Leserbrief zur S3-Leitlinie Fissurenversiegelung

"Fissuren sauber halten, aber nicht versiegeln"

Es ist nicht schlimm und man ist ganz bestimmt kein „dummer Kollege“, wenn man nicht in der Schule oder studienbegleitend Latein gelernt hat. Es schadet aber auch nicht, vor allem nicht bei der sinnentnehmenden Lektüre – auch fremdsprachiger – medizinischer Fachliteratur.

Die Bilder dieses un-/versiegelten Molaren sind aus dem zm-Artikel zur S3-Leitlinie „Fissuren- und Grübchenversiegelung“, zm 11/2017, S. 50-54. J.Kühnisch

Leserbrief zum Leserbrief von Michael Zöller zum Leserbrief von Dr. Klehmet: „S3-Leitlinie-Fissurenversiegelung – wo ist der Erfolg?“, zm 15-16/2017, S. 8.

„Einfache Sprache“ gibt es zunehmend auf Behördenwebsites, in der Fachliteratur ist das – bisher – nicht üblich. Wer einen Begriff nicht versteht oder nicht übersetzen kann, kann sich bei Wikipedia oder einer Übersetzungsseite helfen lassen. Das hat sich herumgesprochen, und es markiert keinesfalls den Unterschied zwischen „dumm“ und „schlau“. Herr Zöller hätte sich die Zeit vielleicht besser mit etwas Latein vertrieben als mit der sprachlichen Kritik an einem außergewöhnlichen Artikel. Die freundliche Aufklärung durch Herrn Dr. Klehmet hat insofern sicher nur eine kleine ironische Spitze, danke dafür.

Dumm ist jedoch, wenn man das „Thema Fissurenversiegelung“ für ein „einfaches, allgemeines Thema“ hält. Meiner Meinung nach ist es „dumm“, Fissurenversiegelungen „blind“ bei 6- bis 17-jährigen, und dann auch nur bei 6ern und 7ern (Kasse) oder allen Seitenzähnen (privat) zu machen – Warum eigentlich nicht bei den Schneidezähnen, da gibt es auch Glattflächen (Pos. 2000 GOZ?).– , weil

a) die IPs kassenabrechnungstechnisch außerhalb der Budgets behandelt werden,
b) die Versiegelungen grundsätzlich delegationsfähig sind, da der Zahnarzt ja nicht invasiv tätig werden muss (stimmt das wirklich?)
c) und alles, was mit Prophylaxe zu tun hat, dem Patienten vortäuscht, dass man sich ganz besonders um die Erkrankungsvorbeugung (= Prophylaxe) bemüht.

Fakt ist, dass in der „alten“ Richtlinie ein Fotobeispiel vorher – nachher aufgeführt ist, bei dem der Zahn nicht kariesfrei ist, wie in der Leistungsbeschreibung gefordert, sondern mit allergrößter Wahrscheinlichkeit sogar eine Dentinkaries aufweist. Die alte wie neue Richtlinie und ihre „Evidenz“ beschreibt die tägliche Praxis: Es ist völlig irrelevant, ob der Zahn kariesfrei ist oder nicht, entscheidend ist das Alter des Patienten, ob man Zeit und/oder Lust für eine Kinderbehandlung hat etc. Die von Klehmet beschriebenen zahlreichen defekten, weil inkompletten „Versiegelungen“ ermöglichen regelmäßig den Blick auf mitunter tiefe Kariesdefekte, jedenfalls nicht auf „kariesfreie Fissuren“.

Die Evaluation dieser angeblich kariesprotektiven Therapie würde ein ernüchterndes Ergebnis zeigen. Eine wissenschaftlich begleitete Evaluation würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ergeben, dass man kariesfreie Fissuren sauberhalten, aber nicht „versiegeln“ sollte, da man letztlich nur die Karies versiegeln würde, und wohl nicht einmal das gelingen könnte. Möglicherweise würde eine seriöse Evaluation auch zeigen, dass „abwarten und beobachten“, fluoridieren oder ähnliche symbolische Aktionen teilweise in der Praxis auch nicht zu einer „Remineralisierung“ kariöser Defekte führen. Wir missbrauchen das Vertrauen unserer Patienten, wenn wir ihnen einen derartigen Bullshit für bare Münze verkaufen. Aber wenn es Geld dafür gibt, stellt der Verstand keine Fragen.

Herrn Klehmet ist zu danken für seine Arbeit, die Wert- und Sinnlosigkeit der vorliegenden Leitlinie qualifiziert zu kommentieren und kritisieren. Ich selbst gehöre aus denselben Gründen wie von Klehmet beschrieben zu denen, die keine „Fissuren versiegeln“. Ich versiegele alle(!) Kompositrestaurationen unter Kofferdam, – dafür muss ich allerdings immer selbst in Aktion treten. Und in kariesfreie Fissuren bohre ich weder hinein noch schwäche ich die Schmelzmatrix durch Säuren(!). Wir lügen uns in die Tasche, wenn wir glauben, dass wir unseren Patienten etwas Gutes tun, im Gegenteil: „Primum nil nocere“ – für den des Lateinischen (Genitiv) Unkundigen: „Zu allererst einmal nicht schaden.“ Fissurenversiegelung ist weder einfach noch allgemein! Sie kann nur theoretisch nützen, praktisch aber viel schaden!

Dr. Ulrich Schneider,
Telgte

Das sagen die Kollegen. In jeder Printausgabe der zm finden Sie ein Leserforum, das wir auf dieser Themenseite sukzessive veröffentlichen.

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Philipp Dinkhauser

Philipp Dinkhauser
Es ist doch recht einfach. Wer einen nicht kariesfreien Zahn versiegelt, erfüllt den Straftatbestand der vorsätzlichen Körperverletzung. Neben monetären Forderungen der Geschädigten muss der Verantwortliche die Gesamthaftung für die nächsten 30 Jahre
mehr anzeigen ...
inklusive Endo, Prothetik und ggf. Implantation übernehmen. Jeder, der klar bei Verstand ist, würde dann diese Arbeit an in der Regel mangelhaft ausgebildete Helferinnen weiterleiten. In der Schweiz gibt es die Position erweiterte Fissurenversiegelung, die nach strengen Vorgaben nur durch den Zahnarzt durchgeführt werden. Weiterhin stehen diese Erklärungen schon im Lehrbuch Kinderzahnheilkunde von Prof. Christian Splieth von 2005.

Vor 1 Woche 2 Stunden
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