Gesellschaft

20 Jahre "Hinz und Kunzt"

Das Hamburger Straßenmagazin "Hinz & Kunzt" feiert seinen 20. Geburtstag. Die Idee: Statt Almosen zu bekommen, verkaufen Obdachlose und sozial Schwache die sozialpolitische Zeitung auf der Straße. Kein leichter Job.

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Mit einem Stapel Zeitungen in der Hand steht Klaus freundlich lächelnd vor einem Kaufhaus in der Hamburger Innenstadt. "Hallo", grüßt der Verkäufer des Straßenmagazins "Hinz & Kunzt" jeden Passanten - doch niemand bleibt stehen. "Man braucht Geduld", sagt der 47-Jährige. An guten Tagen verkauft er an seinem Stammplatz etwa 15 Zeitungen, lebt nach eigenen Angaben allein von Erlös und Trinkgeldern.

Klaus ist einer von 500 "Hinz & Künztlern" - so nennen sich die Obdachlosen, Alkoholiker, Drogenabhängigen oder sozial Schwachen, die das Blatt auf Hamburgs Straßen verkaufen. Das Monatsmagazin wird am 6. November 20 Jahre alt. 

Journalisten schreiben, Obdachlose verkaufen

Nach dem Vorbild des britischen Straßenmagazins "The Big Issue" wurde "Hinz & Kunzt" 1993 vom damaligen Landespastor und Leiter des Diakonischen Werkes Hamburg, Stephan Reimers, gegründet. Der Plan: Professionelle Journalisten schreiben die Artikel, den Verkauf übernehmen Obdachlose. Sie sollten nicht nur Geld verdienen, sondern auch ein Stück Würde zurückbekommen, erklärt Chefredakteurin Birgit Müller. Die 57-Jährige ist seit der ersten Ausgabe dabei, gab ihre damalige Anstellung für das Projekt mit ungewissem Ausgang auf. "Ich habe gekündigt, weil ich mich in diese Idee verliebt hatte", erinnert sie sich. "Von Anfang an hatten wir das Ziel, soziale Stimme in dieser Stadt zu sein." 

Einen Nerv getroffen

Die zum Start gedruckten 30.000 Exemplare waren innerhalb von zehn Tagen ausverkauft: "Wir hatten einen Nerv in Hamburg getroffen", berichtet Müller. Die durchschnittlich verkaufte Auflage liegt heute bei 68 000. Mit Verkaufserlösen, Anzeigenumsätzen und Spenden wird das Magazin finanziert. Gesellschafter von "Hinz & Kunzt" sind mit 70 Prozent das Diakonische Werk und mit 30 Prozent die Patriotische Gesellschaft von 1765. 

Nach Angaben von Müller ist "Hinz & Kunzt" das zweitälteste Magazin seiner Art in Deutschland. Noch älter ist das "Biss", das in München erscheint und im Oktober sein 20-jähriges Bestehen feierte. "Hinz & Kunzt hat sich zu einem Vorbild für andere Städte entwickelt", erklärt Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) zum Jubiläum.

Die Hamburger sensibilisieren

"Dem Zeitungsprojekt gelang es, das Thema Obdachlosigkeit ins Bewusstsein der Stadt zu bringen und die Hamburger hierfür zu sensibilisieren." Nach Angaben der Sozialbehörde gibt es in der Hansestadt etwas mehr als 1.000 Obdachlose - die Erhebung stammt allerdings aus dem Jahr 2009. 

"Hinz & Künztler" sind aber inzwischen nicht nur Obdachlose, 80 Prozent der Stammverkäufer haben eine Unterkunft. Doch fast alle lebten mal auf der Straße oder waren von Obdachlosigkeit bedroht. Viele der Verkäufer haben ausländische Wurzeln. Nur 20 Prozent der "Hinz & Künztler" sind Frauen. Viele Verkäufer sind in ihrem Viertel bekannt, haben Stammkunden. 

Ein buntes Blatt

Die Zeitung hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt. "Wir sind immer politischer und bunter geworden, gucken viel mehr über den Tellerrand hinaus", sagt Müller. Ob Zwangsräumung, Spielsucht oder Leiharbeit - "Hinz und Kunzt" greift viele gesellschaftliche Fragen auf. Auch Kulturthemen prägen den Inhalt. Das Magazin wolle ganz nah dran sein, erklärt Müller. Gezeigt werden sollen "mehr Lebenslinien als Lifestyle". Für Porträts werden Künstler oder Schauspieler deshalb meist ungeschminkt fotografiert. Es gibt zudem Sonderhefte über Literatur oder Kochen. 

Für das Magazin arbeiten neben der Chefredakteurin noch zwei Volontäre und viele freie Mitarbeiter. Die Angestellten im Vertrieb sind meist ehemalige Obdachlose. Am Sitz des Magazins in der Hamburger Altstadt holen die Verkäufer nicht nur ihre Zeitungen ab. Ein Café ist gleichzeitig Treffpunkt, zwei Sozialarbeiter stehen für Beratungen bereit. Für eine Zeitung müssen die Verkäufer 90 Cent ausgeben und dürfen sie für 1,90 Euro verkaufen. 

Der Kampf draußen

Doch es gibt Rivalitäten: "Es ist schon ein Kampf ums Geld", sagt Klaus, der früher einmal obdachlos war und kein Hartz IV beantragen möchte. Verkauft werden darf nur an einem zugewiesenen Platz. Betteln, Alkohol und Drogen sind dabei tabu. Wer ganz unten ist, schafft es oft nicht, sich an diese Regeln zu halten. "Der Job ist schwer", sagt Müller. Die Verkäufer stehen bei Wind und Wetter draußen und müssen immer bereit sein, mit ihren Kunden zu reden. "Wer das schafft, kann Selbstbewusstsein aufbauen."