Ist das System der Krankenversicherung ungerecht?
„Wenn sich in der Bevölkerung der Eindruck verfestigt, dass diejenigen, die privat versichert sind, sofort jede Leistung bekommen und diejenigen, die gesetzlich krankenversichert sind, Wochen und Monate darauf warten müssen, dann ist das [...] ein Gerechtigkeitsproblem“, hatte Kanzler Merz gestern nach Sitzungen der CDU-Parteigremien in Berlin gesagt. Und damit reichlich Kritik provoziert.
Reinhardt: „Ein Gesundheitssystem ohne PKV ist eine Versorgung mit weniger Geld für alle“
Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, erklärte: „In einer Phase, in der sich viele Menschen in Deutschland um die Sicherstellung ihrer gesundheitlichen Versorgung Sorgen machen, ist es gefährlich, gerade die stabilste Säule dieses System in Frage zu stellen. Die Erlöse, die Arztpraxen und Krankenhäuser aus der privaten Krankenversicherung zusätzlich erzielen, kommen im deutschen Gesundheitssystem allen Patientinnen und Patienten zugute.“
Ein Gesundheitssystem ohne PKV sei eine Versorgung mit weniger Geld für alle. „Das ist keine Gerechtigkeit, sondern zusätzlicher Druck auf ein ohnehin überlastetes System“, so Reinhardt. Stattdessen solle die Politik endlich der gerechtfertigten Erwartung der Bevölkerung entsprechen, das Versorgungssystem der gesetzlichen Krankenkassen zu reformieren. Die Menschen erwarteten mehr als drastische Sparmaßnahmen, wie sie zuletzt beschlossen wurden.
Brysch: „Nun warten die Versicherten auf Vorschläge“
„Offenkundig hat der Bundeskanzler erkannt, dass das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Versicherung die Spaltung der Gesellschaft vertiefe“, kommentierte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz die Äußerung des Kanzlers Berichten zufolge. „Nun warten die Versicherten auf konkrete Vorschläge.“ Und der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sprach von einer überfälligen Reaktion. „Offenbar brauchte es erst einen Absturz an der Wahlurne, damit Friedrich Merz die Warteschlange vor der Arztpraxis entdeckt“, wird er zitiert.
Der Verband der Privatärztlichen Verrechnungsstellen PVS warnte hingegen vor Folgen für Praxen, Investitionen und Versorgung. „Wer den Zugang zur privatärztlichen Versorgung systematisch beschränkt und GKV und PKV schrittweise angleicht, bewegt sich funktional in Richtung einer Bürgerversicherung“, teilt der Verband mit. Noch im Juli 2025 habe Merz erklärt, der Versuch, Probleme lediglich über zusätzliche Einnahmen und die Einschränkung bestimmter Versicherungsformen zu lösen, löse „kein einziges Problem“. „Wörtlich hieß es: ,Wenn Sie den Mercedes verbieten, wird der Golf teurer.' Diese Analyse war richtig. Sie ist es auch heute noch.“
Sprecherin: Der Kanzler hat das System nicht infrage gestellt
Der PVS Verband fordert deshalb eine sachliche Debatte darüber, wie Versorgungskapazitäten gestärkt werden können, statt das duale Versicherungssystem kurzfristig zur Antwort auf die strukturellen Probleme der GKV zu erklären.
Eine Regierungssprecherin präzisierte die Merz-Aussage auf Anfrage den Nachrichtensenders ntv so: „Der Bundeskanzler hat das System der Krankenversicherung nicht infrage gestellt. Er hat auf ein wachsendes Gefühl der Ungerechtigkeit in der Bevölkerung hingewiesen, das etwa durch unterschiedliche ärztliche Leistungen zwischen gesetzlich und privat versicherten Bürgern entsteht“.





