Warum wird eigentlich zu wenig in Prävention investiert?
Nach Angaben der OECD geben Industrieländer im Schnitt rund 9,3 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit aus – der Großteil davon fließt in die Behandlung bereits bestehender Krankheiten. Prävention hingegen erhält durchschnittlich nur etwa drei Prozent der Gesundheitsbudgets und bleibt damit der am schwächsten finanzierte Bereich der Gesundheitssysteme.
„Dabei könnten vorbeugende Maßnahmen enorme Wirkung entfalten“, betont eine Arbeitsgruppe um Francesca Colombo, Leiterin der Abteilung Gesundheit bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD Health) in einer aktuellen Auswertung.
Programme zur Tabakkontrolle, Impfkampagnen oder Strategien gegen Übergewicht würden nicht nur chronische Erkrankungen verhindern, sondern auch die öffentlichen Haushalte langfristig entlasten, da weniger Geld für medizinische Versorgung und Pflege benötigt wird. Gleichzeitig sichern sie die Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung und stärken somit die Volkswirtschaften. Denn wer gesund ist, arbeitet häufiger, fehlt seltener und bleibt länger leistungsfähig.
Warum bleibt Prävention politisch oft zweitrangig?
Die Forschenden haben sich mit der Frage beschäftigt, warum Präventionsmaßnahmen in den meisten OECD-Ländern dennoch unterfinanziert sind. Ein Grund dafür ist ihrer Meinung nach die unterschiedliche Bewertung von Gesundheitsmaßnahmen. „Während neue Therapien bereits dann als sinnvoll gelten, wenn sie bestimmte Kosten-Nutzen-Grenzen einhalten, müssen Präventionsmaßnahmen häufig sogar nachweisen, dass sie unmittelbar Geld sparen“, so die Autorinnen und Autoren. Sie sprechen von einem „doppelten Standard, der vorbeugende Strategien systematisch benachteiligt“.
Hinzu komme ein psychologisches Problem: Prävention richte sich oft an gesunde Menschen, die keinen akuten Handlungsdruck verspüren. Maßnahmen wie Impfungen, gesunde Ernährung oder mehr Bewegung würden aber Veränderungen im Alltag verlangen – und deshalb nicht selten auf Widerstand oder Gleichgültigkeit stoßen.
„Zudem zeigen sich die positiven Effekte vieler Maßnahmen erst Jahre oder Jahrzehnte später“, so die Forschenden. Für politische Entscheidungsträger, die unter kurzfristigem Erfolgsdruck stehen, sei das ein zusätzliches Hindernis.
Die Vielzahl an Akteuren macht es kompliziert
Auch die Zuständigkeiten würden Fortschritte erschweren, denn Prävention betreffe nicht nur Gesundheitsministerien, sondern ebenso Bildungs-, Umwelt- oder Sozialpolitik sowie Kommunen und Unternehmen. „Die Vielzahl an Akteuren macht koordinierte Strategien kompliziert“, so die Forschenden. „Einheitliche Modelle zur Bewertung der wirtschaftlichen Vorteile fehlen vielerorts ebenfalls.“
Die Autorinnen und Autoren fordern deshalb einen grundlegenden Kurswechsel. Gesundheitsvorsorge müsse als strategische Investition verstanden werden – nicht als freiwillige Zusatzleistung.
Dafür brauche es drei zentrale Schritte: Erstens müssten die positiven Effekte von Prävention für Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft stärker sichtbar gemacht werden. Zweitens seien stabile politische Strukturen nötig, die Prävention auch in Krisenzeiten absichern. Und drittens brauche es neue Finanzierungswege, etwa über Abgaben auf ungesunde Produkte, erfolgsabhängige Gesundheitsfonds oder stärkere Beteiligung privater Unternehmen.
Nichtstun kostet deutlich mehr!
„Wer heute in Gesundheit investiert, stärkt langfristig Wohlstand, gesellschaftliche Stabilität und wirtschaftliche Resilienz“, betonen die Autorinnen und Autoren abschließend. „Prävention kostet Geld – Nichtstun jedoch deutlich mehr!“
Colombo F, Vuik S, Devaux M, Cecchini M (2026) Investment in preventive health needs to be seen as a driver of economic development. PLoS Med 23(5): e1005074. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1005074



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