Brutalo-Fouls des deutschen Torwarts Harald „Toni“ Schumacher mit dem Franzosen Patrick Battiston: Nach einem Steilpass von Platini läuft Battiston allein auf das deutsche Tor zu und kommt an der Strafraumgrenze an den Ball. Schumacher stürmt ihm entgegen, der Franzose spitzelt den Ball vorbei, Schumacher kann nicht mehr bremsen, springt hoch, dreht sich in der Luft und trifft Battiston in vollem Schwung mit seiner Hüfte am Kopf. Dieser geht zu Boden und bleibt regungslos liegen.
„Dann bezahle ich ihm halt die Jacketkronen“
Battiston war mehrere Minuten bewusstlos, wurde lange behandelt und musste mit angebrochenem Halswirbel und einer Gehirnerschütterung ausgewechselt werden. Währenddessen steht Schumacher Kaugummi-kauend vor seinem Tor, jongliert mit dem Ball, dehnt sich und wartet darauf, dass es weiter geht. Als er nach dem Spiel von einem Reporter erfährt, dass Battiston zwei Zähne verloren hat, antwortet er scheinbar lässig: „Wenn es nur die Jacketkronen sind, die bezahle ich ihm gerne.“
Den Spruch hat Schumacher hinterher bereut. Er erklärte ihn später mit der emotionalen Überdosis eines Jahrhundertspiels, in dem er vom absoluten Buhmann zum Elfmeter-Helden avancierte. Und auch während der Behandlung von Battiston sei er aus Angst und Unsicherheit im Tor geblieben, um die Situation nicht noch mehr aufzuheizen.
Das misslang. Die ausgeschlagenen Zähne und die flapsigen Worte belasten die noch zarte deutsch-französische Freundschaft. Der „böse Deutsche“ war wieder da, die französische Presse kramte die alten Ressentiments gegen den Kriegsgegner hervor, schrieb von „Mörder“, „Nazi“, „Schuhmacher SS“, um das „Attentat sur Battiston“ (und das Ausscheiden?) zu verarbeiten. Die Sportzeitschrift L’Équipe soll „Toni Schumacher, Beruf Unmensch“ getextet haben.
Der Focus hat den Zusammenprall in seine Liste der „elf unfairsten und unsportlichsten Fußball-Momente“ aufgenommen, die Zeit schrieb: „Dieses Foul schmerzt noch heute.“ Eine Woche nach dem Spiel heiratete Battiston mit Halskrause, sechsmal mussten ihm die verlorenen Schneidezähne ausgetauscht werden. Er könne jetzt mit den Zähnen das Wetter fühlen, hat er mal gesagt.
„Beckenbauer? Können Sie das buchstabieren?“
Beim zweiten Zahnunfall derselben WM war ein deutscher Schiedsrichter das Opfer. Walter Eschweiler leitet das Gruppenspiel zwischen Italien und Peru, als sich in der ersten Halbzeit der Laufweg des Peruaners Jose Velasquez mit seinem kreuzt. Frontal stoßen beide zusammen, „die Mutter aller Schiedsrichter-Kollisionen“ (Elf Freunde). Eschweiler macht eine plumpe Rolle rückwärts und muss sich kurz berappeln. Neben den Karten und der Pfeife liegt ein Schneidezahn auf dem Rasen. Er unterbricht das Spiel, Schiedsrichterball, dann geht es weiter. „Eine deutsche Eiche wankt, aber sie fällt nicht“, kommentiert er die Szene hinterher.
Noch in der Halbzeitpause bekommt er einen Anruf von seinem besorgten Chef. Da er hauptberuflich als Diplomat im Auswärtigen Amt arbeitet, ist Außenminister Hans-Dietrich Genscher am Apparat. Überliefert ist Eschweilers Antwort: „Lieber Herr Minister, außer dem angeborenen Dachschaden liegt keine nennenswerte Beschädigung vor.“
Eschweiler steht für einen damals neuen Typus Schiedsrichter. Er regelte die Dinge auf dem Platz häufiger mal rheinisch-fröhlich mit einem flotten Spruch, er selbst nannte es „eine entspannte Kommunikation“, ntv nannte ihn „den Grandseigneur des gepflegten Herrenwitzes“. Urteilen Sie selbst.
Weit nach seiner Karriere war Eschweiler zum 10. Internationalen Fußballfilmfestival in Berlin eingeladen, vorgestellt wurde er mit einem Kurzfilm. Als das Licht ausging, sagte er zum ARD-Reporter Heribert Faßbender: „Sag mal, Heribert, hast du Make-up aufgetragen? Deine Wangenknochen leuchten ja selbst in der Dunkelheit!“ Eschweiler brachte seinen Humor aber auch mit auf den Platz. Irgendwann Mitte der 1970er-Jahre schiedste er ein Spiel von Rot-Weiß Essen, in dem er der RWE-Legende Willi „Ente“ Lippens zurief: „Willi, ich glaube, deine Frau betrügt uns!“
Überliefert ist auch eine Anekdote mit dem allergrößten deutschen Fußballer. Als Franz Beckenbauer in einem Zweikampf mal zu spät (sic!) kam und wenig kaiserlich hinlangte, bestellte Eschweiler ihn zum Rapport: „Wie ist der Name?“ Der Kaiser winkte nur verdutzt ab und trollte sich. Doch Eschweiler insistierte und fragte noch zweimal nach dem Namen. „Na, Beckenbauer. Was denn sonst?“ Doch der Schiedsrichter hatte scheinbar nicht genau verstanden. „Können Sie das bitte buchstabieren, junger Mann?“ Später kommentierte Eschweiler die Szene so: „Da brauchte ich gar keine Gelbe mehr zu zeigen, der war konsterniert genug.“
Unsere neue beste Freundin, die KI, weiß auch nicht mehr zur Zahn-Restauration nach dem Spiel, weist aber darauf hin, dass der Vorfall sich in diversen Foren als Quizfrage etabliert hat. Frage: Bei der Fußball-WM 1982 verlor der deutsche Schiedsrichter Walter Eschweiler nach einem Zusammenstoß einen Zahn – welchen? Antwort: A) Backenzahn B) Eckzahn C) Schneidezahn D) Weisheitszahn. An der Stelle können Sie nun zukünftig glänzen.






