DGE sieht Widersprüche in der US-Ernährungspyramide
„Wie bei früheren Aktualisierungen stützen sich die US-Empfehlungen formal auf einen umfassenden evidenzbasierten wissenschaftlichen Bericht“, heißt es in einer Stellungnahme der DGE zu den sogenannten „Dietary Guidelines for Americans“. Dieser werde von unabhängigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erarbeitet und basiert auf systematischen Literaturrecherchen, Modellierungen sowie ergänzenden Experteneinschätzungen. „Unklar bleibt jedoch wie diese wissenschaftlichen Grundlagen konkret in die nun veröffentlichten Ernährungsempfehlungen übersetzt wurden.“
Auch inhaltlich zeigen sich Inkonsistenzen zwischen den kommunizierten Botschaften und der grafischen Darstellung der neuen US-Ernährungspyramide, kritisiert die DEG. So empfehlen die US-Leitlinien den täglichen Verzehr von zwei bis vier Portionen Vollkornprodukten. In der Pyramide nimmt diese Lebensmittelgruppe jedoch lediglich ein vergleichsweise kleines Segment ein, was ihre Bedeutung visuell relativiert.
Ähnliche Widersprüche finden sich bei den Proteinquellen. Zwar wird in den US-Botschaften betont, eine Vielfalt pflanzlicher und tierischer Proteinlieferanten zu wählen – darunter Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen und Sojaprodukte ebenso wie Eier, Geflügel, Fisch und rotes Fleisch. In der grafischen Darstellung dominiert jedoch Fleisch innerhalb der Sammelgruppe „Protein, Milchprodukte und gesunde Fette“. Aus Sicht der DGE ist diese Inkonsistenz problematisch, da visuelle Darstellungen für die Bevölkerung eine zentrale Orientierungsfunktion haben.
Parallelen zu den Empfehlungen der DGE
Inhaltlich bestehen durchaus Parallelen zwischen den neuen US-Empfehlungen und den Ernährungsempfehlungen der DGE. Dazu zählen der hohe Stellenwert von Obst, Gemüse und Vollkornprodukten, die Bevorzugung ungesüßter Getränke wie Wasser sowie die Empfehlung, den Konsum zugesetzter Zucker und alkoholischer Getränke zu begrenzen.
Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich jedoch bei der Bewertung der Proteinzufuhr. Die neuen US-Empfehlungen setzen mit 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag einen neuen Schwerpunkt. Dieser Wert liegt deutlich über dem Referenzwert der DGE und der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) von 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, der für gesunde Erwachsene unter 65 Jahren als bedarfsdeckend gilt.
Nach Einschätzung der DGE liefern die bisherigen Interventions- und Beobachtungsstudien keine belastbaren Hinweise auf einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen einer dauerhaft höheren Proteinzufuhr. Für die Praxis stelle sich zudem die Frage nach möglichen indirekten Effekten, etwa durch einen erhöhten Konsum tierischer Proteinquellen, der mit einem höheren Anteil gesättigter Fettsäuren einhergehen kann.
Unterschiedliche Prozesse der Leitlinienentwicklung
Besonders deutlich unterscheiden sich die USA und Deutschland laut DEG im Prozess der Ableitung ihrer Ernährungsempfehlungen. Die Empfehlungen der DGE – einschließlich der zehn Botschaften „Gut essen und trinken“ sowie des Ernährungskreises – basieren laut Verband „direkt und transparent auf wissenschaftlichen Grundlagen“. Sie werden „unabhängig, interessensneutral und unter Einbindung eines offenen Konsultationsprozesses entwickelt“.
Zentrales Instrument sei ein von der DGE entwickeltes mathematisches Optimierungsmodell, das die Zieldimensionen Gesundheit, Umweltverträglichkeit und in Deutschland übliche Verzehrgewohnheiten gleichzeitig berücksichtigt. Aspekte der Nachhaltigkeit seien damit systematisch in die Empfehlungen integriert. In den neuen US-Leitlinien sei eine vergleichbare Berücksichtigung ökologischer Faktoren nicht erkennbar.
Bedeutung unabhängiger wissenschaftlicher Evidenz
Aus Sicht der DGE unterstreichen die aktuellen Entwicklungen die Bedeutung einer klaren Trennung zwischen wissenschaftlicher Evidenzgenerierung und politischer oder administrativer Entscheidungsfindung: „Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen unabhängig, methodisch hochwertig und frei von politischen oder wirtschaftlichen Interessen erarbeitet und bewertet werden“, heißt es in der DGE-Stellungnahme. Für diese Unabhängigkeit stünden wissenschaftliche Fachgesellschaften, Hochschulen und außeruniversitäre Forschungsinstitute. Sie sei eine zentrale Voraussetzung für Vertrauen in Ernährungsempfehlungen und damit ein hohes gesellschaftliches Gut, das es zu schützen gilt.


169



