Ein Tag auf der Straße

Zahnarzt in Indien (7)

Der Dortmunder Zahnarzt Hans-Joachim Dubau reiste 2016 nach Indien, seinen Job hat er im Gepäck. Hier erzählt er, was er dort erlebt hat – zum Beispiel als Hospitant bei Straßenzahnarzt Lagpad Singh.

Was bisher geschah:

Auf der Suche nach Ruhe

Der Zahnarzt Hans-Joachim Dubau reiste 2016 nach Indien. Hier erzählt er, was er in den Praxen erlebt hat. Aber auch, wie schwierig es ist, abends an der Hotelbar noch ein Bier zu bestellen - und zu trinken.

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Der nächste Morgen startet mit einem ausgiebigen Frühstück. Die Grundlage muss für den ganzen Tag reichen, das zahnmedizinische Programm verspricht interessant, spannend und anstrengend zu werden. Wir sind zum späten Vormittag mit dem Straßenzahnarzt Lagpad Singh verabredet, der seine Decke unter der im Bau befindlichen Stadtbahnbrücke zwischen parkenden Autos ausgebreitet hat.

Im Vorfeld geistern mir ziemlich wilde Gedanken durch den Kopf, jetzt werden sie Wirklichkeit!

Hier darf ich dem "Kollegen" den ganzen Tag lang über die Schulter schauen und in Gesprächen, die von Sanjeev übersetzt werden, die Situation ausloten. Im Vorfeld geistern mir ziemlich wilde Gedanken durch den Kopf, jetzt werden sie Wirklichkeit.

Die Freiluft-Praxis liegt in direkter Nachbarschaft des lokalen Spezialisten für Oberbekleidung. | Dahlhoff

Anmutig und stolz sitzt der Straßenzahnarzt im Schneidersitz auf seiner Decke und wartet auf Patienten. Die Begrüßung fällt herzlich aus, auch Lagpad scheint sich über den fachlichen Austausch mit einem "Kollegen" zu freuen. Im Laufe des Tages kommen wir uns näher, plaudern über wirtschaftliche Zwänge, Probleme beim Eingliedern von Prothesen und heilende Hände. Ich will nicht unhöflich sein, ihn nicht in Verlegenheit bringen, denn beim Anblick seiner Instrumente und Materialien bin ich unangenehm berührt.

Eine schulische oder gar medizinische Ausbildung hat keiner der Straßenzahnärzte in seiner Familie absolviert

Entgegen meiner Annahme scheint es Lagpad überhaupt nicht peinlich zu sein, mit solch einer Ausstattung zu praktizieren. Im Gegenteil. Eher mit Stolz erzählt er vom Geschäft, das er in mittlerweile in dritter Generation vom Vater und Großvater übernommen hat. Eine schulische oder gar medizinische Ausbildung hat keiner von ihnen je absolviert.

Nicht ohne Stolz präsentiert uns der Straßenkollege seine liebevoll gestaltete Visitenkarte. Man dürfe ihn im Notfall jederzeit anrufen, sagt er. | Liebsch

Er berichtet, in seiner Familie gebe es die heilenden Hände, Anästhesien seien unnötig, jeder Zahn könne von ihm ohne Schmerzen extrahiert werden. Auf meinen skeptischen Blick hin fragt er mich ganz erstaunt, ob ich denn etwa Betäubungen nutze, um Zähne zu ziehen und noch mehr erstaunt zeigt er sich, als ich die Frage bejahe.

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich das wirklich sehen will, was wir soeben besprochen haben ...

Nun, ich bin gespannt, denn wir sitzen ja noch immer in der Warteschleife und ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich das wirklich sehen will, was wir soeben besprochen haben.

 

Ein hilfesuchender Patient erscheint. Es erfolgen die symptombezogene Untersuchung und die direkte Behandlung - hygienisch mehr als fragwürdig und fraglich feinfühlend. | Dahlhoff

Im Laufe des Tages setzen sich mehrere Patienten zur Behandlung im Schneidersitz auf die Decke des Straßenzahnarztes. Es kommen keineswegs nur die ärmsten Einwohner Jaipurs. Auch Menschen, die sich mit Sicherheit eine Behandlung unter besseren hygienischen Verhältnissen leisten könnten, finden sich hier ein.

Auch Menschen, die sich etwas Besseres leisten können, finden sich hier ein!

Wir befragen diese Patienten nach ihren Beweggründen und stellen fest: Die meisten von ihnen waren schon des öfteren bei Lagpad und auch zufrieden mit den Behandlungsmaßnahmen, die hauptsächlich aus dem prothetischen Ersatz fehlender Zähne, oder kleineren Reparaturen an vorhandenem Zahnersatz bestanden.

Für den zahnmedizinischen Laien scheint Lagpad eine schnelle und preisgünstige Hilfe zu sein. Eingehende Untersuchungen, prophylaktische Behandlungen, Infektionsschutz und anderes sind Maßnahmen, die in der Bevölkerung Indiens so gut wie unbekannt sind. Es gibt keine Krankenkasse und auch keinerlei medizinische Aufklärung seitens des Staates.

Unterwegs mit Dr. Thakkar
Zurück zu unserer Straßenszene. Der Notfallpatient, bei dem wir die heilenden Hände – die ohne Anästhesie pulpitische Zähne oder abszedierte Geschehen schmerzlos behandeln – hätten beobachten können, ist leider nicht aufgetaucht. Die beobachteten Behandlungen spielten sich also weitgehend unblutig ab. Durch die sich einfindenden Zuschauer und wartenden Patienten entsteht so eine unwirkliche Szenerie, die an ein Kuriositätenkabinett auf dem Jahrmarkt erinnert.

Das ganze Ritual wird mit Räucherkerzenduft untermalt.

Lagpad gibt sein bestes, es wirkt, als zeige er Zauberkünste, indem er mit Prothesenkunststoffen hantiert, Lösungsmittel in klumpiges Pulver einrührt und zur schnelleren Abbindung diese Schälchen unter seinem verlängerten Rücken einige Minuten ruhen lässt. Das alles mit Räucherkerzenduft untermalt und einigen illustren Fahrzeugen mit Passagieren, die am Straßenrand anhalten und neugierig schauen.

Zusammen mit unserem Fahrer Sanjeev verschaffe ich mir einen Überblick über die heutige Dentalausstellung von Lagpad Singh. | Liebsch

Am Ende des Tages bin ich mal wieder geschafft und verwirrt. Mein Verständnis für das Vorhandensein der Straßenzahnärzte ist gewachsen, mein Unverständnis ob der unhygienischen Verhältnisse und Eingliederungen von Zahnersatz in dieser Form (Prothesenzähne mit rosa Kunststoff an Nachbarzähnen befestigt und in Approximalräumen verkeilt) auch. Verurteilen will ich niemanden, denn so lange sich das System nicht ändert und weiterhin keinerlei Aufklärung in der Bevölkerung stattfindet, wird sich diese Zunft weiterhin in dieser Form betätigen.

Der Kollege schlägt mir eine Motorradtour durch die Nacht in Jaipur vor.

Zurück im Hause Thakkar muss ich feststellen, dass meine Vorfreude auf etwas Ruhe ohne irgendwelche Aktivitäten deutlich zu früh aufflammte: Der Kollege schlägt mir eine Motorradtour durch die Nacht in Jaipur vor. Das kann und will ich nicht ablehnen. Es stehen zur Auswahl eine Indian …und eine 500er Indian, ich entscheide mich für die kleine Einzylindermaschine und schon geht es los. Eingewöhnung und Probefahrt auf dem Hof müssen entfallen.

Durch die geöffneten Busfenster prüfen die Vorbeifahrenden das Angebot des Straßenzahnarztes. | Dahlhoff

Ich bemühe mich, hinter der großen Maschine herzufahren. Der Linksverkehr will Aufmerksamkeit, Schaltung und Bremse für den Linksverkehr für mich auf der falschen Seite auch, es wird unübersichtlich. Zum Glück ist nachts auf den Straßen nicht ganz so viel Verkehr.

Der Gesundheitsminister wohnt direkt in der Nachbarschaft!

Auf dem Rückweg hält der Kollege an einem nachbarschaftlichen Anwesen an und erklärt mir, dass dort der Gesundheitsminister von Rajastan wohnt und derselbe auch sein Patient ist. Auf meine flapsige Bemerkung, wir könnten doch morgen mal zum Frühstück bei ihm reinschauen, fragt Balvinder nur: Wann wollen wir? Er organisiere das.

Wir treffen uns gegen Mittag mit dem Team und fahren gemeinsam - diesmal im Hellen - zum Haus des Ministers. Trotz der vielen Sicherheitsmänner werden wir herzlich begrüßt und zu Tisch gebeten. Wir werden ausgiebig über das Filmprojekt befragt und sehr interessiert auch über die allgemeine Zahngesundheit und das Gesundheitssystem in Deutschland. Passend dazu soll ich meine Eindrücke schildern, die in Indien zahnmedizinisch auf mich eingestürzt sind. Die Straßenzahnarztproblematik in Indien ist bekannt und es wird daran gearbeitet, eine Grundversicherung für die gesamte Bevölkerung einzuführen, was sehr schwierig sei.

Ein Elefantenritt, waghalsige Autofahrten, gutes Essen und ein scheußliches Hotelzimmer - meine Zeit in Indien ist ein Abenteuer. Auch die Zahnheilkunde wird hier gänzlich anders praktiziert als bei uns.

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Auch Schulbesuche sollen generalisiert stattfinden, was derzeit nur in Eigeninitiative und auf eigene Kosten dementsprechend fast ausschließlich von finanziell besser gestellten Zahnärzten angeboten wird. Bei dem Thema erzählt Thakkar von seinem Programm am Folgetag, an dem er eine staatliche Schule besuchen will. Wir sind eingeladen und auch schon durch den Kollegen angemeldet.

In den staatlichen Schulen werden die Kinder aus sozial schwächeren Familien unterrichtet. Wer es sich leisten kann, meldet seine Kinder in Schulen privater Träger an. Bevor es am nächsten Tag in die Schule geht, sollten jedoch noch ein paar Überraschungen warten.

Der Kollege Thakkar kennt jeden, so auch den Gesundheitsminister, der in der Nachbarschaft wohnt und Patient bei ihm ist. Über den kurzen Dienstweg werden wir spontan und recht herzlich vom Minister empfangen. Ein spannender und zugleich informativer Besuch, für beide Seiten, denke ich. | Dahlhoff

Auf der Fahrt vom Anwesen des Ministers zurück in die Stadt entwickelt sich ein Gespräch zwischen Sanjeev, unserem Fahrer, und uns über seine Sicht und Handhabung der zahnärztlichen Untersuchungen und Mundhygiene. Wie selbstverständlich erzählt Sanjeev, dass seine Familie und er keine Zahnärzte brauchen, weil die tägliche Reinigung der Zähne mit Zweigen des Niembaums getätigt wird.

Zähneputzen mit Niembaumzweigen? "I will show you!"

Das mache zwar unschöne schwarze Auflagerungen, die jedoch medizinisch unbedenklich seien. Niembaum? Habe ich nie von gehört, frage noch einmal nach und Sanjeev biegt in eine Seitenstraße ab, gefolgt von einem "I will show you". Ich bin gespannt.

Um uns über Alternativen zur herkömmlichen häuslichen Mundhygiene aufzuklären, erklimmt Sanjeev geschickt einen Niembaum. | Dahlhoff

An einem Baum, der Ähnlichkeit mit einer dicken, in die Breite gewachsenen Birke hat, hält unser Fahrer an, springt aus dem auto heraus, klettert einige Meter hoch in die Baumkrone, bricht einen Zweig ab und wirft ihn hinunter. Nach seinem erfolgreichen Abstieg befreit er den Zweig von der Rinde und demonstriert, wie man sich mit diesem so vorbereiteten Ästchen die Zähne schaben kann.

Das Holz schmeckt scharf und bitter. Das muss gesund sein.

Das Holz ist weich und faserig, schmeckt scharf und bitter. Das muss gesund sein. Unsere Aktion bleibt nicht unbeobachtet von einigen Passanten und spielenden Kindern, die sich allesamt um uns scharen und mitdiskutieren wollen.

Von oben wirft einige Zweige herunter und demonstriert den Umgang damit. | Dahlhoff

Allen Versammelten war diese Art der Zahnpflege wohlbekannt und ich habe wieder etwas dazugelernt. Als ich Zuhause nachschlage, finde ich noch einige Informationen über den Niembaum/ Neem-Tree: zwei Arten der Gattung Azadirachta, deren wirkstoffreiche Pflanzenteile in der Medizin und Landwirtschaft Verwendung finden.

Aha - Niem wird auch als Insektizid, Fungizid, Spermizid, Dünger und Futtermittel eingesetzt ...

Diese wirken antibakteriell und antiviral, können als Insektizid, Fungizid, Spermizid, Dünger und Futtermittel eingesetzt werden.

Bitterscharf ist die erste deutliche Geschmackssensation, die auch einige Zeit nach Gebrauch vorherrscht. Das muss gut sein! | Dahlhoff

In der Medizin setzen indische Ärzte seit 2.000 Jahren Niem-Produkte ein gegen Anämie, Bluthochdruck, Hepatitis, Geschwüre, Lepra, Nesselsucht, Schilddrüsenerkrankungen, Verdauungsstörungen und in der Medizin des Ayurveda. Niem wird gegen Kopfläuse und in der Zahn- und Mundhygiene genutzt, soll bei Diabetes mellitus und Tumorerkrankungen helfen und den Cholesterinspiegel senken. Ebenso werden Niemprodukte in Indien seit Jahrhunderten als Spermizid und zur Abtreibung genutzt. Indische Forscher haben die Wirkung dieses Wundermittels angeblich bestätigt.

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