So meistert man die Langstrecke
Um nicht nur Momentaufnahmen der Mundgesundheit abzubilden, sondern deren Entwicklung über den Lebensbogen hinweg, braucht man longitudinale epidemiologische Daten“, sagt Studienleiter Prof. Dr. A. Rainer Jordan vom Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ). Beim Set-up des entsprechenden Studienarms für die DMS • 6 – das somit bereits zum Zeitpunkt der DMS V stattfinden musste – war entsprechend vorausschauend zu planen.
Um etwa Adressen über mehrere Jahre speichern zu dürfen, sind sehr strenge Datenschutzvorgaben zu erfüllen. So musste das IDZ die wissenschaftliche Notwendigkeit der Speicherung vor einer Ethikkommission begründen und außerdem nachweisen, dass die Daten-haltenden Stellen streng voneinander getrennt waren. Diese Vorarbeiten nahmen rund ein Jahr in Anspruch.
Erfolgsgarant Aufklärung, Risikofaktor Misstrauen
Mit der Erhebung der Felddaten beauftragte das IDZ den wissenschaftlichen Dienstleister Oracle Deutschland. Das Unternehmen erstellte das Panel für die Mundgesundheitsstudie und übernahm auch dessen Pflege. „Eine Längsschnittstudie beginnt damit, dass wir die Teilnehmenden schon in der Einverständniserklärung fragen, ob wir sie nach einigen Jahren noch mal kontaktieren dürfen“, erklärt Dr. Constanze Cholmakow-Bodechtel, Director Research, Public Health & Epidemiology. Dem stimmten in der Regel fast alle Probandinnen und Probanden zu.
Entscheidend für die Teilnahmebereitschaft ist aus ihrer Erfahrung umfassende Aufklärung. „Dabei achten wir insbesondere auf eine sehr einfache Sprache. Wir haben eine Germanistin im Team, die unsere Anschreiben so formuliert, dass Probandinnen und Probanden aller Sprach- und Bildungsniveaus verstehen, worum es bei der Studie geht und wozu sie ihre Einwilligung erteilen.“ Zum Oracle-Team gehören auch sogenannte Kontakterinnen und Kontakter. Sie suchen die für eine Studie gezogenen Personen persönlich auf, wenn sie nicht auf das Anschreiben reagiert haben, und versuchen, in einem Gespräch mögliche Bedenken auszuräumen.
„Wir betreiben viel Aufwand, um zu zeigen, dass wir nichts im Schilde führen, sondern dass es um Forschung zum Wohle der Allgemeinheit geht.“
Dr. Constanze Cholmakow-Bodechtel, Oracle Deutschland
Dabei stelle sich oft heraus, dass viele die Briefe gar nicht geöffnet haben, berichtet Cholmakow-Bodechtel: „Seit der Pandemie beobachten wir, dass die Bevölkerung misstrauischer geworden ist.“ Deswegen setzt Oracle sich inzwischen mit den Polizeidienststellen, den Gesundheitsämtern sowie den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern der für ein Panel ausgewählten Gemeinden in Verbindung und klärt auch sie über den Ablauf und die Ziele einer Studie auf – an der DMS · 6 waren Menschen aus 90 Gemeinden beteiligt. Cholmakow-Bodechtel: „Wir betreiben viel Aufwand, um unsere Legitimation zu untermauern und um zu zeigen, dass wir nichts im Schilde führen, sondern dass es um Forschung zum Wohle der Allgemeinheit geht.“
Den Kontakt halten und Abwechslung bieten
An einer zweiten sozialwissenschaftlichen Befragung und zahnmedizinisch-klinischen Untersuchung im Rahmen der Längsschnittbetrachtung für die DMS • 6 nahmen schließlich 372 jüngere Erwachsene, 342 ältere Erwachsene sowie 375 ältere Seniorinnen und Senioren teil, die zum Zeitpunkt der DMS V in der jeweils jüngeren Altersgruppe mitgewirkt hatten.
Eine von ihnen ist Janet Gerlach-Nestler aus Sachsen. Sie war im Jahr 2015 per Brief zur Teilnahme an der DMS V aufgefordert worden. „Mein erster Gedanke war: Warum ich?“, blickt die 56-Jährige zurück. „Aber dann fand ich es gut, die zahnmedizinische Forschung zu unterstützen. Auch, weil gesunde und schöne Zähne ein wichtiges Thema für mich sind.“
Die Kommunikation im Rahmen der Studie empfand sie als angenehm. „Ich bekam regelmäßig Post, aber nicht zu oft“, sagt sie. „Unter anderem wurden mir die Studienergebnisse zugesendet oder es kam eine Postkarte mit der Frage, ob sich meine Adresse geändert habe.“
„Als ich die Aufforderung bekommen habe, an der Studie teilzunehmen, war mein erster Gedanke: Warum ich?“
Probandin Janet Gerlach-Nestler
Bei langen Laufzeiten spiele die Panel-Pflege eine große Rolle, betont Cholmakow-Bodechtel. Man müsse behutsam damit umgehen, wie oft man die Teilnehmenden kontaktiert und auf welche Weise. Für die DMS • 6 wurden die Personen im Panel circa alle sechs Monate schriftlich kontaktiert. Für die Anschreiben hat sich das Oracle-Team immer wieder Neues einfallen lassen. „Es waren Bilderrätsel rund um das Thema Zahn dabei, Malwettbewerbe für die Kinder, saisonale Grüße wie zum Beispiel ein Zahn aus Schnee, Kreuzworträtsel und interaktive Aktionen“, erzählt die Projektverantwortliche.
Das habe gut funktioniert – vor allen Dingen bei den Hochaltrigen im Panel. Die hätten zum Teil angerufen, um sich für die nette Post zu bedanken. „Man merkt, dass die einzelnen Alterskohorten auf unterschiedliche Incentives reagieren. Die Jugendlichen motiviert man gut mit monetären Anreizen, bei den Älteren kann es schon die Freude über die Kontaktaufnahme an sich sein“, so Cholmakow-Bodechtel.
Für Studienteilnehmerin Gerlach-Nestler war es der Gedanke, etwas für das Gemeinwohl zu tun. Für sie steht daher fest: „Sollte ich noch mal angeschrieben werden, mache ich wieder mit!“






