27 Milliarden Euro Einsparpotenzial bei neuen Medikamenten
Steigende Arzneimittelpreise belasten die nationalen Gesundheitssysteme der EU-Staaten zunehmend. Um der Preisgestaltung auf dem europäischen Arzneimittelmarkt auf den Grund zu gehen, betrachtet die Studie der „Association Internationale de la Mutualité“ (AIM) die Preise von zehn patentgeschützten Arzneimitteln in Belgien, Estland, Deutschland, den Niederlanden, Slowenien und der Schweiz, die zwischen 2015 und 2018 von der Europäischen Arzneimittelagentur zugelassen wurden. Die Medikamente kamen aus den Bereichen Onkologie, seltene Krankheiten und chronische Erkrankungen.
So definiert die Studie faire Arzneipreisbildung
Grundlage der Berechnungen ist das „Fair-Pricing-Modell“ der AIM. Es soll Akteurinnen und Akteuren im Gesundheitswesen dabei helfen, einen Preis für neue Produkte zu berechnen, der für die Gesundheitssysteme erschwinglich und für Pharmaunternehmen rentabel ist. Das Modell berücksichtigt zu diesem Zweck neben Forschungs-, Entwicklungs-, Produktions-, Vertriebs- und Marketingkosten auch einen Gewinn von acht Prozent. Hinzu kommt ein Innovationsbonus, der an den nachgewiesenen therapeutischen Mehrwert eines Medikaments gekoppelt ist.
Faire Preise liegen im Schnitt 53 Prozent unter dem tatsächlichen Listenpreis
Die Autorinnen und Autoren der Studie ziehen nach der Auswertung der Parameter eine ernüchternde Bilanz: „Es besteht eine große Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen und dem berechneten fairen Preis eines Arzneimittels.“ Die fairen Preise hätten bis bis zu 97 Prozent unter den Listenpreisen gelegen, im Durchschnitt seien sie 53 Prozent niedriger gewesen. „Hochgerechnet auf die gesamte europäische Bevölkerung ergibt sich ein jährliches Einsparpotenzial von mehr als 27 Milliarden Euro“, heißt es weiter. Die Einführung von Kriterien für eine faire Preisgestaltung würde die nationalen Gesundheitssysteme aus Sicht der AIM demnach erheblich entlasten.
Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse stimmten mit früheren Studien in Deutschland und Belgien überein, die potenzielle Einsparungen von mehr als 13 Milliarden Euro beziehungsweise einer Milliarde Euro errechnet hätten, betonen die Forschenden.
vdek: Unangemessene Gewinnmargen der Pharmabranche verhindern
Der Verband der Ersatzkassen (vdek), der zu den Mitgliedern der AIM gehört, fordert auf Basis der Ergebnisse, die Pharmaindustrie deutlich stärker in die Verantwortung zu nehmen. Das aktuell laufende Gesetzgebungsverfahren zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz biete dazu eine Gelegenheit.
Der Verband verwies darauf, dass die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Deutschland die zweithöchsten Preise für Medikamente weltweit zahle. In den vergangenen 15 Jahren hätten sich die Ausgaben für diesen Versorgungsbereich mehr als verdoppelt: „2025 betrugen sie fast 60 Milliarden Euro. 54 Prozent der Kosten machen patentgeschützte Arzneimittel aus, aber nur sieben Prozent der Verordnungen.“
Die vdek-Vorstandsvorsitzende Ulrike Elsner sagte: „Die Studie zeigt das Einsparpotenzial im Arzneimittelbereich, wenn wir ein Preisbildungsverfahren hätten, das sich stärker an den realen Kosten der Pharmaindustrie orientiert. Wir brauchen mehr Transparenz über die Kosten für Forschung und Entwicklung, um unangemessene Gewinnmargen der Pharmaindustrie zu verhindern.”


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