Studie zur Tabakent­wöhnung

Nur 20 Prozent der Raucher versuchen aufzuhören

In Deutschland versuchen immer weniger RaucherInnen mit dem Qualmen aufzuhören, zeigt eine neue Studie. Nur selten werden für Rauchstoppversuche Evidenz-basierte Methoden genutzt. Schuld könnte die Politik sein.

Obwohl das Rauchen von Tabak der größte vermeidbare Risikofaktor für eine Vielzahl von Erkrankungen ist, rauchen laut Studie in Deutschland noch immer 28 Prozent der Bevölkerung - ein Drittel der Männder und ein Viertel der Frauen. AdobeStock_ r_tee

Im Deutschen Ärzteblatt untersuchte Daniel Kotz mit Ko-Autoren auf Basis der Daten der Deutschen Befragung zum Rauchverhalten (DEBRA), wie hoch der Anteil der RaucherInnen ist, die jedes Jahr einen Rauchstoppversuch unternehmen, welche Unterstützungsmethoden sie dabei nutzen und ob soziodemografische Merkmale mit dieser Nutzung assoziiert sind.

Die Ergebnisse:

  • Von 11.109 untersuchten RaucherInnen und 407 neuen Ex-RaucherInnen hatte ein Fünftel (19,9 Prozent) im vergangenen Jahr mindestens einen Rauchstoppversuch unternommen.
  • Nur 13 Prozent hatten bei ihrem letzten Versuch mindestens eine Evidenz-basierte Methode genutzt.
  • Bei stärkerer Tabakabhängigkeit stieg die Wahrscheinlichkeit, auf Evidenz-basierte Methoden zurückzugreifen.
  • Eine Pharmakotherapie (Nikotinersatztherapie, Medikamente) wurde mit steigendem Einkommen häufiger genutzt.
  • Die am häufigsten einzeln genutzte Unterstützungsform war die elektrische Zigarette (10,2 Prozent der Fälle)

Psychotherapeutische und medikamentöse Unterstützung wirkt am besten

Wie die Autoren ausführen, empfehlen deutsche S3-Leitlinien sowohl eine psychotherapeutische als auch medikamentöse Unterstützungen des Rauchstopps. Dazu gehören eine persönliche Beratung beziehungsweise therapeutische Hilfe sowie pharmakotherapeutische Unterstützungen. Für Letzteres sind in Deutschland die Nikotinersatztherapie als Pflaster, Kaugummi, Inhalator, Mundspray oder Lutschtabletten zugelassen sowie die Wirkstoffe Vareniclin und Bupropion.

Eine Kombination beider Komponenten unterstützt den Rauchstopp der Studie zufolge am effektivsten. So wurden laut einer aktuellen randomisierten Studie unter Alltagsbedingungen bei RaucherInnen Abstinenzraten von über 25 Prozent nach zwölf Monaten erreicht.

Rauchen wird bei Männern wieder cool

Einer jetzt veröffentlichten Datenanalyse der Kaufmännischen Krankenkasse KKH von 205.000 Versicherten zeigt, dass Rauchen bei jungen Männern wieder zunimmt. So verzeichnete die Kasse bei den 15- bis 24-Jährigen zwischen 2007 und 2017 einen Anstieg um fast 40 Prozent von  Abhängigkeit, Entzugserscheinungen, einem akuten Rausch oder psychischen Problemen aufgrund von Tabak. Bei den Frauen stagnierte diese Zahl im selben Zeitraum.

Bislang lagen für Deutschland keine aktuellen, repräsentativen Daten dazu vor, wie hoch der Anteil der RaucherInnen ist, die jedes Jahr einen Rauchstoppversuch unternehmen, zu welchen Unterstützungsmethoden sie dabei greifen und ob soziodemografische Merkmale mit dieser Nutzung assoziiert sind, schreiben die Autoren. Die letzte größere Studie stammt aus dem Jahr 2012. Damals hatten 24 Prozent der RaucherInnen in den letzten zwölf Monaten mindestens einen Rauchstoppversuch unternommen. 11 Prozent hatten dabei die Nikotinersatztherapie genutzt, 8 Prozent die E-Zigarette und 5 Prozent eine ärztliche Beratung.

"Evidenzbasierte Methoden müssten dringend flächendeckend und kostenfrei angeboten werden"

Da aktuelle, repräsentative Daten des Status quo sowie eine Analyse von Trends (bei gleichbleibender Studienmethode) als Indikator für die Notwendigkeit beziehungsweise Effektivität öffentlicher Gesundheitsaufklärung und politischer Tabakkontrollmaßnahmen wichtig wären, sehen die Autoren weiteren Forschungsbedarf.

Die Autoren appellieren aber auch an die Politik, RaucherInnen müssten besser durch öffentlichkeitswirksame Maßnahmen sowie im Rahmen der medizinischen Versorgung über Vorteile und Möglichkeiten der Tabakentwöhnung aufgeklärt werden – und evidenzbasierte Methoden müssten dringend niedrigschwellig, flächendeckend und kostenfrei angeboten werden.

Methodik

Für die Studie wurden 19 Erhebungswellen von Juni/Juli 2016 bis Juni/Juli 2019 der Deutschen Befragung zum Rauchverhalten (DEBRA) ausgewertet. Dabei handelt es sich um eine repräsentative, deutschlandweite, computergestützte, persönlich-mündliche Haushaltsbefragung von Personen im Alter von 14 Jahren oder älter, die allgemeine soziodemografische Fragen sowie Fragen zum Rauchverhalten beantworten.

Alle zwei Monate wird eine neue, repräsentative Stichprobe von circa 2.000 Personen im Rahmen einer Mehrthemenbefragung interviewt. Die Befragungspersonen werden durch eine mehrfach geschichtete, mehrstufige Zufallsstichprobe ausgewählt. Die Befragung wird im Auftrag des Instituts für Allgemeinmedizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf durch das Marktforschungsinstitut Kantar durchgeführt.

Aktuelle RaucherInnen und neue Ex-RaucherInnen (< 12 Monate rauchfrei) wurden zu ihren Rauchstopps im vergangenen Jahr und zum letzten Versuch (Mehrfachnennung möglich) befragt. Der Grad der Tabakabhängigkeit wurde bei aktuellen RaucherInnen mit dem Heaviness of Smoking Index gemessen.

Die Autoren benennen klar die Limitationen ihrer Arbeit. So lasse die Methode des Marktforschungsinstituts keine Berechnung der Responserate zu. Zudem basieren alle Daten der Studie auf Selbsteinschätzungen der Befragten. Dies könne zur Folge haben, dass kurze Rauchstoppversuche vergessen werden – und Versuche unter Einsatz einer Pharmakotherapie besser behalten werden als unassistierte Versuche. In beiden Fällen wäre die Versuchsrate von 19 Prozent in einem Jahr zu niedrig geschätzt.

Kotz D, Batra A, Kastaun S: Smoking cessation attempts and common strategies employed—a Germany-wide representative survey conducted in 19 waves from 2016 to 2019 (The DEBRA Study) and analyzed by socioeconomic status. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 7–13. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0007

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