„Der fachliche Austausch mit meiner Schwester ist etwas ganz Besonderes“
Vor 22 Jahren sind Sie mit Ihrer Familie aus Russland nach Deutschland gekommen. Wie kam es dazu?
Polina: Ich weiß nicht, inwieweit wir hier über Politik sprechen wollen. Nur so viel vielleicht: Unsere Eltern haben sich einfach nicht mehr wohlgefühlt in diesem Land. Es war gegen Ende der ersten Amtszeit von Wladimir Putin als Präsident, als sie verstanden haben, dass wir Kinder wahrscheinlich woanders eine bessere Zukunft haben würden. Außerdem war eine Tante von uns schon in den 1990er-Jahren nach Deutschland ausgewandert. Tatsächlich nach Köln.
Evgenia: Von ihr hatten meine Eltern sehr viel Positives gehört. Deswegen sind wir direkt hierher gekommen.
Was war für Sie als Jugendliche die größere Hürde? Die neue Sprache oder die andere Mentalität?
Evgenia: Die Mentalität ist gar nicht so anders. Darum haben wir uns von Anfang an erstaunlich gut integriert. Aber die Tatsache, dass von einem Moment auf den anderen alle Freunde weg waren, das war hart. Und das am Anfang der Pubertät. Wir hatten in Moskau ja gerade angefangen, unser Netzwerk mit Hobbys und Freunden aufzubauen und uns auch abzunabeln von den Eltern.
Ihre Eltern haben mit dem Umzug ein großes Opfer gebracht, um Ihnen bessere Zukunftschancen zu ermöglichen. Ihr Vater kann beispielsweise bis heute nicht als Wirtschaftsinformatiker arbeiten, weil sein Studium nicht anerkannt wird. Inwiefern hat das bei Ihnen den Druck verstärkt, erfolgreich sein zu müssen?
Evgenia: Das war so. Schon als Jugendliche haben wir uns viel Druck gemacht. Hauptsache, die Eltern nicht enttäuschen, Hauptsache, alle Erwartungen erfüllen. Obwohl unsere Familie diese Erwartungen gar nicht hatte. Unsere Eltern haben sich hier in Deutschland nicht mehr eingemischt.
Polina: Ja, ganz anders als vorher in Russland.
Evgenia: Ich glaube nicht, dass wir dort die Schule gut beendet hätten. Wir hatten – wie unsere Mitschüler auch – angefangen, hin und wieder den Unterricht zu schwänzen. Zu der Zeit waren uns auch die Noten egal. Aber hier wurde irgendwie ein Schalter umgelegt und wir haben mit zwölf schon richtig gewissenhaft gepowert.
Das hat sich ausgezahlt. Sie haben beide die zehnte Klasse übersprungen und nach dem Abitur direkt mit dem Studium angefangen. Warum eigentlich Zahnmedizin?
Polina: Meine Schwester hat schon mit sechs Jahren angekündigt: „Ich will Menschen aufschneiden!" Da hat sich unsere Mutter zum ersten Mal richtig Sorgen gemacht. Dabei wollte sie nur Chirurgin werden.
Evgenia: Ja, ich wollte tatsächlich bis zum Schluss Humanmedizin studieren, aber in Köln wäre ich vom NC her erst im Sommersemester reingekommen. Und ich wollte nicht warten.
Polina: So hat man damals gedacht: Hauptsache, keine Zeit verlieren. Direkt nach dem Abitur zum Studium und dann direkt zur Arbeit.
Evgenia: Also habe ich mich für Zahnmedizin beworben, weil ich wusste, dass ich sofort reinkomme. Mein Plan war, bis zum Physikum den Quereinstieg in die Medizin zu machen. Aber dann kam es anders.
Wie war das gemeinsame Studium?
Evgenia: Tatsächlich haben wir mit dem Studium angefangen, ohne genau zu wissen, was uns erwartet. Und festgestellt: Das Studium ist nicht einfach. Und es war anders als die Schule mit Niederlagen verbunden – obwohl man fleißig war. Wir haben zum ersten Mal Klausuren verhauen und mussten eine Weile richtig struggeln.
Wie sah die Zusammenarbeit zwischen Ihnen im Studium aus? Hatten Sie unterschiedliche Stärken und konnten sich so gegenseitig unterstützen?
Evgenia: Nein, wir haben eher die gleichen Schwächen (lacht). Aber so hatten wir Gelegenheit, uns gegenseitig den Rücken zu stärken, da wir zusammen auch durch Niederlagen gegangen sind. Wir haben zum Beispiel beide im ersten Anlauf den Phantom-1-Kurs verhauen.
Polina: Das war der Punkt, an dem ich zumindest kurz ins Zweifeln kam, ob Zahnmedizin wirklich was für mich ist. Als es dann im zweiten Anlauf geklappt hat und wir Semester für Semester die Kurse alle bestanden haben, haben wir uns dann beruhigt.
Rund um ihr Examen gab es dann noch ein Problem bei der Einbürgerung.
Polina: Ja. Wir hatten uns entschieden, die russische Staatsbürgerschaft abzulegen und die deutsche zu beantragen. 2017 mussten wir dazu sogar noch einmal nach Moskau reisen, um persönlich diverse Unterlagen abzuholen. Und die Zeit, in der wir schon ausgebürgert und hier aber noch nicht eingebürgert – also staatenlos – waren, fiel mit unserer Jobsuche zusammen.
Evgenia: Das war ziemlich übel. Wobei du noch Glück hattest.
Polina: Ja. Ich hatte mich noch vor der Examensfeier in einer Kinderzahnarztpraxis beworben und eine Zusage bekommen, zu einem Zeitpunkt, als ich noch den russischen Pass hatte.
Evgenia: Bei mir war das anders. Auf dem Amt sagte man mir, dass ich für die Einbürgerung einen festen Job brauche. Also schrieb ich einige Bewerbungen – doch schnell wurde klar: Ohne die entsprechenden Papiere habe ich auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance. Über einen Kollegen aus unserem Studentenjob in der Pflege erfuhr ich schließlich von einer Praxis, die Ausbildungsassistenten sucht. Ich habe der Praxisinhaberin meine Situation offen geschildert – und sie hat mich genommen, war super kulant und hat meine Probezeit auf drei Monate verkürzt, damit ich auf dem Amt eine Festanstellung vorweisen konnte.
In der Assistenzzeit sind Sie dann getrennte Wege gegangen.
Polina: Direkt. Das wollten wir unbedingt. Wir sind zwar beide in Köln geblieben, aber in unterschiedliche Praxen gegangen und haben unterschiedliche Spezialisierungen gewählt. Erst in diesem Jahr sind wieder beruflich zusammengekommen.
Wie haben Sie sich spezialisiert?
Evgenia: Meine Schwester auf Kinderzahnheilkunde und ich habe zunächst ein Curriculum für Implantologie gemacht. Ich schätze aber die Vielfalt der Zahnmedizin und die Möglichkeit, Patienten in derselben Praxis von A bis Z zu versorgen. Wir arbeiten jetzt in solch einer Praxis, die wirklich alles abdeckt, inklusive Kieferorthopädie mit Alignern.
Wenn Sie beide in derselben Praxis arbeiten, sorgt das manchmal auch für Verwirrung bei den Patienten?
Polina: Na klar. Dafür sorgen wir manchmal absichtlich (lacht). Jede von uns hat sich ja einen Patientenstamm aufgebaut und zum Teil auch mitgebracht in die jetzige Praxis. Und da ist es natürlich ein Heidenspaß zu sagen: „Warten Sie kurz, ich möchte Ihnen jemanden vorstellen.“ Und wenn dann meine Schwester reinkommt, werden die Augen auf jeden Fall groß – vor allem bei den Kindern.
Evgenia: Besonders krass war es in der Anfangszeit. Als meine Schwester neu in unsere jetzige Praxis kam, war ich schon eine Weile Teil des Teams, aber gerade im Urlaub.
Polina: ... da haben mich dann ständig Patienten auf dem Flur gegrüßt und angesprochen. Das war lustig.
Kann das Team Sie auseinanderhalten?
Polina: Ja, die machen das an Details fest, die einem nach einer Weile mit uns auffallen. Denn so gleich sind wir gar nicht. Als ich in die Praxis gekommen bin, habe ich mir extra Schuhe gekauft, die mich unverwechselbar machen: knallig pink, mit Zähnen und Brackets darauf. Tatsächlich haben sich dann alle zuerst meine Schuhe gemerkt. Am Anfang ging der Blick jedes Mal, wenn jemand einem von uns Zwillingen begegnet ist, erst einmal auf die Schuhe (lacht).
Diskutieren Sie Patientenfälle?
Evgenia: Ja, auf jeden Fall. Das ist das Beste. Diesen Austausch gibt es im gesamten Team, aber ich muss sagen, ich genieße das besonders mit meiner Schwester.
Als Zwillingsschwestern zusammen in derselben Praxis zu arbeiten muss aber nicht nur entspannt und toll sein.
Polina: Stimmt. Für mich war es eine besondere Situation, weil ich als Letzte ins Team gekommen bin. Ich habe mir riesigen Druck gemacht. Wahrscheinlich hatte ich Angst, dass ich die schwächere Zwillingsschwester bin. Dass jemand sagt, „die Evgenia macht das anders“ oder „Evgenia macht das besser“. Am Anfang hatte ich wirklich Angst davor. Das ist so ein Zwillingsthema. Ich würde das nicht als Konkurrenz bezeichnen, aber trotzdem vergleicht man sich immer. War natürlich unbegründet. Ich komme super klar.
Evgenia: Das ist eine natürliche Konkurrenz unter Geschwistern. Aber die Praxis ist groß genug, dass sich jede in ihrem Bereich entwickeln kann.
Polina: Wir bringen einfach sehr unterschiedliche Erfahrungen mit und ergänzen uns. Ich genieße das wirklich, dass wir jetzt zusammenarbeiten.
Was wäre da naheliegender, als sich zusammen niederzulassen?
Polina: Ui, nein. Noch sehen wir uns nicht in der Selbstständigkeit. Dazu gehört ja doch viel mehr als nur Bohren. Und leider wird im Studium sehr wenig Praxiswissen vermittelt – egal, ob es Chefsein, BWL oder Personalführung betrifft.
Evgenia: Da haben wir auf jeden Fall noch riesige Lücken. Aber klar, jetzt können wir schon einmal sehen, wie wir zusammenarbeiten, wie wir auf die Patienten und auf das Team wirken.
Polina: Und falls wir uns irgendwann einmal niederlassen, dann auf jeden Fall zusammen.
Das Gespräch führte Marius Gießmann.





