So reagierte eine Berliner Zahnarztpraxis auf den Stromausfall
Der erste Samstag des neuen Jahres bleibt vielen Berlinern wahrscheinlich noch lange in Erinnerung. Denn seit dem frühen Morgen des 3. Januars war die Stromversorgung für weite Teile des Südwestens der Hauptstadt gekappt. In rund 45.000 Haushalten mit geschätzt 100.000 Bewohnern sowie in 2.200 Betrieben wurde es dunkel und kalt. Nichts ging mehr.
Auch zahlreiche Arzt- und Zahnarztpraxen waren lahmgelegt und konnten keine Patienten empfangen. Eine genaue Zahl liegt weder der Zahnärztekammernoch der KZV Berlin nicht vor. Es sei schwierig, den Umfang zu beziffern, da die Rückführung an die Stromversorgung nicht flächendeckend, sondern unterschiedlich schnell in den Einzugsgebieten ablief, heißt es.
Dann kam die Angst vor Einbruch und Plünderung
Betroffen war auch die Zehlendorfer Gemeinschaftspraxis von Dr. Robert Heym und Dr. Vincent Mitzscherling. Als Heyms Sohn, ebenfalls Zahnarzt, mit Kollegen und Mitabeitenden am Samstagfrüh nach dem Jahreswechsel die Praxis betrat, ging nichts mehr.
„Es war wie ein kompletter Breakdown: Kein Licht, die Computer gingen nicht und damit war ja auch kein Zugriff auf die Daten möglich. Wir hatten große Angst, dass vielleicht sogar die Festplatten Schaden nehmen. Auch die Alarmanlage fiel aus. Die erste Sorge galt aber unseren Patienten. Weil auch die Telefonmasten vom Ausfall betroffen waren, hatten sowohl wir als auch sie keinen oder nur sehr eingeschränkten Empfang“, berichtet Heym.
Einige konnten sie über Umwege noch rechtzeitig erreichen. Für diejenigen, die in die Praxis kamen, organisierte das Team schnell ein Catering und Kaffee in großen Thermoskannen. „Wir wollten damit unsere Patienten auf diese Weise ein wenig trösten“, erklärt der Praxischef die spontane Idee. Einen Teil davon spendeten sie später noch der Not-Tafel.
Was ist mit den Daten?
Die nächste Sorge galt der Datensicherung. Zügig wurde ein externer IT-Spezialist mit der Erstellung von Back-ups beauftragt. Weiter mussten zu kühlende Medikamente umsortiert und Materialien mit Verfallswert gesichtet werden. Und für die Nächte wurde eine Sicherheitsfirma für die Überwachung der Räumlichkeiten engagiert.
„Erst zum Ende von Tag eins ohne Elektrizität wurde uns klar, dass die ausgefallene Alarmanlage ein riesige Sicherheitslücke darstellte. Wir hatten Angst, dass vielleicht eingebrochen, randaliert und geplündert würde“, erzählt Heym.
„Eine echte Bewährungsprobe für das Team“
Insgesamt habe das Team die Ausnahmesituation sehr gut gemeistert, resümiert der Chef anerkennend. Jeder habe irgendwie geschaut, was er tun kann. Alle hätten sich engagiert. Das habe sie zusammengeschweißt. Nicht zu vergessen, dass auch zuhause kein Strom floss und es kälter und kälter wurde.
Heym: „Wir mussten tagelang auf Sicht fahren, weil niemand abschätzen konnte, wann wir wieder arbeiten konnten. Dabei hatten wir stets Hoffnung, denn in den Nachbarhäusern eine Straße weiter brannte nach zwei Tagen wieder Licht. Bei uns ging der Strom dann ab Mittwochvormittag wieder."
Über Tage konstant im Stand-By-Modus
Bis dahin war das fast 80-köpfige Team der großen Gemeinschaftspraxis, das im Zwei-Schichtsystem organisiert ist, ohne Arbeitsmöglichkeit, aber konstant im Stand-By-Modus. Die zehn Behandlungsstühle blieben leer – ein enormer Umsatzausfall entstand. Wie und ob dieser Ausfall kompensiert werden kann, versucht der Praxischef gerade mit der Betriebsausfallversicherung zu klären.
Noch funktioniert noch nicht wieder alles, wie es sollte. „Intensive Hygienemaßnahmen, wie das vorsichtige Spülen der Wasserstränge, das Checken von Medikamenten und Materialien waren nötig. Leuchtmittel mussten ersetzt werden. Die Daten-Back-ups laufen“, beschreibt Heym den Rattenschwanz an Aufgaben im Nachgang. Nicht zuletzt der Gedanke an einen Notfallplan für die nächste Ausnahmesituation beschäftigt sie.
„Auch in Krisenzeiten in der Versorgung handlungsfähig bleiben!“
„Wir müssen auch in Krisenzeiten in der medizinischen Versorgung handlungsfähig bleiben. Dafür muss jedoch auch die Politik bereit sein, in solchen Ausnahmesituationen die bestehenden hohen bürokratischen Auflagen zu reduzieren beziehungsweise entsprechend zu adaptieren. Die Hilfe zur Selbsthilfe sollte in einem gewissen Rahmen möglich sein, so dass etwa ein Praxisinhaber in seiner Praxis ein Notstromaggregat anschließen darf, ohne im Nachgang mit rechtlichen Konsequenzen rechnen zu müssen. Ich appelliere an die Eigenverantwortung meiner Kolleginnen und Kollegen, sich durch ein konkretes Durchdenken solcher Situationen vorzubereiten und einen Notfallplan in der Schublade parat zu haben“, erklärte Dr. Karsten Heegewaldt, Präsident der Zahnärztekammer Berlin, zum Stromausfall.



