US-Pädiater kritisieren Forschungslücken

Wie schädlich sind Süßstoffe für Kinder? Keine Ahnung!

Welchen Effekt hat der Konsum von künstlichen Süßstoffen für Kinder – dieser Frage gingen US-Kinderärzte in einer systematischen Literaturanalyse nach. Ihr Urteil: Keine Ahnung! Denn die Datenlage ist mangelhaft und es bestehen gravierende Wissenslücken.

Süßstoffe finden sich in immer mehr Lebensmitteln und Getränken, doch über deren Wirkung auf den Organismus gibt es kaum Informationen. AdobeStock_motortion

Fest steht, dass Kinder und Jugendliche in den USA immer häufiger sogenannte nicht-nahrhafte Süßstoffe (Non-Nutritive Sweenteners = NNS) konsumieren. Eine nationale Gesundheitsstudie zeigt, dass zwischen 1999 und 2000 weniger als ein Prozent der Kinder regelmäßig Getränke mit Süßstoffen zu sich genommen hatte. Im Laufe von acht Jahren war dieser Wert auf über sieben Prozent angestiegen. Aktuellere wissenschaftlich fundierte Daten existieren laut der Studienautoren nicht. Die Forscher bemängeln diesen Zustand bemängeln und fordern umfangreiche Studien zu den Auswirkungen des Einsatzes von Süßstoffen.

Sucralose, Acesulfam-K und Aspartam sind die am häufigsten verwendeten Süßstoffe

In der vorliegenden Studie arbeiteten die Wissenschaftler der American Academy of Pediatrics (AAP) unter Federführung von Dr. Carissa Baker-Smith, mittels einer einer systematischen Literaturanalyse unter anderem Daten über die Häufigkeit von Süßungsmitteln in US-Nahrungsmitteln heraus. Demnach zählen Sucralose, Acesulfam-K und Aspartam zu den am häufigsten verwendeten Süßstoffen.

Süßungsmittel

Süßungsmittel werden unterteilt in Zucker (zum Beispiel Glukose, brauner Zucker, Rohrzucker, Fructose und Maissirup mit hohem Fructosegehalt), Alkoholzucker ((zum Beispiel Isomalt, Maltit, Mannit, Sorbit und Xylit) und Süßstoffe (zum Beispiel Sucralose, Saccharin, Aspartam, Stevia).

Nicht-nahrhafte Süßstoffe (NNS) sind hochintensive Süßstoffe, die trotz des süßen Geschmacks nur wenige bis gar keine Kalorien haben und nur eine leichte bis gar keine glykämische Reaktion des Blutzuckerspiegels verursachen.

Zwar lehnen fast drei Viertel der Eltern (72 Prozent) Befragungen zufolge ab, dass Kinder NNS konsumieren. Allerdings können nur 23 Prozent von ihnen entsprechende Lebensmittel, die künstliche Süßstoffe enthalten, korrekt identifizieren.

Tatsächlich gaben 53 Prozent der Eltern an, Artikel mit der Bezeichnung "weniger Zucker" zu suchen, wobei die meisten jedoch nicht erkannten, dass der süße Geschmack durch zugesetzte synthetische Süßstoffe entsteht. Zudem konnte lediglich ein Viertel der befragten Jugendlichen den Geschmack von Süßstoffen von dem von Saccharose unterscheiden.

Übergewicht – trotz, nein wegen Diät-Cola

Baker-Smith und ihre Koautoren berichten auf Basis der analysierten Studien, dass die zunehmende Verbreitung von NNS auf Populationsebene mit einem Anstieg der Prävalenz von Übergewicht assoziiert ist. Das bedeutet, dass die Reduktion und der Ersatz von Succhrose durch synthetische Süßstoffe mit deutlich weniger Kalorien nicht wie erwartet zu einem Rückgang von Übergewicht in der Bevölkerung führt.

Die Wissenschaftler begründen dies mit der Beeinflussung der Appetit- und Geschmackspräferenzen: Süßstoffe können wie Haushaltszucker die "sweet-taste"-Rezeptoren (wie T1R family- und α-gustducin-Receptoren) aktivieren. Ihnen fehlt jedoch der regulatorische Effekt, der beispielsweise bei zuckerhaltigen Nahrungmitteln ab einer bestimmten aufgenommenen Menge an Kalorien die weitere Nahrungsaufnahme beendet.

Das Signal "satt" wird nur verzögert oder gar nicht gesendet

Versuche im Tiermodell bestätigen, dass der Konsum von Süßungsmitteln die kalorische Signalwirkung beim Essen schwächt – das Signal "satt" wird nur verzögert oder gar nicht gesendet. So kann es zu übermäßigen Nahrungsaufnahmen über den benötigten Kalorienbedarf hinaus kommen und Übergewicht bedingen, wenn zum Beispiel vor dem Essen ein NNS-haltiges Getränk konsumiert wurde.

Fortbildung „Ernährung und Mundgesundheit“

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Die Autoren konstatieren, dass große Wissenslücken in Bezug auf den Konsum von Süßstoffen existieren. Vor allem über Auswirkungen auf den Energiehaushalt und die Bluzuckerkontrolle, den Appetit und die Nahrungsaufnahme liegen keine Daten über einen längeren Zeitraum vor – vor allem nicht für Kinder und Jugendliche.

Zukünftige Forschungen sollten laut der Wissenschaftler die Langzeitwirkungen bei Kindern, den Einfluss auf deren Geschmackspräferenzen und die Verbindungen zu Diabetes mellitus, Adipositas, frühen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und dem sich entwickelnden Gehirn untersuchen.

Wieviel Süßungmittel Kinder zu sich nehmen, ist unbekannt

Auch in Deutschland und Europa gibt es bei Kindern nur Daten darüber, wie oft diese künstlich gesüßte Lebensmittel und Getränke konsumieren. Welche Mengen Kinder von den einzelnen Süßungmitteln zu sich nehmen und welche Effekte Langzeitexpositionen auf Geschmacksvorlieben, Appetitregulation und den Energiestoffwechsel haben, darüber existieren auch hierzulande kaum Daten. Der Ruf an Lebensmittelhersteller und Politik nach einem detaillieren Labelling für künstliche gesüßte Produkte wird laut.

Um eine bessere Bewertungsgrundlage zu schaffen, hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ebenfalls begonnen, alle vor 2009 zugelassenen NNS zu analysieren und zu erfassen, wie gut die Datenlage zu dem jeweiligen Süßstoff ist. Bis Ende 2020 soll diese Arbeit beendet sein.

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