Strategien zur Gesundheitsförderung in ländlichen Räumen

Land in Sicht? Ja!

Weite Wege, schlechte Infrastruktur - um die gesundheitliche Versorgung auf dem Land sicherstellen zu können, gilt es viele Herausforderungen zu überwinden. Gleichzeitig stehen dort aber besondere Ressourcen zur Verfügung.

Wie können Landkreise und kreisangehörige Städte und Gemeinden dazu beitragen, für alle Menschen von Geburt an gute Lebensbedingungen zu schaffen? Akteure in ländlichen Räumen stehen häufig vor Herausforderungen, die neue Wege und lokale Strategien erfordern. Dies betrifft vor allem die Zusammenarbeit trotz großer räumlicher Distanz. © Gesundheit Berlin-Brandenburg/ Foto: André Wagenzik

Viel ehrenamtliches Engagement, eine hohe räumliche Verbundenheit und ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn sind Ressourcen, die in ländlichen Räumen im Gegensatz zur Stadt in der Regel zur Verfügung stehen. Wie also lassen sich die Bedingungen vor Ort in ländlichen Räumen gesundheitsförderlicher gestalten? Dieser Frage widmete sich die diesjährige Satellitenveranstaltung zum Kongress Armut und Gesundheit, die der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit gemeinsam mit dem Deutschen Landkreistag am 19. März 2018 in Berlin durchgeführt hat.

Ländliche Räume – was ist das eigentlich?

Dass es den ländlichen Raum an sich nicht gibt, wurde schon bei der Eröffnung der Veranstaltung deutlich. Romantisierende und verklärende Ideen vom ländlichen Raum und dem Landleben sind dabei ebenso unzutreffend wie die häufig anzutreffende Schwarzmalerei vom zurückgelassenen Land, das durch mangelnde Infrastruktur gänzlich abgehängt sei. Ein differenzierter Blick auf die Vielfalt ländlicher Räume und wichtige Potenziale und Herausforderungen in Bezug auf die Gesundheitsförderung und Prävention standen deshalb im Zentrum der Veranstaltung.

Die anlässlich des Kongresses Armut und Gesundheit stattfindende Satellitenveranstaltung hat in jedem Jahr einen anderen Schwerpunkt. Immer geht es jedoch um integrierte kommunale Strategien der Gesundheitsförderung und Prävention. | © Gesundheit Berlin-Brandenburg/ Foto: André Wagenzik

Ein Plädoyer für die Schaffung von Strategien zur Entwicklung nachhaltiger Raumbilder und Lebensstile im ländlichen Raum hielt Kerstin Faber, Planerin und Urbanistin, in ihrem Eröffnungsvortrag. Sie betonte die Bedeutung von Kooperationen, wie Versorgungs-, Wirtschafts- und Kulturkooperativen. Diese bündeln Ressourcen über die Vernetzung und binden Menschen langfristig an die eigene Region. Denn mit der Zusammenarbeit wächst auch das Verantwortungsbewusstsein für die eigene Region, neues Wissen und neue Perspektiven entstehen. Die staatliche Seite kann diese Prozesse fördern, indem sie unter anderem Raum für Experimente gewährt und neben dem Ehrenamt immer auch ein Hauptamt unterstützt.

Ein Beispiel für Kooperationen ist das Projekt "Landengel" der Stiftung Landleben. Es baut ein regionales Gesundheits-, Pflege- und Versorgungsnetzwerk auf. Im Netzwerk engagieren sich Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, Apotheken, Vereine, Schulen, Betriebe, die Dörfer und Menschen. Über „Gesundheitskioske“ soll in einzelnen Gemeinden ein Bürger- und Pflegeservice angeboten werden.

Die Präventionskette – ein Weg zu gesunden Lebensorten

Eine strategische Zusammenarbeit im Bereich der Gesundheitsförderung kann neue Anreize für Bewohnerinnen und Bewohner in ländlichen Räumen schaffen und diese als gesunde Standorte hervorheben. Ein Weg dorthin sind integrierte Strategien der Gesundheitsförderung und Prävention, sogenannte Präventionsketten.

Dr. Antje Richter-Kornweitz, Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V., ist Expertin auf dem Gebiet der Präventionsketten. Sie koordiniert derzeit das Programm "Präventionsketten in Niedersachsen: Gesund aufwachsen für alle Kinder!". Ihren Vortrag fokussierte sie auf Präventionsketten für das Kindes- und Jugendalter. Im Rahmen von Präventionsketten werden Ressourcen und Kompetenzen unterschiedlicher (kommunaler) Akteure und Institutionen gebündelt und Unterstützungsangebote aufeinander abgestimmt.

Mit dem Deutschen Landkreistag wurde in diesem Jahr ein starker Partner mit viel Expertise für die Veranstaltung gewonnen.  | © Gesundheit Berlin-Brandenburg/ Foto: André Wagenzik

Die Ausgangsfragestellung für das Vorgehen ist dabei immer: Was brauchen Kinder und Jugendliche, um gesund aufwachsen zu können? Dabei sind wesentliche Prinzipien und Qualitätskriterien auch auf andere Lebensphasen übertrag- bzw. erweiterbar. Der intersektorale und professionsübergreifende Ansatz zeichnet alle Präventionsketten aus. Dazu kommt eine Lebenslagen- und Lebensweltorientierung sowie ein ressourcenorientiertes Vorgehen.

Frau Richter-Kornweitz machte deutlich, dass die Erweiterung auf andere Lebensphasen eine hohe konzeptionelle Herausforderung birgt. Im Kindes- und Jugendalter sind die Übergänge beispielsweise sehr institutionell geprägt, im späteren Lebensalter wesentlich individueller. Hier müssen Unterstützungsangebote flexibler und breiter aufgestellt werden.

Zusammenarbeit fördern – Gesundheit stärken

Die beiden Eröffnungsvorträge zeigten deutlich, dass es zur Verbesserung der Lebensbedingungen und zur Stärkung gesundheitlicher Chancengleichheit in ländlichen Räumen vor allem auf eine gute Bündelung von Ressourcen und eine zielführende Zusammenarbeit aller Akteure ankommt. Präventionsketten bilden dabei eine mögliche Form der Zusammenarbeit. In den Fachforen wurden verschiedene Ansätze diskutiert, die zu gesunden ländlichen Räumen beitragen können.

Dabei arbeiten einzelne Landkreise, kreisangehörige Städte und Gemeinden unter unterschiedlichen Voraussetzungen. Auch deshalb sind sie bezüglich integrierter kommunaler Strategien ganz unterschiedlich aufgestellt. Ziel war es daher zu betrachten, welche Ansätze schon bestehen und wie diese beispielsweise mit dem Konzept Präventionskette verknüpft werden können. Diskutiert wurden  folgende Themen:

  • integrierte Gesundheits- und Sozialberichterstattung als Grundlage für eine am Bedarf orientierte kommunale Gesundheitsstrategie
  • Prozessgestaltung und -begleitung beim Auf- und Ausbau integrierter kommunaler Strategien
  • Ansätze zur Förderung des sozialen Zusammenhalts in Kommunen
  • Ansätze der überregionalen Zusammenarbeit sowie Herausforderungen der Kooperation in großen Flächenlandkreisen
  • Beitrag der Jugendbeteiligung zur Stärkung der ländlichen Räume.

Vorgestellt wurden gelungene Beispiele aus ganz Deutschland. Präventionsketten oder integrierte Ansätze können ganz verschiedene Schwerpunkte haben, immer jedoch haben sie einen Soziallagenbezug. Im Rheinland z. B. haben sich kommunale Netzwerke gegen Kinderarmut gebildet. Dazu wurde eine Koordinationsstelle Kinderarmut im Landesjugendamt des Landschaftsverbandes Rheinland eingerichtet.

Im Landkreis Aurich in Niedersachsen nimmt die Kreisvolkshochschule Aurich-Norden eine zentrale Funktion in der Vernetzung unterschiedlichster Akteure aus Politik, Verwaltung und anderen Professionen sowie ehrenamtlichen Akteuren ein. Gemeinsam mit dem Gesundheitsamt des Landkreises koordiniert die Kreisvolkshochschule Norden z. B. die Umsetzung des Landesprogramms „Senioren- und Pflegestützpunkt Niedersachsen“. Durch die Zusammenarbeit mit dem Mehrgenerationenhaus und der Freiwilligenagentur wird auch bürgerschaftliches Engagement gestärkt und in die Netzwerkaktivitäten eingebracht. Durch vielfältigen Austausch und eine starke Vernetzung entsteht im Landkreis Aurich eine sorgende Gemeinschaft.

"Kita mit Biss"

Ein erfolgreiches Beispiel im Bereich Mundgesundheit ist das Präventionsprogramm „Kita mit Biss“, das seit vielen Jahren im Land Brandenburg und inzwischen auch in fünf weiteren Bundesländern durchgeführt wird. Es ist ein in der Praxis bewährtes, intersektorales Aufklärungs- und Ernährungsprogramm für Kindertagesstätten zur Förderung der Mundgesundheit und Vermeidung der Frühkindlichen Karies.

Initiiert und begleitet durch die kommunalen Strukturen zur Umsetzung der zahnmedizinischen Gruppenprophylaxe gem. § 21 SGB V setzen Kitas praktikable Handlungsleitlinien unter Einbeziehung der Eltern um. In dieser Kooperation gelingt es, einen (mund-)gesundheitsförderlichen Kita-Alltag zu gestalten. Im Land Brandenburg gibt es bereits über 480 zertifizierte Kitas. Das Auftreten der Frühkindlichen Karies, als die häufigste chronische Erkrankung im Kleinkind- und Vorschulalter, wird zurückgedrängt und ein Beitrag zum gesunden Aufwachsen sowie zur gesundheitlichen Chancengleichheit aller Kinder geleistet. Auf Grund der nachweislich wirksamen Prävention von Frühkindlicher Karies wurde das Programm 2015 mit dem Präventionspreis "Frühkindliche Karies" der "Initiative für eine mundgesunde Zukunft in Deutschland" ausgezeichnet.

Die Bilanz des Tages lautet letztlich: Land in Sicht? Ja, das ist es und das sollte es auch weiterhin sein! Es gilt, auch in der Gesundheitsförderung und Prävention den Fokus verstärkt auf ländliche Räume zu legen. Hier gibt es bereits eine große Zahl von Aktivitäten und, wie der Abschlussredner Rainer Steen deutlich machte, "ein Füllhorn voll Ideen". Sie zeigen Chancen für die weitere Entwicklung und die Förderung gesunder ländlicher Räume auf. Damit diese genutzt werden können, bedarf es einer gezielten Koordination und Ressourcenbündelung.

Der Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit

Die gesundheitliche Chancengleichheit in Deutschland verbessern und die Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Gruppen unterstützen – das sind die Leitziele des bundesweiten Kooperationsverbundes. Dem von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) initiierten Verbund gehören 66 Organisationen an. Zu den Mitgliedern gehören neben allen Landesvereinigungen für Gesundheit auch alle Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen, weitere Krankenkassen, die kommunalen Spitzenverbände, Bundesverbände der Ärzte- und Zahnärzteschaft, Wohlfahrtsverbände sowie drei Länderministerien. Der Verbund fördert vorrangig die Qualitätsentwicklung in der soziallagenbezogenen Gesundheitsförderung und die ressortübergreifende Zusammenarbeit. Die zentrale Aktivität der Koordinierungsstellen in den Bundesländern ist die Begleitung kommunaler Prozesse, insbesondere über den Partnerprozess "Gesundheit für alle".

Die Online-Dokumentation der Satellitenveranstaltung finden Sie in Kürze unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de.

Lea Winnig
Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes "Gesundheitliche Chancengleichheit"
Gesundheit Berlin-Brandenburg

10783881065947106594810659491078389 1078390 1065951
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare