Internationales Forum Bioethik

Der Impfstoff ist da – doch wer bekommt ihn zuerst?

Wie kann über die Grenzen hinweg eine gerechte Verteilung des Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 aussehen? Darüber diskutierten Donnerstag Experten auf dem internationalen Forum Bioethik des Deutschen Ethikrats.

Wie könnte also eine gerechte Verteilung des Impfstoffs aussehen? Darüber diskutierten am 18. November Vertreter des Deutschen Ethikrats mit internationalen Experten auf einer Online-Veranstaltung der Reihe „Forum Bioethik“. Für sie steht fest: Diese Herausforderungen können nur länderübergreifend und global gelöst werden. AdobeStock_ Khunatorn

Prof. Dr. Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, stellte das Positionspapier vor, das die Ständige Impfkommission (STIKO), der Deutsche Ethikrat und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina Anfang Oktober veröffentlicht hatten. Dort sind Empfehlungen für einen gerechten Zugang zu einem COVID-19-Impfstoff gegeben worden. Medizinisch-epidemiologische Aspekte der Infektionsprävention werden mit ethischen, rechtlichen und praktischen Überlegungen zusammengeführt.

Wir wissen nicht, wie lange der Impfstoff wirksam sein wird

„Wir wissen nicht, wie lange der Impfstoff wirksam sein wird,“ sagte Buyx. Deshalb hatten die Experten sechs wichtige ethische und rechtliche Kriterien festgelegt, nach denen eine Priorisierung erfolgen sollte: 1. Selbstbestimmung, 2. Nichtschädigung beziehungsweise Integritätsschutz, 3. Gerechtigkeit, 4. grundsätzliche Rechtsgleichheit, 5. Solidarität sowie 6. Dringlichkeit.

STIKO, Deutscher Ethikrat, Leopoldina

Die Ständige Impfkommission, der Deutsche Ethikrat und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina haben Empfehlungen für einen gerechten Zugang zu einem COVID-19-Impfstoff abgegeben.

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Buyx verwies auf die im Papier benannten konkreten Impfziele: die Verhinderung schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle (zum Beispiel Senioren in Heimen); den Schutz von Personen mit besonders hohem arbeitsbedingten Expositionsrisiko (Pfleger, Ärzte), die Verhinderung von Ansteckung sowie den Schutz in Umgebungen mit hohem Anteil vulnerabler Personen, und die Aufrechterhaltung von Funktionen des öffentlichen Lebens (Lehrer, Gesundheitseinrichtungen).

Wir müssen global denken

„Wir müssen global denken,“ forderte Prof. Dr. Christiane Woopen, Vorsitzende der European Group on Ethics in Science and New Technologies, und brachte damit die internationale Dimension der Diskussion ins Spiel. „Wir brauchen einen breiten, bedarfsorientierten Ansatz“, so ihr Appell. Dabei seien gesellschaftliche Bedürfnisse zu berücksichtigen. Zu beachten sei aber auch, dass im Kampf gegen die Pandemie Impfungen nur eine Maßnahme von vielen darstellen. Wichtig sei, soziale Komponenten bei der Entscheidung über die Impfstrategie mit zu berücksichtigen. „Keiner hat einen höheren Status als der andere“, sagte sie. „Jeder zählt gleich.“

Ärmere Länder sollen nicht benachteiligt werden

Dr. Mariângela Simão, Stellvertretende WHO-Generaldirektorin für Arzneimittel und Gesundheitsprodukte, unterstützte Woopens Argumente. „Wir müssen globale Lösungen für alle Menschen finden,“ sagte sie und forderte einen fairen und gleichen Zugang zum Impfstoff und einen globalen Verteilungsrahmen. Es sei klar, dass der Impfstoff zunächst nicht für alle ausreichen werde. Wichtig sei, dass ärmere Länder in einem Preiswettbewerb nicht benachteiligen werden, sagte sie.

Simão verwies auf die von der WHO, der Forschungskoalition CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) und der Impfstoffallianz GAVI (Global Alliance for Vaccines and Immunisation) aufgebauten Plattform COVAX , auf der die Verteilung stattfinden könnte und der bereits 184 Teilnehmer der Forschungsgruppe beigetreten seien. Es gehe darum, die Entwicklung eines Impfstoffs zu fördern, der für alle erhältlich und bezahlbar ist. (Zum Hintergrund: Auch Deutschland ist COVAX über die EU beigetreten und engagiert sich mit 675 Millionen. Die EU leistet 400 Millionen Euro Anschubfinanzierung).

Wie sieht eine faire Verteilung aus?

Auf die Schwierigkeiten bei einer Verteilung des Impfstoffs kam Prof. David Archard, Vorsitzender des Nuffield Council on Bioethics, London, zu sprechen. Eine faire Verteilung sei mit einer Vielzahl von Fragen verbunden – etwa: Wie kann man Risiko und Schaden minimieren? Sollte man auch junge Menschen prioritär behandeln? Wie sollten Minderheiten versorgt werden? Diese Debatten müssten erst noch intensiv geführt werden, sagte er und verwies auf ein kürzlich veröffentlichtes Papier des Nuffield College mit zehn Fragen an die britische Regierung, die aus Sicht britischer Ethiker dringlichen Klärungsbedarf erfordern.

Jean-François Delfraissy, Vorsitzender des französischen Comité consultatif national d’éthique, betonte, dass die Pandemie nicht an Grenzen Halt mache. Schon jetzt sei für ihn klar, dass die Menschen auch nach Einführung des Impfstoffs nicht in ihr altes Leben zurückkehren könnten, die Eindämmungsmaßnahmen würden noch eine ganze Weile den Alltag begleiten.

Auch seien weitere Fragen zu klären: Wie sieht die Meinung der Bevölkerung aus? Was sind ihre Prioritäten? Welchen Preis hat ein Impfstoff? Welche Nebenwirkungen? Nach Delfraissys Ansicht handelt es sich hier um einen langen Prozess: „Wir fangen hier bei null an. Das wird uns noch das ganze nächste Jahr beschäftigen.“

 

Das neu identifizierte Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht die "Corona virus disease 2019" (Covid-19) und ist Auslöser der COVID-19-Pandemie.

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