Studie

DMS V: Die Mundgesundheit der Deutschen

Sie gilt schon jetzt als die Bibel der Zahnmedizin: Die Fünfte Deutsche Mundgesundheitssudie (DMS V) ist in Größe und Umfang die wichtigste Untersuchung zur zahnmedizinischen Gesundheit der Deutschen - soeben wurden die Ergebnisse in Berlin erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zwei Jahre lang wurden für die DMS V deutschlandweit mehr als 4.600 Menschen an 90 Standorten sozialwissenschaftlich befragt und zahnmedizinisch untersucht. Heute Vormittag wurden die Daten dann erstmals in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert. zm-nh

Die DMS V wurde heute in Berlin durch das Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ), die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) vorgestellt. zm-nh
„Als bedeutende Wiederholungsuntersuchung gibt die DMS V einen langfristigen Überblick über die Entwicklung oraler Erkrankungen. Sie liefert wissenschaftliche Fundamentaldaten für die Gesundheitsberichterstattung und die evidenzbasierte Versorgungsforschung. Auf Grundlage der Ergebnisse kann die zahnärztliche Versorgung in den kommenden Jahren gezielt weiterentwickelt werden“, sagt Priv.-Doz. Dr. A. Rainer Jordan, Wissenschaftlicher Direktor des IDZ. zm-nh
„Die Studienergebnisse dürfen Patienten und Zahnmediziner stolz machen und belegen, dass die Vorsorge funktioniert und die Bedeutung der Mundgesundheit bei den Patienten steigt. Prävention erreicht aber noch nicht alle Bevölkerungsgruppen in derselben Weise - Menschen mit Pflegebedarf oder in sozial schwierigen Lebenslagen profitieren nicht im gleichen Maße davon wie die Breite der Bevölkerung. Das ist ein Handlungsauftrag für die Zahnärzteschaft. Auch müssen neue Ansätze in der Prävention genutzt werden, um künftig bei allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen Fortschritte in der Mundgesundheit zu erreichen“, erklärte BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel (im Bild mit der Leiterin der BZÄK-Öffentlichkeitsarbeit, Jette Krämer). zm-nh
KZBV-Vorsitzender Dr. Wolfgang Eßer: „Die Mundgesundheit ist so gut wie nie. Für den Berufsstand gilt es, diese Spitzenposition im Interesse unserer Patienten weiter auszubauen. So muss aufgrund des demografischen Wandels die Versorgung noch stärker auf Ältere und Menschen mit Pflegebedarf fokussiert werden. Zugleich sagen wir der Parodontitis mit neuen Konzepten entschlossen den Kampf an! Den Daten zufolge steigt der Behandlungsbedarf dieser stillen Volkskrankheit prognostisch an. Die GKV bildet notwendige Präventionsmaßnahmen aber noch nicht ausreichend ab. Änderungen sind zwingend erforderlich. An dem übergeordneten Ziel, die Mundgesundheit aller Menschen über den gesamten Lebensbogen zu fördern und zu verbessern, halten wir fest. Die DMS V zeigt auf, wie wir dieser Selbstverpflichtung versorgungspolitisch gerecht werden können." zm-nh
Kariesfrei waren 81 Prozent der 12-Jährigen. Die durchschnittliche Karieserfahrung gemessen am DMFT-Index betrug 0,5 Zähne. Zahnfleischentzündungen lagen bei 22 Prozent der untersuchten Kinder vor. Damit verstetigt sich der seit den 1980er-Jahren beobachtete Trend eines robusten und kontinuierlichen Kariesrückgangs bei den Kindern. IDZ
Von Karies waren nahezu alle jüngeren Erwachsenen (35- bis 44-Jährige) betroffen. Ihre durschnittliche Karieserfahrung umfasste 11,2 Zähne. Auch bei den jüngeren Erwachsenen geht die Karies damit nachhaltig zurück, begleitet von einem Rückgang schwerer Parodontalerkrankungen (siehe nächste Abbildung). Dies ist laut DMS V insofern bemerkenswert, weil diese Gruppe die erste Alterskohorte darstellt, der im Kindes- und Jugendalter die Gruppen- und Individualprophylaxe zur Verfügung stand. IDZ
Parodontale Erkrankungen (gemessen an der CDC/AAP-Fallklassifikation: moderate und schwere Parodontitis) lagen bei 52 Prozent der jüngeren Erwachsenen vor. Totaler Zahnverlust kam bei ihnen so gut wie nicht vor. IDZ
Fast alle jüngeren Senioren (65- bis 74-Jährige) wiesen eine Karieserfahrung auf, die im Durchschnitt 17,7 Zähne betraf. Parodontale Erkrankungen lagen bei 65 Prozent vor. IDZ
Totaler Zahnverlust kam bei 12 Prozent der jüngeren Senioren vor. Der Rückgang der Karieserfahrung bei den jüngeren Senioren äußert sich vor allem durch mehr erhaltene Zähne. Diese Abnahme von Zahnverlusten führte auch dazu, dass sich der Anteil zahnloser jüngerer Senioren seit 2005 halbiert hat. IDZ
Auch wenn bei den jüngeren Senioren mehr Zähne erhalten geblieben und somit ebenfalls mehr Zähne einem Parodontitisrisiko ausgesetzt waren, ist auch hier ein Rückgang schwerer Parodontalerkrankungen zu verzeichnen. IDZ
Nahezu alle älteren Senioren (75- bis 100-Jährige) waren von Karies betroffen. Ihre durschnittliche Karieserfahrung betrug 21,6 Zähne. Parodontale Erkrankungen lagen bei 90 Prozent vor. Totaler Zahnverlust kam bei 33 Prozent vor. Auch unter den Pflegebedürftigen wies fast jeder ältere Senior eine Karieserfahrung auf, die im Durchschnitt 24,6 Zähne umfasste. Parodontale Erkrankungen lagen bei 82 Prozent der älteren Senioren mit Pflegebedarf vor, totaler Zahnverlust bei 54 Prozent. Menschen mit Pflegebedarf in dieser Altersgruppe wiesen damit eine vergleichsweise schlechtere Mundgesundheit und einen schlechteren Versorgungszustand auf als ältere Senioren generell. Aus verhaltensmedizinischer Sicht war vor allem der deutlich erhöhte Assistenzbedarf bei der Mundhygiene und bei der Organisation der zahnmedizinischen Versorgung auffällig. IDZ
Das Mundgesundheitsverhalten hat für die Oralprophylaxe auf Bevölkerungsebene eine zentrale Bedeutung. Das Zahnputzmuster nach Häufigkeit, Zeitpunkten und Dauer hat sich im Zeitvergleich erheblich verbessert: Fast jedes zweite Kind und fast jeder dritte jüngere Senior gaben ein gesundheitsförderliches Zahnputzmuster an. Entsprechend ausgeprägt war auch die Selbstwirksamkeitsüberzeugung: Drei von vier Studienteilnehmern gaben an, "sehr viel" oder "viel" für den Erhalt der eigenen Zahngesundheit tun zu können. IDZ

Die bevölkerungsrepräsentative, sozialepidemiologische Querschnittsstudie dokumentiert in vier Altersgruppen die wichtigsten mundgesundheitlichen und versorgungsepidemiologischen Kennziffern setzt sie in relevante soziodemografische und verhaltensbezogene Zusammenhänge setzt - kurz: Die DMS V liefert nicht nur wichtige wissenschaftliche Daten, sondern auch gleich die Schlussfolgerungen, wie die zahnärztliche Versorgung in den kommenden Jahren gezielt weiterentwickelt werden kann. 

Erstmals wurde dabei auch die Mundgesundheit von alten und pflegebedürftigen Patienten untersucht. Neben Karies, Parodontitis, Pflegebedürftigkeit, Alter und sozialen Einflussfaktoren erfasst die Studie damit sämtliche Altersgruppen und sozialen Schichten. Die wichtigsten Kernergebnisse - ausführlicher in der Bildergalerie dargestellt - sind: 

  • 80 Prozent der 12-jährigen Kinder sind heute völlig kariesfrei. 
  • Die Zahl kariesfreier Gebisse hat sich in den Jahren 1997 bis 2014 praktisch verdoppelt. 
  • Nur jeder achte ältere Mensch ist völlig zahnlos, 1997 war das noch jeder vierte.
  • Pflegebedürftige ältere Menschen haben generell jedoch eine höhere Karieserfahrung und weniger eigene Zähne.
  • Die Zahl der Parodontalerkrankungen nimmt ab. Durch die demografische Entwicklung und die Altersabhängigkeit der Erkrankung ist in der Prognose aber mit einem steigenden Behandlungsbedarf zu rechnen. 

Deutschland ist bei der Mundgesundheit weiter führend! 

Die aktuelle Mundgesundheitssituation in Deutschland lässt insgesamt einen deutlich positiven Trend im Hinblick auf die Karieserfahrung wie auch auf die Parodontitiserfahrung erkennen, der in diesem quantitativen Ausmaß "bemerkenswert erscheint", lautet die erste Schlussfolgerung der Autoren.

"Die Mundgesundheit  ist so gut wie nie zuvor und auch im internationalen Vergleich Spitzenklasse!", bestätigt Dr. Wolfgang Eßer, Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV). "Die Daten der DMS V belegen das eindrucksvoll. Für Zahnärztinnen und Zahnärzte gilt es jetzt, diese Position im Interesse unserer Patienten weiter auszubauen."

"Die hervorragenden Werte bei Karies sind ein Beweis, dass die zahnmedizinische Prävention funktioniert", bekräftigt auch Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK). "Kinder profitieren von der Gruppen- und Individualprophylaxe, insbesondere der Fissurenversiegelung und der breiten Verfügbarkeit von Fluoriden in den Zahnpasten."

 Aber: Migranten und Pflegebedürftige bleiben benachteiligt

Allerdings gebe es weiterhin Gruppen, die stärker von oralen Erkrankungen betroffen sind als die Durchschnittsbevölkerung: Pflegebedürftige, insbesondere ältere Senioren mit Pflegebedarf zwischen 75 und 100 Jahren, und auch Menschen in sozial schwierigen Lebenslagen. Sie profitieren nicht im gleichen Maße von den Mundgesundheitserfolgen wie die breite Bevölkerung.

"Deshalb ist es eine gesundheitspolitische, aber auch gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dafür zu sorgen, dass auch diese Gruppen Vorsorgeangebote und Aufklärung besser nutzen können. Diesen Handlungsauftrag nehmen wir Zahnärzte sehr ernst, um zum Beispiel auch Menschen mit Migrationshintergrund besser zu erreichen", erklärt Engel. "Die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse der DMS V zum Mundgesundheitsverhalten und zur Inanspruchnahme der zahnärztlichen Dienstleistungen sind so wichtig, weil die wesentlichen oralen Erkrankungen auch vom eigenen Verhalten abhängen. Genau hier muss der Ausbau der Vorsorge ansetzen."

Und: Die Behandlungsbedarfe bei Parodontitis steigen

Eine weitere Herausforderung: schwere Parodontalerkrankungen. Zwar hat sich ihre Prävalenz bei Erwachsenen seit der DMS IV praktisch halbiert. Gleichzeitig steigt der tatsächliche Behandlungsbedarf aufgrund der demografischen Entwicklung künftig an und der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen bildet notwendige Präventionsmaßnahmen jedoch noch nicht ausreichend ab. "Deshalb benötigen wir eine neue an den Stand der Wissenschaft angepasste Behandlungsstrategie für den Kampf gegen die  Parodontitis", legte Eßer dar. Neben umfangreichen Präventionsmaßnahmen auf allen Ebenen fehle aus wissenschaftlicher Sicht vor allem eine strukturierte Nachsorge - die unterstützende Parodontitistherapie (UPT).

Eßer: "Nur mit der UPT lassen sich Behandlungserfolge auch langfristig sichern. Es ist versorgungspolitisch daher richtig und wichtig, wirksame Anreize zur regelmäßigen Teilnahme an der Nachsorge zu setzen." Aus Sicht der Vertragszahnärzteschaft könnte hier zum Beispiel ein Bonusmodell  greifen - ähnlich wie schon bei der Versorgung mit Zahnersatz. Darüber hinaus müsse das parodontitisspezifische Krankheitsbewusstsein in der Gesellschaft durch flächendeckende Aufklärung jedoch erheblich geschärft werden, denn: "wissenschaftlich erwiesene Zusammenhänge zwischen Parodontitis und schwerwiegenden Allgemeinerkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Problemen seien noch viel zu wenig bekannt".

"Wir stehen im Bereich der Neuausrichtung der Parodontitistherapie sicher erst am Anfang eines Prozesses, der sich über Jahre hinziehen wird", bilanzierte Eßer. "Als Selbstverwaltungskörperschaft sind wir auf die Unterstützung der Politik bei der Ausgestaltung der Versorgung und deren Finanzierung angewiesen. Und wir werden mit den Krankenkassen über eine adäquate Honorierung verhandeln müssen."

Die DMS V: Alles zum Hintergrund

Die Deutschen Mundgesundheitsstudien des IDZ liefern seit 1989 wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse durch repräsentative, bundesweit erhobene Daten. Die Ergebnisse bilden den Grundstein für ein sozialepidemiologisches Monitoring der Mundgesundheit und zahnmedizinischen Versorgung in Deutschland. 

Vor dem Hintergrund einer immer stärker an Evidenz und Qualität ausgerichteten Zahnmedizin ist die DMS V in den kommenden Jahren die wichtigste Grundlage, um die zahnmedizinische Versorgung zu analysieren und zukunftsfest zu machen. Von Oktober 2013 bis Juni 2014 wurden deutschlandweit mehr als 4.600 Menschen an 90 Standorten in Deutschland sozialwissenschaftlich befragt und zahnmedizinisch untersucht. Berücksichtigt wurden neben klinischen Daten auch umfangreiche soziodemografische und verhaltensbezogene Einflüsse.

Weiteres Informationsmaterial zur DMS V finde Sie auf den Websites von BZÄK und KZBV - darunter eine Zusammenfassung der Studie als Broschüre sowie Grafiken, Bildmaterial und Film-Interviews mit Dr. Peter Engel, Dr. Wolfgang Eßer, Dr. A. Rainer Jordan und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Die vollständige Studie  wurde im Deutschen Zahnärzte Verlag veröffentlicht: A. Rainer Jordan, Wolfgang Micheelis (Gesamtbearbeitung), Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V), Herausgeber: Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ), Köln, 2016. ISBN 978-3-7691-0020-4.

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