Studie aus den USA

Wie man autistische Kinder auf die Zahnbehandlung vorbereitet

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Zahnmedizin
Eine sensorisch angepasste Umgebung entlastet autistische Kinder beim Zahnarztbesuch. Zu dem Ergebnis kommen neue Studienergebnisse unter der Leitung von Forschenden am Children's Hospital Los Angeles.

Im Vergleich zu Gleichaltrigen mit normaler Entwicklung haben autistische Kinder größere Probleme mit dem Zahnarztbesuch, da er oft mit verstärkten Reaktionen auf Sinneseindrücke einhergeht. Zahnarztpraxen sind voll von potenziell überwältigenden Reizen wie hellem Neonlicht, surrenden elektrischen Handwerkzeugen und verstellbaren Stühlen.

Forschende erprobten in einer Studie die Auswirkungen einer sensorisch angepassten Umgebung auf autistische Kinder (Sensory Adapted Dental Environments - SADE). Dafür erhielten insgesamt 162 Sechs- bis Zwölfjährige mit einem durchschnittlich moderaten Autismus-Grad eine Zahnreinigung in einem normalen zahnärztlichen Behandlungszimmer sowie in einer angepassten Umgebung in zeitlichem Abstand von sechs Monaten.

Der „Schmetterlings"-Wickel beruhigt das Nervensystem

In der angepassten Umgebung trug der Zahnarzt oder die Zahnärztin eine Lupenbrille mit angeschlossener Lampe, während das Licht im Raum mit verdunkelnden Vorhängen gedimmt wurde. Ein visueller Effekt in Zeitlupe wurde an die Decke projiziert. Hier konnten die Kinder zwischen einer Unterwasserszene aus „Findet Nemo" oder abstrakten Farben im Stil einer Lavalampe wählen. Ein tragbarer Lautsprecher spielte beruhigende Naturgeräusche und leise Klaviermusik. Eine traditionelle Röntgenschürze aus Blei wurde auf die Brust des Kindes gelegt, um das tiefe Druckgefühl, das durch einen „Schmetterlings"-Wickel erzeugt wurde, zu verstärken. Für Letzteres wurde ein Tuch um den Behandlungsstuhl und den Körper des Kindes gewickelt, das das Kind von den Schultern bis zu den Knöcheln bedeckte. Damit soll das Gefühl einer Umarmung imitiert und nachweislich das Nervensystem beruhigt werden, erläutern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

An den Fingern des Kindes angebrachte Elektroden maßen während der Zahnreinigung die elektrodermale Aktivität – ein physiologisches Korrelat der Aktivierung des sympathischen Nervensystems. Die Forschenden beobachteten auch die Häufigkeit und Dauer von Verhaltensweisen, die das Kind während der Reinigung an den Tag legte. Dazu gehörte zum Beispiel das Abwenden vom Zahnarzt, das Verkrampfen des Kiefers, den absichtlichen Versuch, den Zahnarzt zu beißen oder Werkzeuge aus dem Mund zu entfernen, sowie Weinen oder Schreien.

Bei Kindern, die unter einer sensorisch angepassten Umgebung behandelt wurden, konnte ein signifikant geringerer physiologischer Stress beobachtet werden. Dies deute auf eine verringerte Sympathikus-Aktivität und eine erhöhte Entspannung während der Zahnpflege hin, schlussfolgern die Forschenden. „Wir haben gezeigt, dass die Kombination von kuratierten visuellen, auditiven und taktilen Anpassungen – die alle leicht zu implementieren und relativ kostengünstig sind und für deren sichere Anwendung keine Schulung erforderlich ist – zu einer statistisch signifikanten Verringerung der verhaltensbedingten und physiologischen Belastung autistischer Kinder während der Zahnreinigung führt", sagte die Hauptautorin Leah Stein Duker aus Los Angeles.

Den Forschenden zufolge dauerte es auch nicht signifikant länger, um das Kind auf den Stuhl zu setzen und für die Reinigung vorzubereiten, was zeige, dass auch die logistischen Hürden gering sind. Jüngeres Alter und ein niedrigerer IQ und/oder ein niedrigeres Niveau der expressiven Kommunikation der Probanden waren jeweils mit einer proportional größeren Reduzierung des Stresses verbunden.

Ob SADE auch auf Kinder mit Entwicklungsstörungen oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen übertragbar ist, konnte im Rahmen dieser Studie zwar nicht beantwortet werden. Allerdings berichten die AutorInnen, dass SADE „als potenzielle Technik für Zahnpatienten mit Ängsten oder besonderen Gesundheitsbedürfnissen“ von der American Academy of Pediatric Dentistry in die best practices for behavioral guidance aufgenommen wurde. Frühere Studien unterstützen demnach die Annahme, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene mit Entwicklungsstörungen oder besonderem Unterstützungsbedarf davon profitieren.

Stein Duker LI, Como DH, Jolette C et al. Sensory Adaptations to Improve Physiological and Behavioral Distress During Dental Visits in Autistic Children: A Randomized Crossover Trial. JAMA Netw Open. 2023 Jun 1;6(6):e2316346. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2023.16346. PMID: 37266941; PMCID: PMC10238943.

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