Komplikationen nach der Extraktion impaktierter UK-Weisheitszähne

Neurosensorische Defizite sind häufiger, wenn der N. alveolaris inferior lingual der Wurzeln liegt

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Zahnmedizin
Forschende der Medizinischen Universität Graz haben nicht nur die Inzidenz neurologischer Defizite nach Weisheitszahnextraktionen analysiert, sondern auch den Einfluss der Lage des N. alveolaris inferior auf die Inzidenz untersucht. Dabei konnten sie zeigen, dass neurosensorische Defizite insbesondere bei einer Lage des Nervs lingual der Wurzeln der dritten Molaren vergleichsweise häufiger auftraten.

Neben starken Schwellungen, Frakturen, Nachblutungen und Infektionen zählen neurosensorische Defizite zu den schwerwiegendsten möglichen Komplikationen nach Weisheitszahnextraktionen. Sie können durch Lokalanästhesie, Druck oder direkte Nervverletzungen ausgelöst werden und sich beim N. alveolaris inferior „als Hypästhesie, Parästhesie, Dysästhesie oder Anästhesie der Unterlippe, des Kinns, des bukkalen Zahnfleisches und der Zähne auf der betroffenen Seite manifestieren“, während beim N. lingualis „sensorische Defizite in den vorderen zwei Dritteln der ipsilateralen Zunge und gleichzeitige Geschmacksbeeinträchtigungen“ im Vordergrund stehen [Kqiku et al., 2011, Riedel et al., 2023].

Rund ein Prozent hat persistierende neurosensorische Defizite

Für die retrospektive Analyse wurden Patientendaten der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Abteilung für Orale Chirurgie und Kieferorthopädie der Medizinischen Universität Graz aus dem Jahr 2019 verwendet. Die Extraktionen erfolgten in Lokalanästhesie (Leitungsanästhesie sowie lokale Depots). Für den Zugang wurde eine marginale Inzision von 46 bis 47 inklusive Ablösung der Papille durchgeführt, dann erfolgte eine Verlängerung von der distobukkalen Seite von Zahn 47 am aufsteigenden Unterkiefer in das Vestibulum. Im Anschluss wurde ein Mukoperiostlappen gebildet und bukkal mit einem Retraktor abgehalten, während auf der lingualen Seite vorsichtig ein gebogenes Raspatorium subperiostal eingeführt wurde, um den Erhalt des Nervus lingualis zu gewährleisten. Nach Osteotomie zur vollständigen Kronenfreilegung mittels Rosenbohrer wurde, falls indiziert, der Zahn mittels Lindemann-Fräse entsprechend der Gegebenheiten geteilt und mit Hebeln entfernt. Für den Wundverschluss wurde nicht-resorbierbares Nahtmaterial gewählt.

Gaben die Patienten bei Nahtentfernung sieben Tage postoperativ neurosensorische Defizite an, wurden Test zur Objektivierung durchgeführt (Light-Touch-Test, Zwei-Punkt-Diskriminationsschwelle, Nadelstichtest, Vitalitätstest der ipsilateralen Unterkieferzähne). Eine abschließende Bewertung fand nach 12 Monaten statt. Blieben die Defizite bis dahin bestehen, wurden diese als dauerhaft klassifiziert. Mithilfe von Panoramaschichtaufnahmen und DVTs (bei 47,2 Prozent der Operationen) wurde die Lage des impaktierten Zahnes sowie die Lagebeziehung der Wurzeln zum N. alveolaris inferior bewertet (apical, bukkal, lingual, interradikulär).

Insgesamt wurden Daten von 418 Patientinnen und Patienten beziehungsweise 555 Weisheitszähnen eingeschlossen. Rund 29 Prozent der Operationen wurden von Zahnmedizinstudierenden unter Aufsicht durchgeführt, alle weiteren von Zahnärzten beziehungsweise Kieferchirurgen. 39,1 Prozent aller Zähne zeigten eine mesioanguläre, 26,7 Prozent eine horizontale, 18,2 Prozent eine distoanguläre und 14,4 Prozent eine vertikale Impaktion. Von den 263 Zähnen, von denen ein DVT angefertigt wurde, hatten 84 Prozent Kontakt mit dem N. alveolaris inferior. Dabei befand sich der Nerv zu 27 Prozent apical, zu 30,8 Prozent bukkal, zu 35,4 Prozent lingual sowie zu 6,9 Prozent interradikulär der Zahnwurzeln.

Rund sechs Prozent hatten vorübergehend Nerv-Defizite

Bei 5,9 Prozent aller Zähne wurden sieben Tage postoperativ neurosensorische Defizite festgestellt (2,9 Prozent N. alveolaris inferior, 2,2 Prozent N. lingualis, 0,5 Prozent kombiniert, Rest unbekanntes Befallsgebiet), bei 1,3 Prozent waren diese langfristig (> 12 Monate). „Die bukkale [Nerv-]Position führte bei 3,7 Prozent, die interradikuläre Position bei 5,6 Prozent und die linguale Position bei 12,9 Prozent zu einem akuten postoperativen neurosensorischen Defizit berichten die Forschenden. Die Erfahrung des Operateurs (Student / Zahnarzt) hatte statistisch keine Auswirkungen auf die Häufigkeit.

14 der 33 Patientinnen und Patienten, die postoperativ neurosensorische Defizite aufwiesen, erschienen nach der Nahtentfernung nicht mehr zu den Kontrollterminen. Die Übrigen erhielten eine der folgenden Therapien:

  • 1. Kortison (Prednisolon 5 mg), Vitamin-B-Komplex und Low-Level-Lasertherapie - 60 Prozent Heilungsrate (n=3/5)

  • 2. Vitamin-B-Komplex und Low-Level-Lasertherapie – 50 Prozent Heilungsrate (n=2/4)

  • 3. Low-Level-Lasertherapie -100 Prozent Heilungsrate (n=3/3)

  • 4. Kortison und Vitamin-B-Komplex – null Prozent Heilungsrate (n=0/1)

  • 5. Vitamin-B-Komplex – 75 Prozent Heilungsrate (n=3/4).

Die Patientinnen und Patienten mit persistierende Nerv-Defiziten gaben an, sich in ihrer Lebensqualität dadurch nicht eingeschränkt zu fühlen.

Diskussion

In der Literatur wird die Inzidenz postoperativer neurosensorischer Defizite nach Weisheitszahnentfernungen laut Rieder et al. mit bis zu 16,3 Prozent angegeben, während bleibende Defizite bei rund einem Prozent liegen. Somit bewerten die Autorinnen und Autoren die vorliegenden Ergebnisse als dem Durchschnitt entsprechend. Obwohl es naheliegend erscheint, dass postoperative neurosensorische Defizite möglicherweise häufiger bei unerfahrenen Operateuren (Studierenden) auftreten, war dies in der vorliegenden Studie nicht der Fall.

Die Forschenden räumen allerdings ein, dass die Studierenden zum einen unter strenger Aufsicht standen, und ihnen lediglich die weniger komplexen Fälle zugewiesen wurden. Die Ergebnisse zeigen eine „statistisch signifikant erhöhte Inzidenz neurosensorischer Defizite […], wenn der N. alveolaris inferior direkt lingual zu den Zahnwurzeln positioniert ist (p = 0,01).“ [Riedel et al., 2023]. Hinweisgebend für ein erhöhtes Risiko eines postoperativen Nerv-Defizits scheint der Kontakt des Weisheitszahns mit dem N. alveolaris inferior zu sein, auch wenn dies in der vorliegenden Studie statistisch nicht signifikant war. Die Anfertigung eines präoperativen DVTs bewerten die Forschenden als „vielversprechend, da er die Risikobewertung verbessern und umfassende präoperative Patienteninformationen liefern kann". Einschränkend erwähnen die Autorinnen und Autoren dieser Studie ein fehlendes standardisiertes Behandlungsschema sowie Follow-up, die hohe Abbrecherquote sowie das retrospektive Design.

Rieder M, Remschmidt B, Schrempf V, Schwaiger M, Jakse N, Kirnbauer B.: Neurosensory Deficits of the Mandibular Nerve Following Extraction of Impacted Lower Third Molars—A Retrospective Study. Journal of Clinical Medicine. 2023; 12(24):7661. doi.org/10.3390/jcm12247661

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