Schülerbefragung in London

„Warum willst du jemandem den ganzen Tag im Mund herumstochern?“

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Gesellschaft
Wie sehen Teenager die Zahnmedizin als potenziellen künftigen Beruf – was reizt sie und was hält sie davon ab, Zahnarzt zu werden? Britische Forscher haben dazu Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren der Sekundarstufe I und II aus dem Großraum London befragt.

Insgesamt 91 Jugendliche verschiedener Schulen wurden interviewt, alle waren akademisch begabt und naturwissenschaftlich interessiert. Die Mehrheit hatte vor, Medizin oder Zahnmedizin zu studieren, und war auch schon dabei, sich auf die strengen Zulassungsprüfungen vorzubereiten. Von den verbleibenden Schülern gaben 10 an, dass sie noch nicht wüssten, was sie studieren wollen, 14 wollten lieber in eine ganz andere Richtung gehen.

Warum also finden Teenies den Zahnarztberuf attraktiv? Ausschlaggebend war für sie, dass es sich um einen wissenschaftlich orientierten Beruf handelt. So berichteten sie, dass sie Spaß am Studium naturwissenschaftlicher Fächer hätten und darin auch erfolgreich seien. Zudem registrierten sie die Bedeutung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in der Welt. Und schließlich biete die Zahnmedizin die Möglichkeit, dieses Wissen im Job auch anzuwenden.

„Man riskiert nicht das Leben eines Menschen, man riskiert nur seine Zähne“

Als großes Plus wurde das Einkommen genannt, wie dieses Zitat belegt: „Das hat noch niemand erwähnt, aber das Gehalt ist auch ziemlich gut.“ Auch der hohe Status spielt bei der Entscheidung eine erhebliche Rolle: „Ich glaube, als Erwachsener ist man sich sehr bewusst, dass es sich um einen angesehenen Beruf handelt.“ Allerdings wurde die Zahnmedizin im Vergleich zur Humanmedizin als Fach mit geringerem Maß an Verantwortung wahrgenommen. Auf die Frage, ob es besser sei, Arzt oder Zahnarzt zu sein, sagte ein Schüler: „Zahnarzt – weil man nicht wirklich das Leben eines Menschen riskiert, man riskiert nur seine Zähne.“

Motivierend sind für viele Teenager auch die Jobaussichten und die Garantie auf einen sicheren Arbeitsplatz: „Das ist ein Beruf fürs Leben. Wir werden immer Zahnärzte brauchen.“ Zugleich äußerten etliche Schüler aber Zweifel daran, im Geschäftsleben bestehen zu können, das heißt ein Unternehmen zu führen und gleichzeitig Zahnmedizin zu praktizieren, wie dieses Zitat zeigt: „Ich denke, dass die geschäftliche Seite der Zahnmedizin auch eine Menge Stress auf den Schultern bedeutet.“

Die Work-Life-Balance und flexible, regelmäßige Arbeitszeiten sind für männliche und weibliche Schüler gleichermaßen zentral, was den Autoren zufolge darauf hindeutet, dass die Rollenaufteilung zwischen Männern und Frauen nicht mehr so tradiert ist wie früher. Dennoch waren aus ihrer Sicht stereotype traditionelle Frauenrollen immer noch erkennbar. Die Tatsache, dass die Zahnmedizin eine „Selbstverwaltung“ ermöglicht, war ebenfalls elementar: „Man kann seine Arbeit unabhängig erledigen. Und das ist es, was ich daran mag.“

Ein bisschen wie Cold Case - „man kann Fälle lösen“

Interessant ist, dass das Arbeitsumfeld von Schülern, die mit einem Medizinstudium liebäugeln, als demotivierend, von den angehenden Zahnmedizinern jedoch als motivierend empfunden wurde: „Es ist nicht so hektisch wie bei Ärzten im Krankenhaus. Es macht mehr Spaß, ist entspannter.“ Die „Behandlung ganzer Fälle“ fanden indes alle Befragten spannend, selbst die, die nicht vorhatten, Zahnmedizin zu studieren. Was laut Autoren nicht nur mit der Art der Leistungserbringung in der Zahnmedizin zusammenhängt, sondern auch mit der sozialen Interaktion und dem Status.

Ergebnisse

Was die Jugendlichen für ein Zahnmedizinstudium begeistert:

Was sie davon abhalten könnte:

Zu dem Beruf hingezogen fühlen sich viele auch, weil die Zahnmedizin ein „Spezialgebiet innerhalb der Medizin“ sei – inklusive weiterer Karrieremöglichkeiten: „Die Zahnmedizin ist viel kleiner und enger, es muss faszinierender und detaillierter sein. Schließlich geht es fünf Jahre lang nur um den Mund.“

Auch dass es bei der Arbeit um die Interaktion mit Menschen geht, macht den Beruf attraktiv. So geben die Jugendlichen an, der Umgang mit den Patienten könnte anspruchsvoll sein, genau das könnte den Arbeitstag aber auch vielfältiger gestalten: „Man wird wahrscheinlich jeden Tag schwierige Patienten haben, aber ich denke, das ist Teil der Herausforderung.“ Der „Austausch mit Menschen“ wurde dabei nicht nur als Vorteil gesehen, sondern war zugleich auch Kriterium für die Ablehnung anderer Möglichkeiten bei der Berufswahl: „Ich habe mich für Zahnmedizin entschieden, weil man in der Mathematik nicht so viel mit Patienten, Kunden und Menschen arbeiten kann.“ Dabei war es für die Schüler von Bedeutung, nicht nur Teil, sondern auch Leiter eines Teams zu sein.

„Du bist immer auch ein Künstler!“

Der Wunsch Menschen zu helfen, steht bei vielen Schülern im Fokus und da stellten sie fest, dass eine Karriere in der Zahnmedizin ihrer fürsorglichen Natur entspricht. Die Überlegung, dass man sich in dem Beruf um das Wohl der Menschen kümmert, schien für die Entscheidung grundlegend zu sein: „Ich glaube, dass sich die Mundgesundheit auf das Selbstwertgefühl auswirkt.“ Essenziell war für viele auch, ihre manuelle Geschicklichkeit einbringen und sich künstlerisch ausdrücken können: „Du bist auch ein Künstler und du weißt, dass du deinen Verstand jeden Tag auf sehr kreative Weise einsetzt, das hat mich wirklich angesprochen.“

Zahnarzt bleibt ein elitärer Beruf

Demotivierend fanden die Teenies dagegen die fehlende Vielfalt, was Arbeit und Setting angeht: „Sie müssen das Arbeitsumfeld ein bisschen aufpeppen. Wenn man den ganzen Tag auf den Mund starrt, ist es ein bisschen langweilig.“ Wer den Beruf für sich verwarf, lehnte immer auch die Arbeit mit Zähnen, im Mund und die erforderliche Nähe zu den Patienten ab: „Ich mag es einfach nicht, im Mund von jemandem herumzustochern.“ („Aber in der Medizin stochert man doch auch in den Menschen herum?“) „Aber sie schauen dich nicht an, während du es tust.“

Oft wurden persönliche Erlebnisse beim Zahnarzt als Auslöser für die Entscheidung genannt – positiv wie negativ. Schlechte Erfahrungen standen vor allem im Zusammenhang mit kieferorthopädischen Behandlungen, die im Alter von 13 oder 14 Jahren stattfanden – gerade dann, wenn in England die Entscheidung für oder gegen das Abitur ansteht.

„Medizin - wow!“, „Zahnmedizin - why?“

Prinzipiell beeinflussten die Eltern ihre Kinder sehr stark bei der Berufswahl. Aber auch die Reaktion von Freunden spielte eine große Rolle: „Wenn man in der Schule erzählt ‚Ich mache Medizin‘, sagen alle ‚wow!‘, sagt man ‚Ich mache Zahnmedizin‘, sagen sie ‚Warum willst du jemandem den ganzen Tag in den Mund gucken?‘. Die Schüler waren sich übrigens einig, dass die Zahnmedizin in den Medien negativ dargestellt wird – und fanden das ungerecht, speziell im Vergleich zur positiven Darstellung einer medizinischen Karriere.

Bemerkenswerterweise wurden einige Faktoren gleichzeitig positiv und negativ bewertet, nämlich das „Geschäft“ der Zahnmedizin, das Maß an Verantwortung, das ein Zahnarzt für seine Patienten trägt, die Zahnmedizin als „Spezialgebiet“ und das Arbeitsumfeld. Dies zeigt den Autoren zufolge, wie individuell die Wahrnehmung in dem Fach ist. Ihr Fazit: „Studierende mit dem größten Sozialkapital bekommen mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Stelle in diesen Berufen. In Zukunft müssen wir unbedingt erforschen, wie junge Menschen aus benachteiligten Verhältnissen, denen eine solche Unterstützung fehlt, ihre Chancen nutzen können.“

Niven, V., Cabot, L., Scambler, S. et al.: Dentistry as a professional career: the views of London‘s secondary school pupils (2011–2017). Br Dent J 232, 396–406 (2022). doi.org/10.1038/s41415–022–4044-x. published 25. March 2022

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