Leserbrief zum Münsteraner Memorandum

"Im Mittelpunkt steht der Patient als Einzelfall!"

Leser Hans-Kraft Rodenhausen bedauert, dass der Münsteraner Kreis den Gegensatz zwischen Schul- und Alternativmedizin "nicht von höhere Warte aus als zwei Seiten ein und derselben Medaille zu erkennen vermag".

zm-mg

Leserbrief zum Beitrag von Dr. Hans-Werner Bertelsen „Alles gehört auf denselben Prüfstand“, zm 19/2017, S. 16.

Seit fast 40 Jahren bin ich Leser der zm und mehr als 20 Jahre liegt mein letzter Leserbrief zurück. So will ich hier ausnahmsweise mal etwas weiter ausholen:
Mit der Schul- und der Alternativmedizin treffen zwei Glaubensgemeinschaften aufeinander, und von solchen wissen wir, dass deren Verständigung meist daran scheitert, dass jede verkennt, dass sie ihr Außenverhältnis zur jeweils anderen nicht anhand von Dogmen bestimmen kann, die nur in ihrem Inneren gelten. Unfriede ist die Folge. Es gehört eben gerade nicht alles auf denselben Prüfstand nur einer von vielen möglichen Perspektiven auf die Wirklichkeit.

Wie werden die „Standards“ im Sinne des Kollegen Dr. Bertelsen denn gewonnen? Erinnern wir uns mal an unsere Studentenzeit und einen Physiologie-Praktikumstag zurück: Zunächst wird einem Frosch der Kopf abgeschnitten und das Rückenmark ausgebohrt (schon dabei fällt hin und wieder mal ein Student in Ohnmacht …), dann werden die Froschschenkel nebst Ischiasnerv herauspräpariert, um daran eine variable elektrische Spannung anlegen und die entsprechenden Zuckungsausschläge studieren zu können. Wir glauben ganz fest daran, dass die Funktion dieser künstlichen Versuchsanordnung mit der des lebendigen Frosches gleichzu‧setzen sei. Die gewonnenen Messpunkte werden in ein zweidimensionales Koordinatensystem eingetragen.

Und nun kommt der entscheidende und kritikwürdige Punkt, die induktive Methode der galilei-newtonschen Physik: Die endliche Anzahl von Messpunkten wird im Koordinatensystem durch eine unendlich viele Punkte enthaltende Kurve verbunden, deren Stetigkeit unbewiesen vorausgesetzt wird, getreu dem mechanistisch-deterministischen Weltbild des 17. Jahrhunderts „Die Natur macht keine Sprünge“. Falls es (naturgemäß) nicht so genau hinkommt, wird die bloß postulierte Stetigkeit mittels statistischer Methoden „herbeigebügelt“. Das in hohem Maße künstliche Ergebnis einer solchen „Studie“ nennt man dann „evident“.

"Die Quantentheorie lehrt uns seit über 100 Jahren, das die Natur eben doch springt"

Dies nicht nur für einen Ausschnitt, sondern für die ganze Wahrheit zu halten, ist eine Glaubensfrage der im mechanistisch-deterministischen Weltbild des 17. Jahrhunderts wurzelnden Schulmedizin. Dass uns die Quantentheorie seit über 100 Jahren lehrt, dass die Natur eben doch springt, wird dabei ebenso verdrängt wie die dem Quantensprung entsprechende aristotelische Physik mit ihrem umfassenden Bewegungsbegriff im Sinne eines singulär Diskretwerdens aus einem Möglichkeitskontinuum heraus. Das Verstehen der Einzigartigkeit des Einzelfalls geht in der galilei-newtonschen Physik und mithin auch in der Schulmedizin verloren.

Die Kepler‘schen Gesetze beispielsweise beschreiben die Bahnbewegung des Planeten Jupiter im Sinne des auf die reine Ortsveränderung reduzierten aristotelischen Bewegungsbegriffs, sagen also nichts darüber aus, wie der Jupiter mal in seine Bahn hineingekommen ist oder wie er aus dieser mal wieder herauskommen wird und warum es gerade diesen Jupiter in seiner einzigartigen Individualität gibt. Nach der Logik des Münsteraner Kreises wäre der Jupiter als nicht existent zu betrachten, weil der „Standard“ der Kepler‘schen Gesetze abschließend wäre und diese über die Existenz des Jupiter nichts aussagen. Wer behaupten würde, diesen Planeten mit bloßem Auge am Himmel sehen zu können, wäre dann des „Irrsinns“ zu bezichtigen …

Jede wissenschaftliche Theorie ist hilfreich und in sich stimmig, aber keine wissenschaftliche Theorie beschreibt die Welt umfassend und abschließend, denn würde man das kosmische Ganze insgesamt zum Objekt machen, bliebe kein davon trennbares erkennendes Subjekt mehr übrig [vgl. statt vieler Platons Dialog mit Parmenides; C. F. v. Weiz‧säcker, Die Einheit der Natur (1971), IV.5]. Auch in der Medizin geht es darum, dem Einzelfall gerecht zu werden. Evidente Standards sind dabei zwar zweifelsohne sehr hilfreich, aber nicht immer der allein richtige Handlungsmaßstab. Wie wir gesehen haben, schließt die induktive Methode der klassischen Physik von einer diskret-endlichen Anzahl von Versuchsergebnissen auf alle übrigen gleich gelagerten Fälle. Dieser Induktionsschluss ist für sich genommen problematisch. Das hat bereits Goethe so erkannt. Was also für die Fälle x, y und z richtig war, kann für die innerhalb der Studie um der postulierten Stetigkeit willen „hinzugemogelten“ oder die originär neuen Fälle a, b und c grundfalsch sein. Die Verantwortung gegenüber dem individuellen Patienten aber gebietet hier Wachsamkeit und nicht etwa ausschließliche Behandlung nach Evidenzschema F.

"Auch eine Rechtsnorm ist niemals statisch"

Nicht anders ist das mit der Rechtsanwendung vor Gericht. Auch hier geht es immer wieder von neuem um eine dem Einzelfall gerecht werdende Rechtsanwendung. Eine Rechtsnorm ist niemals statisch, sondern aktualisiert ihren Bedeutungsgehalt in jedem einzigartig neuen Anwendungsfall neu [vgl. etwa Ino Augsberg, Die Lesbarkeit des Rechts (2009), VII.]. Herr Kollege Dr. Bertelsen meint, juristisch zähle im Fall eines Streits nur die Aussage eines Gutachters und durch fehlende (medizinische) Standards entstünde ein rechtsfreier Raum. Dabei verkennt er die Funktion des Gerichts.

Dieses ist nämlich von Verfassungs wegen an Gesetz und Recht und nicht an (medizinische) Standards gebunden und entscheidet den Streitfall allein rechtsnormbezogen, während der hinzugezogene Sachverständige nur die Funktion eines Beweismittels im Rahmen der Ermittlung des unter die Rechtsnorm (ergebnisoffen!) zu subsumierenden Sachverhalts hat. Schließlich unterliegen die Ausführungen eines Sachverständigen der freien Beweiswürdigung durch das Gericht (§ 286 ZPO). Keineswegs also gibt ein Gutachter (mit seinen nur allzu oft lehrbuchartigen, an der konkreten Beweisfrage des Gerichts vorbeigehenden Ausführungen) eine richterliche Entscheidung vor.

Sodann spricht Herr Kollege Dr. Bertelsen von „ethischen Grundprinzipien“. Was er damit wohl meint? Etwa ethische „Standards“, die das moralische Einzelfallurteil auf der Stecke lassen? In der normativen Ethik haben wir eine Vielzahl von Ethiktheorien, die wir beispielsweise in Pflichten/Güter/Tugend-Ethiken oder in deontologische/teleologische Ethiken einzuteilen pflegen. Sie dienen alle der Begründung [vgl. Konrad Ott, Moralbegründungen (2005), Kap. 3] moralischer Einzelfallurteile über individuell-konkrete Handlungssituationen und bedürfen – ebenso wie medizinische Standards oder Rechtsnormen – immer wieder von neuem der Aktualisierung am konkreten Anwendungsfall.

"Es gibt eine Vielzahl von Perspektiven auf ein und dieselbe Wirklichkeit"

Wissenschaftstheoretisch lässt sich anhand der Vielzahl von Ethiktheorien im übrigen gut studieren, dass es immer eine Vielzahl von Perspektiven auf ein und dieselbe Wirklichkeit gibt, die abstrakt nicht etwa paarweise in kontradiktatorischem Gegensatz zueinander stehen und sich daher nicht wechselseitig im Sinne der nur einen richtigen Theorie ausschließen. Vielmehr ist in jedem originär neuen einzelnen Anwendungsfall zu prüfen, ob er dem intendierten Anwendungsbereich dieser oder jener Theorie adäquat zugeordnet werden kann [vgl. Konrad Ott, a.a.O.]. Man kann sich also niemals ein für alle Mal, sondern nur immer wieder von neuem und auf den konkreten Fall bezogen beispielsweise zwischen Kants kategorischem Imperativ und dem Utilitarismus oder welcher Ethiktheorie auch immer entscheiden.

Abschließend ist es vor diesen Hintergründen zu bedauern, dass der hochrangig besetzte Münsteraner Kreis offenbar den hier aufgebrochenen Gegensatz zwischen Schul- und Alternativmedizin nicht von einer höheren Warte aus als zwei Seiten ein und derselben Medaille zu erkennen vermag und mit dem Gebrauch der Begrifflichkeit des „Irrsinns“ vorschnell die Ebene der Sachlichkeit verlassen hat.

Hans-Kraft Rodenhausen,
Kiel

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