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Dos & Don'ts bei Schienung nach Zahntrauma

von nl
Zahnmedizin
Bei der Versorgung nach einem dentalen Trauma gibt es viele Fallstricke – Prof. Andreas Filippi (Basel) hat auf dem Winterfortbildungskongress der Zahnärztekammer Niedersachsen beschrieben, worauf man achten sollte.

Sehr oft werden Patienten mit einem dentalen Trauma in der zahnärztlichen Praxis vorstellig. Ziel der Versorgung ist der langfristige Zahnerhalt, doch wie erreicht man das? Wann muss man schienen, womit und wie lange? Auf all diese Fragen gab Filippi letzte Woche bei der Winterfortbildung der Zahnärztekammer Niedersachsen umfassende Antworten.

Milchzähne nicht reponieren

Wer sich der Versorgung von dentalen Traumata annähert, müsse zunächst unterscheiden, ob die unfallbedingten Verletzungen im Milchgebiss oder im bleibendes Gebiss vorliegen. Die Traumata unterscheiden sich laut Filippi nicht zwangsläufig voneinander, haben aber eine andere Verletzungsverteilung.

Bei allen Verletzungen gelte das Prinzip: „Der Schwächere gibt nach“. Der Knochen im Milchgebiss ist weicher als die Zähne, weshalb es dort häufiger zu Dislokationsverletzungen und seltener zu Zahnfrakturen kommt als im bleibendes Gebiss.

Das Therapiespektrum im Milchgebiss sei indes ein völlig anderes, da häufig eine eingeschränkte Compliance vorliegt, eine Schienung auch technisch schwieriger umzusetzen ist diese noch dazu häufig nicht hält.

Eine Reposition eines dislozierten Milchzahns berge das hohe Risiko einer Verletzung des bleibenden Zahnkeims, deshalb sollte ersterer nicht reponiert werden. Milchzähne werden bei schweren Dislokationsverletzungen, die mit Okklusionsstörungen einhergehen, grundsätzlich entfernt. Auch bei einer Intrusion sollte keine Reposition erfolgen, da die meisten Zähne ohnehin im Verlauf von allein reeruptieren, sagte Filippi. Sein Fazit: Bei Milchzähnen keine Schienung, keine Reposition, bei Avulsion keine Reimplantation.

Knochenreposition nicht vergessen

Welche Gewebe können bei einem dentalen Trauma grundsätzlich verletzt werden? Gemäß der ZEPAG-Klassifikation die Zahnhartsubstanz, das Endodont (Pulpa), das Parodont, der Alveolarknochen und die Gingiva (Schleimhaut).

Und welchen Einfluss haben Verletzungen dieser fünf Gewebe auf die Langzeitprognose bei Zahntraumata? Zahnhartsubstanzverletzungen seien in der Regel gut zu behandeln, ebenso Weichgewebsverletzungen. Hier sollte mit einer Lupenbrille genau auf Fremdkörper überprüft werden und eine sehr gründliche Spülung mit steriler Kochsalzlösung erfolgen, zudem gegebenenfalls ein Wundverschluss mittels Naht.          

Frakturierter Kochen sollte umgehend zusammen mit dem Zahn reponiert werden, dann ist die Prognose gut. Dazu müsse zunächst der Zahn reponiert und geschient werden, danach sollte der Alveolarknochen mit Druck von bukkal und oral mit zwei Fingern in seine ursprüngliche Position gebracht werden.

Pulpaverletzungen können Filippi zufolge je nach Fall durch eine endodontische Behandlung oder Revitalisierung gemanagt werden. Bei nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum sollte die Behandlung aber idealerweise durch einen Endospezialisten erfolgen, empfiehlt er. Die Behandlung müsse zügig erfolgen, um infektionsbedingte Resorptionen zu verhindern.

Der Langzeitererfolg hängt vom Parodont ab

Wenn das Parodont das Zahntrauma nicht überlebt, kann der Zahn mittelfristig nicht erhalten werden, denn dann werden die Zahnwurzeln in das bone-remodelling des Kieferknochens einbezogen und der Zahn geht verloren. Dieser Prozess kann noch Jahre nach dem Trauma erfolgen.

Die Schlüsselzellen in der Traumatologie sind die Zementoblasten. Werden diese beim Trauma unwiderruflich geschädigt, gibt es keine Chancen mehr auf einen Zahnerhalt, verdeutlichte Filippi. Das Ziel nach jedem Zahntrauma sei deshalb die parodontale Regeneration, was auch die Verhütung einer Infektion impliziere.

Welche Faktoren beeinflussen nun, ob es nach einem Zahntrauma zu einer parodontalen Heilung oder einer Ankylose kommt? Filippi nannte dazu fünf Punkte:

Die Art der Verletzung: Demnach sei die Prognose bei Kontussion und Extrusion beispielsweise gut, bei Intrusion, lateraler Dislokation und Avulsion schlecht.

Die Qualität der Reposition.

Der dentogingivale Verschluss ist entscheidend für die parodontale Heilung. Im Zweifel sollte hier eine Nahtversorgung erfolgen.

Plaquekontrolle: Hier ist besonders die ersten Woche wichtig, da Plaque den dentogingivalen Verschluss stören kann. Jener ist normalerweise nach einer Woche geschlossen.

Schienung: Zu starre oder lange Schienung können die parodontale Heilung verhindern und zu einer Ankylose führen.

Wann sollte eine Schiene zum Einsatz kommen?

Laut Filippi sollte eine Schiene nach allen Replantationen, Repositionen, Alveolarfortsatzfrakturen und nach den meisten Wurzelfrakturen, bei erhöhten Zahnlockerungen und manchen Kontussionen (bei starker Berührungsempfindlichkeit am Unfalltag) eingesetzt werden.

Er betonte aber, dass Schienungen nicht dazu dienen, dass Zähne schneller fest werden, denn sie verzögern eher die parodontale Regeneration. Die Schienung sollte vorwiegend die zuvor reponierte Position fixieren und den Zahn für eine optimale Mundhygiene stabilisieren. Weiterhin diene sie dem Schutz vor einer Aspiration sowie dem Patientenkomfort durch Erhalt der Kaufunktion.

TTS ist Goldstandard

Filippi empfiehlt zur Schienung eine TTS (Titan-Trauma-Schiene), da sie die physiologische Beweglichkeit des Zahns weder reduziert noch diesen in eine Zwangsposition bringt. Der Zahn bleibt zudem weiterhin sowohl für die Mundhygiene als auch für eine Wurzelkanalbehandlung zugänglich.

Vor der Schienenbefestigung sollten die Zahnoberflächen mit isotoner Kochsalzlösung gesäubert und bei offenen parodontalen Verletzung lediglich mit einem Sauger getrocknet werden, da bei der Verwendung der Luft-Wasser-Spritze eine erhöhte Emphysemgefahr bestehe.              

Die TTS könne mit den Fingern adaptiert werden. Dabei sollte maximal ein Zahn zu jeder Seite des oder der verletzten Zähne in die Schienung einbezogen werden. Zur Befestigung der TTS-Schiene wird ein Adhäsiv-System und flowable Komposit mit hoher Eigenfluoreszenz sowie eine Kronenschere zur Schienenkürzung benötigt – ein kleiner Tropfen Komposit pro Zahn sei dabei ausreichend, erklärte Filippi.

Idealerweise lasse man den Patienten während der Schienenbefestigung zubeißen, um eine palatinale Bewegung des Zahns zu verhindern. Des Weiteren gehöre zu Basisausstattung bei dentaler Trauma-Versorgung eine Zahnrettungsbox, Kalziumhydroxidzement sowie Nahtmaterial.

Primärstabilität bestimmt Dauer der Schienentherapie

Die Schiene könne zwischen zehn Tagen und sechs Wochen in situ bleiben – der Zeitraum richte sich dabei nach der Primärstabilität des Zahns. Bei der Entfernung solle mit einer Diamantwalze zunächst Komposit entfernt werden, bis die Schiene vorsichtig abgenommen werden kann. Danach könne man mit Debondern verbliebene Kompositreste schonend abgetragen.

Filippi betonte, dass man Patienten unbedingt darauf heinweisen sollte, nichts Weiches oder Klebriges zu essen. Ist man sich unsicher, könne man auf die App AcciDent (Version 3) zurückgreifen.

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