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Studie untersucht psychische Folgen hochverarbeiteter Lebensmittel

Was passiert, wenn es Chips zum Kinderfilm gibt?

mg
Medizin
Eine internationale Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von hochverarbeiteten Lebensmitteln in der frühen Kindheit und Angstzuständen, Aggression oder Hyperaktivität.

„Die Vorschuljahre sind entscheidend für die kindliche Entwicklung, und in dieser Zeit beginnen Kinder auch, Ernährungsgewohnheiten zu entwickeln“, sagte Kozeta Miliku, Hauptautorin der Studie und Assistenzprofessorin für Ernährungswissenschaften an der Temerty Faculty of Medicine der Universität Toronto. „Unsere Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit von Interventionen im frühen Kindesalter, wie etwa professionelle Beratung für Eltern und Betreuungspersonen, Kampagnen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, Ernährungsstandards für Kinderbetreuungseinrichtungen und die Neuformulierung einiger verpackter Lebensmittel.“

Die in JAMA Network Open veröffentlichte Studie untersucht erstmals den Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln und standardisierte Verhaltensbeurteilungen bei Kindern anhand detaillierter, prospektiver Daten. Sie ist zudem eine der bisher umfangreichsten Studien zu Verhalten und psychischer Gesundheit im frühen Kindesalter. Die Forschenden nutzten Daten aus einer longitudinalen, bevölkerungsbasierten Studie, in der zwischen 2009 und 2012 schwangere Frauen rekrutiert und ihre Kinder von der Zeit vor der Geburt bis zum Jugendalter an vier Standorten in ganz Kanada begleitet wurden.

Was sind „hochverarbeitete Lebensmittel“?

2009 verwendete Carlos Augusto Monteiro von der Universität São Paulo erstmals in der Wissenschaft den Begriff Hochverarbeitete Lebensmittel (Ultra-processed foods, kurz: UPFs). In den Folgejahren änderten Monteiro und seine Co-Autoren die Definition mehrfach, bis sie 2017 die NOVA-Klassifikation (portugiesisch: „Neu") publizierten. Tatsächlich unterscheidet sich NOVA von bestehenden Lebensmittel-Klassifizierungen. Statt Nahrungsmittel nach ihrem Gehalt an Energie, Salz, Fett oder Zucker einzugruppieren, orientiert sich das vierstufige System am Verarbeitungsgrad. Es löst damit das Pro­blem, dass sich bei herkömmlichen Lebensmittelgruppierungen in der Rubrik „Getreideprodukte“ zum Beispiel sowohl Vollkornbrot wie auch gezuckerte Cornflakes unterbringen lassen, obwohl beide sehr unterschiedlich gesund sind.

Nach der NOVA-Klassifikation gibt es vier Stufen:

  • Stufe 1: „unverarbeitete und minimal verarbeitete Lebensmittel“, zum Beispiel Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier oder Milch

  • Stufe 2: „verarbeitete Zutaten“, die aus natürlichen Lebensmitteln gewonnen und für die Zubereitung von Speisen verwendet werden, zum Beispiel Öl, Mehl, Salz oder Zucker

  • Stufe 3: „verarbeitete Lebensmittel“, konservierte, eingelegte oder fermentierte Lebensmittel, die nur wenige Zutaten enthalten, zum Beispiel geräucherter Fisch, saure Gurken oder Dosentomaten

  • Stufe 4: „hochverarbeitete Lebensmittel“, die viele Verarbeitungsschritte durchlaufen haben und viele Zutaten und Zusatzstoffe enthalten, zum Beispiel Kartoffelchips, Tiefkühlpizza, Softdrinks oder Tütensuppen

Die Forschenden analysierten Ernährungsdaten von mehr als 2.000 dreijährigen Kindern (52,6 Prozent männlich). Zwei Jahre später, als die Kinder fünf Jahre alt waren, bewertete das Team die Vorschulkinder mithilfe der validierten Child Behavior Checklist (CBCL), einem weit verbreiteten Instrument zur Messung des emotionalen und verhaltensbezogenen Wohlbefindens von Kindern.

Das Forschungsteam stellte fest, dass Kinder für jede zehnprozentige Erhöhung der Kalorien aus ultraverarbeiteten Lebensmitteln höhere Werte bei Messungen von internalisierenden Verhaltensweisen (wie Angst und Ängstlichkeit), externalisierenden Verhaltensweisen (wie Aggression und Hyperaktivität) und allgemeinen Verhaltensschwierigkeiten aufwiesen. Als mögliche Ursachen diskutieren die Forschenden neuroinflammatorische Effekte durch gesättigte Fettsäuren, Dysregulation der Stressantwort durch hohe Natriumzufuhr, Auswirkungen von hoher Zuckerzufuhr auf die Emotionsregulation sowie Mikronährstoffdefizite durch Verdrängung nährstoffreicher Lebensmittel, Veränderungen des Darmmikrobioms und der Darm-Hirn-Achse.

Schon geringe Ernährungsumstellungen zeigen Effekte

In statistischen Modellen, die eine Ernährungsumstellung simulieren, war der Ersatz von zehn Prozent der Energie aus ultraverarbeiteten Lebensmitteln durch minimal verarbeitete Lebensmittel wie Obst, Gemüse und andere Vollwertkost mit niedrigeren Verhaltenswerten verbunden. Nach Ansicht der Forschenden weisen diese Ergebnisse darauf hin, dass bereits moderate Umstellungen hin zu minimal verarbeiteten Lebensmitteln wie Obst und Gemüse im frühen Kindesalter eine gesündere Verhaltens- und emotionale Entwicklung fördern können.

Immer mehr Forschungsergebnisse belegen einen Zusammenhang zwischen hochverarbeiteten Lebensmitteln und einem erhöhten Risiko für Übergewicht und kardiometabolischen Erkrankungen bei Erwachsenen und Kindern. Frühere Studien deuteten zudem auf Zusammenhänge zwischen diesen Lebensmitteln und negativen Verhaltens- und psychischen Folgen bei Jugendlichen und Erwachsenen hin.

In Kanada machen hochverarbeiteten Lebensmitteln (Ultra-Processed Foods, UPF) fast die Hälfte der Kalorienzufuhr von Vorschulkindern aus. Einen exakten Vergleichswert für Deutschland gibt es nicht, aber ein Bericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung kam jedoch schon 2016 zu dem Schluss, dass Kinder und Jugendliche hierzulande etwa 42 Prozent ihrer Gesamt-Energiezufuhr aus hoch verarbeiteten Lebensmitteln zu sich nehmen. Ein Wert, der in den vergangenen zehn Jahren sicher gestiegen ist, zumindest ist dies der international beobachtete Trend.

Kavanagh ME, Chen ZH, Tamana SK, et al. Ultraprocessed Food Consumption and Behavioral Outcomes in Canadian Children. JAMA Netw Open. 2026;9(3):e260434. doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.0434

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