Gesellschaft

Tödliche Medizin: die braune Vergangenheit der Ärzte

In der Nachkriegszeit herrschte Schweigen. Heute ist die Aufarbeitung der NS-Zeit an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen stark vorangeschritten. Gerade auch an den medizinischen Fakultäten.

Karl Brandt (* 8. Januar 1904 in Mülhausen, Elsass; † 2. Juni 1948 in Landsberg am Lech) war der chirurgischer Begleitarzt Adolf Hitlers, SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS, sowie Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen. Er war der Ranghöchste unter den Angeklagten im Prozess gegen Mediziner beim Nürnberger Ärzteprozess. PhilippN-Wikipedia

Der Arzt und Anthropologe Josef Mengele (* 16. März 1911 in Günzburg; † 7. Februar 1979 in Bertioga, Brasilien) wurde 1937 Assistent des Erbbiologen und Rassenhygienikers Otmar Freiherr von Verschuer und meldete sich 1940 freiwillig zur Waffen-SS. Nach einem Fronteinsatz als Truppenarzt wurde Mengele von Mai 1943 bis Januar 1945 als Lagerarzt im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz eingesetzt. In dieser Funktion nahm er Selektionen vor, überwachte die Vergasung der Opfer und führte menschenverachtende medizinische Experimente an Häftlingen durch. _Polizei_Buenos_Aires-Wikipedia
Der Arzt und Hirnforscher Julius Hallervorden (* 21. Oktober 1882 in Allenberg, Kreis Wehlau, Ostpreußen; † 29. Mai 1965 in Frankfurt am Main)arbeitete im Nationalsozialismus am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch. Nach Kriegsende war er am Nachfolgeinstitut, dem Max-Planck-Institut für Hirnforschung, beschäftigt. Filip_em-Wikipedia
Der Chirurg Karl Franz Gebhardt (* 23. November 1897 in Haag in Oberbayern; † 2. Juni 1948 in Landsberg am Lech) diente seinem Jugendfreund Himmler als Leibarzt und wurde zu einem der wichtigsten Ärzte innerhalb der SS. Gebhardt nahm medizinische Versuche an KZ-Häftlingen vor, speziell im KZ Ravensbrück und in seiner zwölf Kilometer entfernt gelegenen Klinik Hohenlychen, sowie im KZ Auschwitz. Er wurde in den Nürnberger Prozessen angeklagt, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Bundesarchiv_Bild_183-1986-0428-502/CC-BY-SA
Otmar Freiherr von Verschuer (* 16. Juli 1896 in Richelsdorfer Hütte; † 8. August 1969 in Münster in Westfalen) war ein deutscher Mediziner, Humangenetiker und Zwillingsforscher. Verschuer war einer der führenden Rassenhygieniker der NS-Zeit. Einer seiner Doktoranden war Josef Mengele. picture_alliance
Der nationalsozialistische RassentheoretikeEugen Max Robert Ritter (* 14. Mai 1901 in Aachen; † 17. April 1951 in Oberursel) leitete die Rassenhygienische Forschungsstelle (RHF) war nach 1945 Obermedizinalrat der Stadt Frankfurt am Main. Ritter ist als Leiter der RHF einer der bekanntesten Schreibtischtäter des Porajmos. Die RHF erarbeitete etwa 24.000 „gutachtliche Äußerungen“, in denen die Untersuchten als „Voll-Zigeuner“, „Zigeuner-Mischling“ oder „Nicht-Zigeuner“ eingeteilt wurden. Diese Gutachten bildeten die Grundlage für Zwangsmaßnahmen gegen Roma bis hin zur Deportation in das "Zigeunerlager Auschwitz". Bundesarchiv_R_165_Bild-244-70/CC-BY-SA
Der Psychoanalytiker und Schriftsteller Alexander Mitscherlich emigrierte 1935 in die Schweiz und begann Medizin zu studieren. 1937 ging er trotz seiner Erfahrungen mit dem NS-Regime nach Nürnberg und wurde für acht Monate von der Gestapo in Haft genommen. Nach der Freilassung blieb er in Deutschland, setzte sein Medizin-Studium fort picture_alliance

Es ist noch keine drei Jahre her, da wurden auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg Hirnschnitte von Kindern beigesetzt, die im „Dritten Reich“ der „Euthanasie“ zum Opfer gefallen waren - wie man die systematischen Ermordungen euphemistisch nannte. Seit Kriegsende lagerten die Präparate unerkannt in den medizinischen Archiven.

Die Gräueltaten lassen uns nicht los

„Es geht nicht nur um gestern, es geht vor allem um heute. Die Gräueltaten aus der Zeit des Nationalsozialismus, die auch im Namen der Universitätsmedizin begangen worden sind, lassen uns nicht los.“ Das erklärt der ehemalige Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Hendrik van den Bussche, im Vorwort zu seiner 2014 erschienenen Untersuchung der Hamburger Universitätsmedizin im Nationalsozialismus. Der gewichtige Band zählt zu den jüngeren Veröffentlichungen zur Wissenschaftsgeschichte der NS-Diktatur. 

Lange Zeit galt die Beteiligung der deutschen Wissenschaft an Repression, Verbrechen und Genozid als Tabuthema. Nachdem der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Alexander Mitscherlich seine ersten Schriften zu den 1946 bis 47 in Nürnberg geführten NS-Ärzteprozessen veröffentlicht hatte, wurde er zu einem der „bestgehassten Männer der deutschen Medizin“ (Robert Lifton).

Ursprünglich war er von den Ärztekammern der Westzonen beauftragt worden, in seinem Bericht möglichst nicht von einer allgemeinen Schuld der Ärzteschaft zu sprechen. Doch Mitscherlichs Prozessbeobachtungen führten die Taten von Tötungsärzten wie Karl Brandt oder an Menschenversuchen beteiligten Medizinern wie Karl Gebhardt schonungslos auf. Damit versperrte er sich in Deutschland jede weitere Karriere an einer medizinischen Fakultät. Zu stark war der Korpsgeist der Doktoren.

Das exzessive Frauenstudium ist drängender

Eine echte Entnazifizierung hat auch an den Universitäten und Forschungsinstituten zunächst nicht stattgefunden. Hendrik van den Bussche schreibt über die akademische Schuldabwehr: „In den Fakultätssitzungen der unmittelbaren Nachkriegszeit war das angeblich drängendste politische Thema, wie man das ‚exzessive‘ Frauenstudium wieder zurückdrängen könnte.“

Währenddessen kehrten große Teile der NS-Hochschullehrerschaft in Amt und Würden zurück. Männer wie der Hirnforscher Julius Hallervorden, bekannt für seine Sammlung präparierter Gehirne von ermordeten Kindern und Erwachsenen, wurde 1949 Abteilungsleiter am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Gießen.

Den Kinderarzt Werner Catel, verantwortlich für die „Euthanasie“ kranker und behinderter Kinder, berief die Kieler Universität 1954 zum Professor für Kinderheilkunde. Für die Tötung von Kindern mit Fehlbildungen sprach Catel sich weiterhin aus. Zwei Beispiele von vielen. 

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