Wissenschaft räumt mit Mythen der Zuckerindustrie auf
„Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den einzelnen Argumenten, die gegen Zuckergetränkesteuern vorgebracht werden, zeigt, dass viele dieser Argumente einen wahren Kern haben: Zuckergetränkesteuern allein werden die Adipositasepidemie nicht stoppen; ein vermehrter Einsatz von Süßstoffen ist erwartbar, und die gesundheitlichen Wirkungen von Süßstoffen ist noch nicht abschließend verstanden; und die direkte steuerliche Mehrbelastung durch Zuckergetränkesteuern trifft Geringverdienende stärker als Besserverdienende“, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Fazit.
Laut Kabinettsbeschluss vom 14. Oktober 2026 soll ab 1. Juli 2027 eine Zuckergetränkesteuer gelten. Vorgesehen ist ein gestaffelter Tarif von 26 Cent pro Liter für Getränke mit fünf bis unter acht Gramm Zucker je 100 Milliliter und 32 Cent ab acht Gramm. Getränke mit weniger als fünf Gramm Zucker je 100 Milliliter sollen steuerfrei bleiben.
Aber: „In der Gesamtschau der Evidenz überzeugen die Argumente gegen die Zuckergetränkesteuer jedoch nicht.“ Politische Entscheidungen müssten häufig getroffen werden, bevor alle Einzelheiten de rrelevanten Wirkungszusammenhänge geklärt sind. Entscheidend sei, die verfügbare Evidenz in ihrer Gesamtheit zu bewerten und die erwarteten Folgen unterschiedlicher Handlungsoptionen miteinander zu vergleichen, einschließlich der Folgen eines Verzichts auf präventive Maßnahmen.
Die Politik sollte sich nicht täuschen lassen
Im Fall der Zuckergetränkesteuer liege inzwischen umfangreiche Evidenz aus unterschiedlichen Studiendesigns, Ländern und Zeiträumen vor, woraus sich eine belastbare Grundlage für die Einführung einer Zuckergetränkesteuer in Deutschland ergibt.
Mythen der Zuckerindustrie im Faktencheck
Zucker und Körpergewicht
Mythos: Für das Körpergewicht zählt allein die Kalorienbilanz, nicht der Zucker.
Fakt: Zuckergetränke erhöhen die Kalorienaufnahme und damit das Risiko für Übergewicht und Adipositas.Entwicklung des Zuckerkonsums
Mythos: Der Zuckerkonsum in Deutschland sinkt – ein Handlungsbedarf besteht daher nicht.
Fakt: Trotz rückläufiger Werte liegt die Zufuhr freier Zucker weiterhin über den gesundheitlichen Empfehlungen. Zuckergetränke sind dabei besonders relevant für die Prävention.Wirksamkeit der Zuckergetränkesteuer
Mythos: Die Zuckersteuer hilft nicht gegen Übergewicht und Adipositas.
Fakt: Umfangreiche Evidenz spricht für die Wirksamkeit von Zuckergetränkesteuern. Sie senken den Absatz zuckerhaltiger Getränke und fördern Rezepturänderungen.Auswirkungen auf die Adipositasprävalenz
Mythos: In Ländern mit Zuckersteuer steigt die Zahl der Menschen mit Adipositas trotzdem weiter.
Fakt: Zuckergetränkesteuern können den Anstieg der Adipositasprävalenz verlangsamen. Für eine nachhaltige Trendumkehr braucht es jedoch weitere Präventionsmaßnahmen.Wirtschaftliche Auswirkungen
Mythos: Die Zuckersteuer vernichtet Arbeitsplätze und schwächt die Wirtschaft.
Fakt: Unabhängige Studien liefern keine Hinweise auf Arbeitsplatzverluste. Geringere Gesundheitskosten und höhere Produktivität können auch der Wirtschaft zugutekommen.Bürokratischer Aufwand
Mythos: Die Zuckersteuer ist ein Bürokratiemonster.
Fakt: Der geschätzte Verwaltungsaufwand bewegt sich in einer ähnlichen Größenordnung wie bei anderen Steuern und fällt im Verhältnis zu den erwarteten Einnahmen moderat aus.Substitutionseffekte
Mythos: Die Zuckersteuer führt lediglich dazu, dass Zucker durch Süßstoffe oder andere kalorienhaltige Produkte ersetzt wird.
Fakt: Zwar sind solche Substitutionseffekte möglich, sie mindern die erwünschten Wirkungen nach bisheriger Evidenz aber nicht wesentlich.Individuelle Autonomie und Eigenverantwortung
Mythos: Die Zuckersteuer bevormundet Verbraucher und schränkt ihre Entscheidungsfreiheit ein.
Fakt: Die Steuer ist weder ein Verbot noch ein Gebot. Sie lässt individuelle Entscheidungen frei und kann ein gesünderes Getränkeangebot fördern.Soziale Gerechtigkeit
Mythos: Die Zuckersteuer belastet vor allem Menschen mit geringem Einkommen.
Fakt: Zwar fällt die finanzielle Mehrbelastung für einkommensschwache Gruppen stärker ins Gewicht. Sie profitieren jedoch überproportional von den gesundheitlichen Effekten, sodass die Steuer langfristig soziale Ungleichheiten reduzieren kann.
Philipsborn, P., Buyken, A., Emmert-Fees, KMF, Hauner, H., Koletzko, B., Rehfuess, E., Diana, R., & Sniehotta, F. (2026). Argumente gegen die Zuckergetränkesteuer: eine Regelung (Version V1). Zenodo. doi.org/10.5281/zenodo.23955039
Der kausale Effekt von zuckergesüßten Getränken auf das Adipositasrisiko sei konsistent belegt. Zuckergesüßte Getränke erhöhten zudem das Risiko für Typ-2-Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Evidenz für die Effekte von Zuckergetränkesteuern auf den Zuckergetränkeabsatz sei konsistent und belastbar.
Wie die Bild-Zeitung jedoch jüngst berichtete, gibt es jedoch innerhalb der Unionsfraktion erheblichen Widerstand gegen die Einführung der Zuckersteuer. Demnach fehlt derzeit eine Mehrheit im Bundestag. Mehrere Abgeordnete sprechen sich grundsätzlich gegen neue Steuern aus. Bereits zuvor hatte ein Großteil der Unions-Agrarminister in einem gemeinsamen Brief an den Bundeskanzler vor der Einführung der Zuckersteuer gewarnt. Ob und in welcher Form die Zuckergetränkesteuer tatsächlich kommt, ist angesichts des politischen Widerstands innerhalb der Union damit derzeit wieder offen.
„Die vorliegenden Studien deuten darauf hin, dass Zuckergetränkesteuern helfen können, gesundheitliche Ungleichheiten abzubauen, und die Chancen von Kindern – gerade aus sozial benachteiligten Familien – auf ein gesundes Leben zu verbessern“, schreiben die Forschenden.
„Die Politik sollte sich nicht täuschen lassen. Wer die Argumente der Industrie genauer prüft, erkennt schnell: Vieles davon hält einem Faktencheck nicht stand.“
Barbara Bitzer, Sprecherin des Wissenschaftsbündnisses DANK und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)
„Die verfügbare Evidenz lässt keine negativen gesamtwirtschaftlichen Effekte erkennen.“ Der erwartbare Verwaltungsaufwand der Zuckergetränkesteuer sei moderat. Die Verwendung der Steuereinnahmen für die Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung entspreche dem Verursacherprinzip. Zuckergetränkesteuern könnten dazu beitragen, Gesundheitskosten zu senken und so positiv auf Beschäftigung und Produktivität wirken.
„In der Gesamtschau spricht die verfügbare Evidenz für die Einführung einer Zuckergetränkesteuer als Bestandteil umfassender Prävention.“


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