„Dass wir in Brandenburg an der Havel sind, ist kein Zufall!“
Herr Dr. Fleige, der Start der neuen Universitätszahnklinik ist noch ganz frisch. Entsteht dort aus Ihrer Sicht wirklich etwas Neues – jenseits von moderner Architektur und digitaler Ausstattung?
Dr. Gerrit Fleige: Neu ist vor allem, dass Brandenburg erstmals eine zahnmedizinische Ausbildung bekommt – und zwar mit einem Modellstudiengang, der von Beginn an auf die Versorgung, die klinische Praxis und den ländlichen Raum ausgerichtet ist. Und natürlich ist auch die Klinik selbst, so wie sie gebaut ist, tatsächlich sehr modern.
Die Klinik wurde als eine der modernsten universitären Zahnkliniken Europas angekündigt. Woran machen Sie diesen Anspruch konkret fest?
Wir ziehen in ein denkmalgeschütztes, umfassend modernisiertes Gebäude, in dem die Patientenversorgung, die klinische Ausbildung und die vorklinische Ausbildung sehr nah beieinander liegen. Zugleich werden wir in der Ausbildung konsequent digital arbeiten.
Ein wichtiger Unterschied zu vielen klassischen Zahnkliniken ist die bauliche Organisation. Im Studentenkurs gibt es bei uns keine großen Behandlungssäle, sondern normale Behandlungsräume. Sie sind im gesamten Gebäude gleich ausgestattet – vom studentischen Kurs bis zur Assistenzarzt- oder Chefarztbehandlung. Die Behandlungsräume sind in einem U angeordnet, mit Glasfronten und zugleich vollständiger Privatsphäre. Zentral angeordnet ist ein Supervisionsbereich, von dem aus die integrierten Kurse begleitet und die Studierenden betreut werden.
Wichtig ist uns außerdem eine intensive praktische Ausbildung. Die Studierenden betreuen ihre Patientinnen und Patienten nicht nur während des Semesters, sondern auch in der vorlesungsfreien Zeit. Dadurch sammeln sie mehr Praxiserfahrung, können komplexere Behandlungen realitätsnäher durchführen und sichern zugleich eine kontinuierliche Betreuung der Patientinnen und Patienten.
Welche Behandlungen, Abläufe oder Ausbildungssituationen werden durch die neue Klinik künftig möglich, die bislang nur eingeschränkt umsetzbar waren?
Die bisherige Hochschulambulanz war im Grunde eine kleine Praxis. Dort konnten unsere berufenen Professorinnen und Professoren bereits mit der Behandlung beginnen. Das Ganze war allerdings lediglich eine Übergangslösung. Mit der neuen Klinik können wir die Patientenversorgung, die klinische und die praktische Ausbildung in einer völlig anderen Breite abbilden – mit insgesamt 40 Behandlungseinheiten ist das ein ganz anderer Rahmen.
Welche zahnmedizinischen Disziplinen sind an der neuen Klinik vertreten? Ist auch die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie eingebunden?
Vertreten sind die klassischen zahnmedizinischen Disziplinen: konservierende Zahnheilkunde, Prothetik, Kieferorthopädie sowie MKG beziehungsweise Oralchirurgie. Für diesen Bereich läuft derzeit das Berufungsverfahren. Sollte die Professur mit einem Oralchirurgen oder einer Oralchirurgin besetzt werden, erfolgt die MKG-Abdeckung über kooperierende Kliniken.
Sie haben angekündigt, dass mehr als 40 vernetzte Behandlungsplätze und eine KI-gestützte Diagnostik vor Ort sein werden. Wo genau kommt KI im klinischen oder im studentischen Alltag zum Einsatz?
Konkrete Einsatzfelder sind zunächst die Röntgendiagnostik und die Kariesdetektion. Darüber hinaus prüfen wir, wie KI die Befunderfassung, die Behandlungsplanung und die Patientenprozesse sinnvoll unterstützen kann.
Eine Rolle spielt die KI aber nicht nur in der Behandlung, sondern auch in der Lehre, in der Forschung und bei der Organisation. Studierende, Mitarbeitende und Universitätsangehörige können für Forschung und Lehre bereits KI-Angebote nutzen. Außerdem setzen wir KI in administrativen Abläufen ein, etwa in der Studierendenbetreuung über zum Teil KI-basierte Chatbots.
Die MHB bietet den ersten Zahnmedizin-Studiengang in Brandenburg an. Was unterscheidet Ihren Modellstudiengang vom klassischen Zahnmedizinstudium?
Der Modellstudiengang beginnt nicht mit isolierten Grundlagenfächern, auf die dann Schritt für Schritt die einzelnen klinischen Fächer folgen. Bei uns ist das von Anfang an integriert. Der zentrale Unterschied ist also: Die Studierenden lernen fach- und themenbezogen. Sie erleben Grundlagen nicht als abstrakte Vorstufe, sondern von Anfang an im Zusammenhang mit klinischen Fragen. Wenn sie zum Beispiel Hämodynamik lernen, dann direkt im Kontext des Kreislaufs – und daran kann sich unmittelbar auch die Pathologie anschließen. Diese starke Verschränkung führt dazu, dass es bei uns keine klassische Z1-Prüfung gibt, sondern Äquivalenzprüfungen.
Ein weiterer Unterschied zum Regelstudiengang sind die besonderen Lehrformate mit Kleingruppenunterricht, problemorientiertem Lernen sowie einem starken Fokus auf Teamfähigkeit, Kommunikation und Patientenkontakt.
Wie viele Studienplätze stehen pro Jahr zur Verfügung? Und wie viele Menschen bewerben sich?
Wir vergeben derzeit einmal im Jahr 48 Studienplätze, jeweils zum Sommersemester. Inzwischen sind wir im dritten Jahrgang, und im Interimsgebäude wird es schon ziemlich eng. Mit der neuen Klinik haben wir zunächst deutlich mehr Kapazität. Ob wir die Zahl der Studienplätze zu gegebener Zeit erhöhen, werden wir sehen. Bei den Bewerbungen liegen wir ungefähr beim Drei- bis Vierfachen der vorhandenen Studienplätze.
Die MHB verzichtet auf einen klassischen NC und setzt auf ein Auswahlverfahren. Hat sich das Verfahren bewährt?
Ja, wir sind mit dem Verfahren sehr zufrieden. Wir haben damit seit mehr als zehn Jahren Erfahrung in der Humanmedizin und in der Psychologie, evaluieren es regelmäßig und entwickeln es weiter.
Der NC ist für uns kein Auswahlkriterium. Wir schauen, wie gut Bewerberinnen und Bewerber zum Studium und zu unserem Profil passen. In der Zahnmedizin prüfen wir zusätzlich die praktische Geschicklichkeit, etwa mit kleinen handwerklichen Tests wie dem Biegen von Drähten. Das würden wir gar nicht so genau verraten wollen. Das hilft auch den Studieninteressierten einzuschätzen, ob die späteren praktischen Anforderungen zu ihnen passen. Wir wählen diejenigen aus, bei denen wir gute Chancen für einen erfolgreichen Studienabschluss sehen, und achten auf eine Grundoffenheit für den ländlichen Raum. Das ist kein Zwang, entspricht aber unserem regionalen Auftrag.
Im Studienalltag zeigt sich: Die Studierenden sind sehr motiviert. Durch die Auswahl jenseits der Abiturnote entstehen heterogene Kohorten mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen, Altersgruppen und beruflichen Erfahrungen – etwa auch ZFA mit praktischen Stärken. Das bereichert die Lehre und das kollegiale Lernen. Auch Lehrende aus anderen universitären Kontexten sind mit unseren Studierenden sehr zufrieden.
Gibt es Präventionsangebote der MHB für die Region, zum Beispiel für Kitas, Schulen, Pflegeeinrichtungen oder vulnerable Gruppen?
In der Zahnmedizin stehen wir bei solchen Präventionsangeboten noch am Anfang. Erste Pilot-artige Ansätze gibt es aber schon, etwa beim Tag der Gesundheit.
Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Seniorenzahnmedizin: Unsere Prothetik ist zugleich Lehrstuhl für Seniorenzahnmedizin. Perspektivisch wollen wir die aufsuchende Behandlung weiter ausbauen, sobald wir mit der neuen Klinik mehr Kapazitäten haben.
Die Hochschulambulanz versorgt bereits rund 2.500 Patientinnen und Patienten pro Jahr. Welche Rolle spielt sie für Brandenburg an der Havel und die Region?
Für die regionale Versorgung spielt die Zahnmedizin bereits heute eine große Rolle. Wir behandeln schon jetzt komplexere Fälle als eine normale niedergelassene Praxis und sind damit eine universitäre Anlaufstelle für die Region. Dazu gehört zum Beispiel auch unsere Mundschleimhautsprechstunde.
Mit der neuen Klinik wird sich das Gesamtvolumen in den nächsten Jahren deutlich verändern. In Brandenburg an der Havel und in der Umgebung haben Patientinnen und Patienten teilweise Schwierigkeiten, einen Behandlungsplatz zu finden, wenn Praxen schließen. Die neue Klinik wird die Situation ein Stück weit entspannen. Auch wenn wir keinen Sicherstellungsauftrag haben, werden wir mit unseren Studierenden und Mitarbeitenden faktisch einen Teil der Versorgung mit abdecken.
Kann eine Hochschule dazu beitragen, dem Zahnärztemangel auf dem Land entgegenzuwirken?
Unsere Hochschule kann dazu beitragen, wenn die Absolventinnen und Absolventen später in der Region bleiben, um die zahnmedizinische Versorgung in Brandenburg zu stärken. Das wir dafür in Brandenburg an der Havel sind, ist kein Zufall: Gemeinsam mit der Kammer und der KZV haben wir sehr genau geschaut, welcher Standort sinnvoll ist.
Brandenburg an der Havel bietet mehrere Vorteile: Wir haben dort bereits einen großen MHB-Standort, wir erwarten ein ausreichendes Patientenaufkommen für eine Zahnklinik und wir können die Ausbildung stärker auf die Versorgung im Land Brandenburg ausrichten. Aus anderen Studiengängen wissen wir, dass derzeit etwa zwei Drittel der Absolventinnen und Absolventen in Brandenburg bleiben. Diese Quote ist sehr hoch – dieses Ziel verfolgen wir nun auch in der Zahnmedizin.
Wie groß der Bedarf ist, zeigte sich schon beim Start der Hochschulambulanz: Wir haben damals die Praxis eines Zahnarztes übernommen, der zwei Jahre vergeblich eine Nachfolge gesucht hatte. Zudem werden unsere Studierenden nicht nur in der Klinik ausgebildet, sondern auch in einzelnen umliegenden Praxen. Daraus können später Kontakte für eine Anstellung, die Assistenzzeit oder eine Praxisübernahme entstehen.
Reicht es, Studienplätze in Brandenburg zu schaffen, um einer Unterversorgung vorzubeugen – oder braucht es zusätzliche Instrumente wie Lehrpraxen, ein Mentoring, eine Niederlassungsförderung und neue Arbeitsmodelle?
Studienplätze allein werden nicht reichen. Sie sind aber angesichts einer älter werdenden Zahnärzteschaft ein wichtiger Baustein. In Regionen wie Cottbus sieht man schon heute, dass Praxissitze nicht nachbesetzt werden. Wenn dort eine Praxis schließt, entsteht eine Versorgungslücke und die Patientinnen und Patienten wissen teilweise nicht, wo sie unterkommen sollen. Deshalb braucht es parallel weitere Instrumente: Lehrpraxen, Unterstützung bei der Niederlassung, Fördermodelle und wahrscheinlich auch neue Arbeitsmodelle.
Wenn wir in zehn Jahren wieder sprechen: Woran würden Sie festmachen, dass sich die Investition in die neue Universitätszahnklinik ausgezahlt hat?
Zunächst daran, dass wir Studierende erfolgreich zu hervorragenden Zahnärztinnen und Zahnärzten ausbilden. Ein zweiter Punkt wäre, dass ein substanzieller Anteil von ihnen in Brandenburg bleibt oder im ländlichen Raum tätig wird. Gleichzeitig sollte sich zeigen, dass einige den Weg in die Forschung finden – bei uns oder an anderen Universitäten. Drittens muss die Universitätszahnklinik einen echten Beitrag zur Versorgung in Brandenburg leisten – auf universitärem Niveau und in einer Form, die es dort bislang so nicht gibt. Und natürlich muss sich das Modell finanziell tragen.
Entscheidend bleibt aber: Das Ziel ist die Ausbildung von optimal auf die späteren beruflichen Anforderungen vorbereiteten Zahnärztinnen und Zahnärzten.
Das Gespräch führte Dr. Nikola Lippe.







