Studie untersucht den Nutzen des Labels

Nutri-Score beeinflusst das Kaufverhalten

LL
Gesellschaft
Eine Studie der International School of Management (ISM) zeigt, dass der Nutri-Score die Kaufentscheidung positiv beeinflusst. Experten aus der Lebensmittelindustrie warnen aber vor einem „Nutritional Greenwashing“.

Auch wenn Experten aus der Lebensmittelindustrie den Nutri-Score in seiner Funktion kritisch sehen, denken Konsumenten durch das Siegel vor der Kaufentscheidung eher darüber nach, ob ein Produkt gesund ist als ohne Kennzeichnung. Fast ein Viertel entscheidet sich aufgrund des Nutri-Scores für das vermeintlich gesündere Lebensmittel. Dabei spielen Alter und Geschlecht keine Rolle.

Für die Studie wurde 296 Probanden ein Fragebogen vorgelegt. Vorab wurden sie gefragt, ob sie den Nutri-Score kennen. 73 Prozent gaben an, über seine Bedeutung Bescheid zu wissen. Ergebnis der Befragung: Die Teilnehmer legen offensichtlich Wert auf eine gesunde Ernährung. 24 Prozent wählen das bessere beziehungsweise gesündere Produkt, wenn sie die Bewertung über den Score vorliegen haben.

Vorsicht: „Nutritional Greenwashing“!

„Die Ergebnisse legen nahe, dass der Nutri-Score es schafft, die deutsche Bevölkerung in ihren Ernährungsgewohnheiten deutlich zu beeinflussen. Externe Studien belegen, dass er dies auch wesentlich besser vermag als vergleichbare Front-of-Package-Label – die vereinfachte Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite verpackter Lebensmittel“, resümiert Studienleiter Prof. Dr. Jens Kai Perret.

In einer weiteren Interviewstudie der ISM mit 23 Experten aus der Lebensmittelindustrie und Konsumenten aus unterschiedlichen Generationen wird die tatsächliche Relevanz des Nutri-Score als Kennzeichnung gesunder Lebensmittel allerdings hinterfragt. Gerade Industrieexperten sprechen dem Nutri-Score danach zwar eine Signalwirkung zu, betonen allerdings ganz deutlich die Breite der Optionen, die sich Unternehmen bieten, um darauf Einfluss zu nehmen und ein gutes Rating zu erzielen. So könnte daraus eine Art Nutritional Greenwashing werden.

Wie bewerten Verbraucherschützer das Label?

„Als einfaches und verständliches Kennzeichen kann der Nutri-Score bei einer ausgewogeneren Ernährung unterstützen. Er bietet Orientierung und hilft Konsumenten beim Einkauf dabei, verarbeitete Lebensmittel innerhalb einer Produktgruppe zu vergleichen und die Lebensmittel mit einer besseren Nährstoffzusammensetzung auszuwählen“, sagte Stefan Schröter von der Verbraucherzentrale Bundesverband und kritisiert, dass der Nutri-Score aktuell noch auf zu wenigen verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken zu finden ist. „Da der Nutri-Score freiwillig ist, können Unternehmen selbst entscheiden, ob sie ihn verwenden. Dadurch ist er nicht auf allen Lebensmitteln zu finden. Das muss er aber, um seine volle Wirkung entfalten zu können. Hier muss nachgebessert werden. Die Bundesregierung muss sich daher auf EU-Ebene dafür einsetzen, dass der Nutri-Score nach den Europawahlen verpflichtend kommt – damit alle Verbraucherinnen und Verbraucher davon profitieren“, so Schröter.

Das Gleiche fordert auch foodwatch. „Den Effekt des Nutri-Score-Labels haben ja bereits vorherige Studien auf wissenschaftlicher Ebene belegen können„, kommentiert die Kampagnen-Beauftragte Luise Molling die Studie. “Positiv überrascht uns allerdings, dass dieser Effekt bereits schon zu erkennen ist beim Kaufverhalten der deutschen Verbraucher“. Das lasse hoffen, dass dessen Einfluss sich verstärken könnte, wenn das Label verbindlich – und nicht wie bislang auf freiwilliger Basis – von den Herstellern angebracht werden müsse. Der Nutri Score bleibe jedoch auch umstritten, da er die Nährwertkennzeichnung zum Teil verwirrend sei. So könnten etwa schlechte Werte in manchen Bereichendurch gute Werte in anderen ausgleichen lassen. Ein Produkt mit gutem Nutri-Score müsse nicht bei jedem einzelnen Inhaltsstoff gut abschneiden, kritisiert auch die Verbraucherzentrale. Hersteller könnten ihre Produkte durch Rezepturveränderungen „schön rechnen“. Besonders wenn sie an der Grenze zwischen zwei Stufen stehen, könnten bereits geringe Veränderungen zu einer besseren Bewertung führen. Es liege in der Verantwortung der Hersteller, den Nutri-Score im Sinne der Sache zu nutzen, heißt es.

„Nicht jedes mit einem guten Nutri-Score ausgezeichnete Produkt ist also auch automatisch gesund. Ein genauer Blick auf die Inhaltsstoffe lohnt. Umgekehrt ist nicht jedes Produkt mit einem mittleren Nutri-Score automatisch schlecht“, bilanziert Perret.

Skretkowicz, Y.; Perret, J.K. (2023): „The Nutri-Score – A Quantitative Study of the Effectiveness of Visual Nudging on Consumer Behavior“, International Journal of Applied Research in Management and Economics 6 (3), 30-48.

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