Sie wurden erfolgreich abgemeldet!

Restaurative Zahnheilkunde im Spätmittelalter

Diese Zahnbrücke aus 20-karätigem Gold ist 500 Jahre alt!

ck
Gesellschaft
Restaurative Zahnheilkunde gab es offenbar schon im Spätmittelalter: Ein Mann, der zwischen 1460 und 1670 im schottischen Aberdeen gelebt hatte, trug im Unterkiefer eine Zahnbrücke aus 20-karätigem Gold.

Der in einer mittelalterlichen Kirche in Aberdeen geborgene Fund dokumentiert den ältesten bekannten Fall einer Zahnbrücke in Schottland. Der untersuchte Unterkiefer wurde bei einer Rettungsgrabung vor dem Wiederaufbau der East Kirk of St Nicholas in Aberdeen, Schottland, entdeckt.

Dabei bildete die Goldligatur, die an den rechten seitlichen und linken mittleren Schneidezähnen des Unterkiefers befestigt war, entweder eine Brücke für den fehlenden rechten mittleren Schneidezahn oder sollte den rechten seitlichen Schneidezahn stabilisieren, berichtet das Team um Dr. Rebecca Crozier von der Universität Aberdeen in ihrer gerade erschienenen Studie.

Vor ihrem Wiederaufbau fanden in der East Kirk of St Nicholas in Aberdeen von Januar bis Dezember 2006 archäologische Grabungen statt. Dabei wurden die Skelettreste von etwa 900 Individuen sowie 3,5 Tonnen Skelettmaterial freigelegt. Im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts wurden die geborgenen Skelette, einschließlich des Unterkiefers mit der Goldligatur, jetzt erneut untersucht.

Die prestigeträchtige Grabstätte des Mannes signalisiert den Forschenden zufolge, dass er ein relativ wohlhabendes Mitglied der Gemeinde war und sich diese Art von Zahnbehandlung leisten konnte. Angesichts der sozialen Bedeutung des Erscheinungsbildesals Ausdruck des Charakters im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit mutmaßen die Wissenschaftler, dass die Gründe für diesen Eingriff über den Erhalt der Kaufunktion hinausgingen.

Der untersuchte Unterkiefer war zu etwa 70 Prozent erhalten; der hintere Teil des linken aufsteigenden Unterkieferastes fehlte. Im Unterkieferzahnbogen befanden sich neun Zähne in ihrer ursprünglichen Position, vier gingen postmortal verloren und der rechte mittlere Schneidezahn war bereits vor dem Tod verloren gegangen. Die Weisheitszähne fehlten.

Der Mann war reich, hatte aber eine schlechte Mundgesundheit

Die Gesamtgröße des Knochens, der Entwicklungsstand der vorhandenen Zähne und die geschlechtsspezifischen Merkmale deuten darauf hin, dass der Unterkiefer von einem männlichen Erwachsenen mittleren Alters stammt. Die Untersuchung der Zähne ergab auch, dass die Person eine schlechte Mundgesundheit aufwies. Kariesläsionen bestanden an mehreren Zähnen; an drei Zähnen waren ausgeprägte Kariesläsionen mit einer Zerstörung von über 50 Prozent der Zahnkrone erkennbar. An allen übrigen Zähnen waren geringe Zahnsteinablagerungen vorhanden. Periapikale Zysten oder Abszesse wurden nicht beobachtet.

Das auffälligste Merkmal des Fragments ist aber der feine Golddraht, der den rechten seitlichen Schneidezahn und den linken mittleren Schneidezahn umschließt und die Lücke zwischen diesen beiden Zähnen überbrückt. Dieser Draht liegt um den Zahnhals der genannten Zähne und wird durch einen Knoten an der labiodistalen Seite des linken mittleren Schneidezahns fixiert.

Eine deutliche Vertiefung verläuft entlang des Zahnhalses an der labialen und lingualen Seite des linken mittleren Schneidezahns – sie ist wahrscheinlich durch längeres Reiben des Drahts an der Zahnwurzel entstanden. Das heißt, dass die Ligatur wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum vor dem Tod der Person angelegt worden war.

Zahnerhalt oder Zahnersatz?

Die Form des Drahts, der sich über die verheilte Alveole des rechten mittleren Schneidezahns erstreckt, lässt vermuten, dass die Ligatur nach dem Verlust dieses Zahns befestigt wurde. Dann bestand ihr Zweck wahrscheinlich darin, entweder den rechten seitlichen Schneidezahn zu erhalten oder ein Brückengerüst zur Befestigung eines Zahnersatzes zu schaffen.

Hintergrund

Die erste anerkannte zahnärztliche Qualifikation wurde in Großbritannien erst 1860 eingeführt, aber bereits zuvor praktizierten viele qualifizierte (und unqualifizierte) Zahnärzte. Hilfesuchende wandten sich an Barbiere, Baderchirurgen, Zahnärzte (Dentatores) oder andere Heiler und Handwerker in ihrer Umgebung. Je nach Verfügbarkeit konnte man sich auch an einen „Zahnzieher“ wenden, oft ein Schausteller, der durchs Land reiste und seine Methoden zur „schmerzlosen“ Zahnextraktion anpries. In den frühneuzeitlichen schottischen Gemeinden wurde die Gesundheitsversorgung größtenteils von einheimischen Frauen übernommen, die Zähne zogen und neben der Anwendung von Heilkräutern auch Gebete und Zaubersprüche anboten. Verschiedene Heilmittel für Beschwerden im Mundbereich sind in schriftlichen Quellen belegt. Auf der Isle of Skye wurde Zahnschmerz unter anderem mit glühenden Kohlen erhitzter grüner Torf auf die schmerzende Stelle aufgelegt. Berichte aus Aberdeen deuten darauf hin, dass ein Umschlag aus Kuhdung ein lokales Behandlungsmittel gegen Abszesse (sowie Ekzeme) war. Die Anwendung solcher Volksheilmittel war in Schottland bis ins 20. Jahrhundert üblich.

Die semiquantitative Analyse ergab, dass die Ligatur aus einer Legierung besteht, die sich im Mittel aus ungefähr 82,4 Prozent Gold, 9,8 Prozent Silber und 2,5 Prozent Kupfer zusammensetzt. Zu den restlichen messbaren Elementen zählen Schwefel, Aluminium und Sauerstoff. Dies entspricht 20-karätigem Gold. „Die Ligatur wurde wahrscheinlich von einem semi-profesionellen Praktiker angelegt, der möglicherweise auch die Golddrahtquelle war: ein Juwelier“, heißt es in der Studie.

Das Aussehen war der Spiegel des Charakters

Die Gründe für diesen Eingriff waren vermutlich vielfältig. Im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit galt das äußere Erscheinungsbild eines Menschen als Indikator für seinen Charakter. Aussehen und wahrgenommener Gesundheitszustand wurden mit den begangenen Sünden in Verbindung gebracht. „Ein schönes Lächeln ermutigte daher diejenigen, die sich solche Behandlungen leisten konnten, diese auch in Anspruch zu nehmen“, schreiben die Autorinnen und Autoren.

Ihr Fazit: „Der Zugang zu Gesundheitsversorgung und kosmetischen Eingriffen war damals eng mit dem sozioökonomischen Status verknüpft. Diese Fallstudie erhärtet die  wachsenden Belegen einer restaurativer Zahnheilkunde im Spätmittelalter und in der Vormoderne.“ Das Verständnis der vormodernen Zahnmedizin zeige, dass bereits lange vor der Etablierung der modernen Zahnmedizin zahnärztliche Praktiken existierten, was Aufschluss über die Entwicklung der zahnärztlichen Versorgung gibt.

Dittmar, J., Crozier, R., Cameron, A. et al. Restorative dentistry in Early Modern Scotland: archaeological evidence of the use of a gold ligature. Br Dent J 240, 555–559 (2026). doi.org/10.1038/s41415-025-9107-3

Melden Sie sich hier zum zm Online-Newsletter an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Online-Newsletter


Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm starter-Newsletter und zm Heft-Newsletter.

Zum Seitenanfang springen