Streit um fossilen Zahnfund

"Weltsensation" oder "Fake News"?

In zahlreichen Pressemitteilungen ging letzte Woche der Fund von zwei 9,7 Millionen Jahre alten Zähnen in Eppelsheim in Rheinhessen als „Weltsensation“ durch die Presse. Die Ausgräber mutmaßen, dass der Fund einer bislang unbekannten Menschenaffenart so bedeutend sei, dass wahrscheinlich die Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden müsste. Für zm-online nimmt Prof. Dr. Kurt W. Alt dazu Stellung - und spricht von einem Debakel.

Bei der Bewertung des Funds übertrafen sich Offizielle schnell mit Superlativen - bis es schließlich sogar hieß, möglicherweise müsse die Menschheitsgeschichte neu geschrieben werden. Jetzt regt sich begründeter Zweifel an dieser Einschätzung, vor der Veröffentlichung nicht eingebundene Fachleute wollen die Funde nicht einem Menschenaffen, sondern einem reh- und hirschartigen Wiederkäuer zuordnen. zm-mg

Prof. Dr. Kurt W. Alt war lange Jahre lang am Institut für Anthropologie in Mainz tätig und ist seit 2014 Leiter des Departments für Natur- und Kulturgeschichte des Menschen an der Danube Private University in Krems an der Donau, Österreich sowie Sprecher der Arbeitskreises für Ethno- und Paläozahnmedizin in der DGZMK als Dentalanthropologe. Alt veröffentlicht regelmäßig Artikel in den zm.

zm-online: Prof. Alt, was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an dem Fund? 

Nach der gängigen Lehrmeinung ist Afrika die Wiege der Menschheit. Dort entwickelten sich nicht nur unsere frühen Vorfahren vor etwa 2,7 Millionen Jahren, sondern auch der Homo sapiens vor etwa 200.000 Jahren. Von Afrika aus erfolgte die Eroberung der übrigen Welt in vielen Auswanderungswellen seit etwa 2 Millionen Jahren. Wenn die Entdecker der knapp 10 Millionen Jahre alten Funde aus Eppelsheim mit ihrer Vermutung recht hätten, dass die aufgefundenen Zähne Funden von Vormenschen in Afrika ähnlich sind, diese jedoch etwa nur halb so alt sind wie die neu entdeckten Funde in Europa, wäre dies in der Tat eine wirkliche Sensation. In vielen Mitteilungen über den Fund liest man deshalb auch, dass gegebenenfalls nun die Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden muss.

Warum stehen die Wissenschaftler jetzt vor einem Rätsel? 

Als mich persönlich die Nachricht vom Fund aus Eppelsheim erreichte hat sich bei mir augenblicklich Skepsis breit gemacht. Wir können in der Paläontologie und der Paläoanthropologie auf eine in den letzten dreißig Jahren stark angewachsene Wissensbasis zurückgreifen, die sich auf zahlreiche Methoden stützen kann. Aufgrund des Alters der Funde scheiden molekulargenetische Methoden im vorliegenden Fall aus. Allerdings stehen den Fachleuten bewährte morphologische Methoden zur Verfügung. Und das Rätsel wäre niemals zum Rätsel geworden, hätte man nach der Entdeckung des Fundes Fachleute hinzugezogen.

Stattdessen hat es den Anschein, wie aus den vielen Pressemitteilungen der letzten Tage zu erfahren ist, dass sich die Entdecker selbst zu Spezialisten heranbildeten. Das ist leider nicht professionell und deshalb werden diese „fake news“ die Verantwortlichen jetzt wohl noch lange in Atem halten. Das Debakel und als etwas anderes kann man es nicht bezeichnen, hätte sich vermeiden lassen, wenn man sich an das Sprichwort: „Schuster bleib bei deinen Leisten“ gehalten hätte. Noch unverständlicher ist die Sachlage wenn man bedenkt, dass im Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt quasi „um die Ecke“ die Experten für solche Funde residieren. Nun muss man mit der selbst verursachten Situation leben und umgehen und das tun die Betroffenen mehr schlecht als recht.

Wie ist jetzt das weitere Vorgehen? 

Die Fachleute werden jetzt bemüht werden oder werden selbst auf die Presse reagieren. Einige haben schon von sich aus reagiert. So zitiert der Südwestrundfunk am 25. Oktober den Paläontologgen David Begun aus Toronto wie folgt: „Die Funde haben mit Menschen (Hominini) nichts zu tun, sie haben nicht einmal etwas mit Menschenaffen (Hominidae) zu tun, denn sie stammen aus einer Zeit, ehe diese sich entwickelt haben". Statt eines Staunens der Fachwelt gibt es also ein Kopfschütteln der Fachwelt. Selbst ohne die Zähne im Original gesehen zu haben, glaubt Begun den Backenzahn Anapithecus - einem Affen von dem es vor 10 Millionen Jahren zahlreiche Arten in Europa gab - zuordnen zu können, versichert dieser im Interview. Und Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeenvironment in Tübingen, die ebenfalls zu Wort kam, ist sich sicher: „Ein Spezialist hätte das sofort gesehen“. Beispielsweise, dass der vermeintliche Hominideneckzahn „ein kleinerer Teil eines Hirschzahns“ ist. In den nächsten Tagen und Wochen werden sich mit Sicherheit weitere Spezialisten melden, denen – wie zu hoffen – das Original zur Untersuchung überlassen wird. Die Fundstelle selbst ist eine der bedeutsamsten dieser Zeitstellung und war in der Vergangenheit schon für zahlreiche Funde und Entdeckungen gut.

Vom Fund bis zur Bekanntgabe verging gut ein Jahr. Wann ist mit weiteren Erkenntnissen zu rechnen? 

Nachdem bereits so kurze Zeit nach der Pressemitteilung festzustellen scheint, dass sich die selbsternannten Spezialisten geirrt haben, andererseits die Zeitstellung passt und die beiden Fundstücke bestimmten Spezies zugeordnet werden konnten, ist derzeit nicht damit zu rechnen, dass sich noch einmal größere Verschiebungen in der Spezieszuordnung ergeben. Was die Experten ebenfalls erstaunt, ist die Tatsache, dass sich die Entdecker und Bearbeiter gescheut haben, ihre Funde in einer international angesehenen Fachzeitschrift zu publizieren und sich damit der Kollegenschaft gestellt hätten, dann wäre es nämlich mit Sicherheit nicht zu der Weltsensation gekommen.

Und der Frankfurter Paläontologe Ottmar Kullmer, ein ausgesprochener Experte für Zähne, bemerkt zum Ende des Interviews mit dem Südwestrundfunk: "Aufgrund von zwei Zähnen - wobei einer sogar nur ein Fragment ist - die Menschheitsgeschichte umzuschreiben, halte ich für etwas weit hergeholt. Die Theorie der Menschwerdung in Afrika ziehen wir deswegen nicht in Zweifel." Es bleibt zu hoffen, dass diese Provinzposse einmalig bleibt und dass der Spott auf diejenigen begrenzt bleibt, die den Schaden verursacht haben.

Reaktion der Stadt Mainz
„Die Bedeutung der Funde ist unstrittig“
Im Naturhistorischen Museum Mainz gibt man sich gelassen angesichts der geballten Kritik vieler Fachleute. Dass sich zahlreiche Berichte mit den Eppelsheimer Funden beschäftigen und „im Nachgang der ersten Vorstellung auch überaus kritisch“ damit umgehen, gehöre „zum wissenschaftlichen Betrieb dazu – und ist auch in keiner Weise ungewöhnlich“, informiert die städtische Pressestelle auf Anfrage. Und: „Die Kritik, das Autorenteam hätte Fachspezialisten vor der Publikation der Arbeit einbinden sollen, erscheint uns unberechtigt.“ Die vorliegende Arbeit sei eindeutig als erster Fundbericht über Zahnfunde aus Eppelsheim bekanntgegeben worden. Es handele sich erklärtermaßen nicht um eine endgültige Einordnung und Bestimmung, stellt die Stellungnahme klar. Trotzdem will man sich offensichtlich festlegen, was die Bedeutung des Zahnfunds betrifft. Diese sei „für die internationale Wissenschaft ist unstrittig“, heißt es.

Dann folgt leichtes Zurückrudern: Mit der Publikation sei es den Autoren zunächst nur um eine möglichst detaillierte Beschreibung der gesamten Fundumstände sowie eines ersten Berichts über die tertiärzeitlichen Zahnfunde gegangen. Die kritisierte Arbeit biete zunächst lediglich die Datenbasis, aufgrund derer „eine weitere Bearbeitung und wissenschaftliche Einordnung der komplexen Befunde überhaupt erst beginnen kann“.

Auch enthalte die Publikation „keineswegs eine endgültige Einordnung der Zahnfunde, sie ist aber die notwendige Basis für alle weiteren Bearbeitungen“. Mehr noch: „Ohne diese Basis ist eine Deutung der Funde gar nicht möglich.“ Generell sei der Standpunkt des Projektteams: „Die Kritik ist ernst zu nehmen und muss detailliert geprüft werden.“ Hierzu seien jetzt – wie bereits angekündigt – weitere Untersuchungen in Vorbereitung, an denen dann auch Fachspezialisten beteiligt werden. „Erst danach wird man mehr über die tatsächliche Einordnung der Funde wissen“, heißt es. Und: „Bis dahin möchte sich das Team mit Äußerungen zurückhalten und weiter inhaltlich arbeiten.“

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