Interview

Vielleicht klappt's mit Hypnose!

Dr. Gerhard Schütz ist mit einer Zahnärztin verheiratet. Bei den "schwierigen Fällen" kommt er ins Spiel. Der psychologische Psychotherapeut weiß, wie man Patienten behandlungsfähig macht und erklärt im Interview die Chancen und Risiken der Hypnose in der Zahnarztpraxis.

zm-online: Leichte, mittlere oder tiefe Trance: Was bietet sich für die zahnärztliche Behandlung an?

Dr. Gerhard Schütz: Der entscheidende Punkt ist die Behandlungsfähigkeit. Ist diese durch eine leichte Trance gegeben, dann reicht das. Häufig ist das der Fall. Mittlerweile gibt es aber auch Induktionsformen, mit denen man relativ schnell eine mittlere oder tiefe Trance einleiten kann, wenn das nötig ist, um den Patienten behandlungsfähig zu machen.

In der Zahnarztpraxis dominiert die indirekte Methode. Beiläufig, fast unmerklich, wird dabei innerhalb eines Gesprächs ein veränderter Bewusstseinszustand eingeleitet. Was passiert hier genau?

Letztendlich dreht sich alles um die Aufmerksamkeit des Patienten. Die Aufmerksamkeit ist das A und O von jedem kommunikativen Prozess. Wenn der Patient seine Aufmerksamkeit auf mögliche Schmerzen richtet, fühlt er sich im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung schlecht. Und dann sieht er noch den Zahnarzt mit seinen Instrumenten. Folglich sollte die Aufmerksamkeit auf etwas Angenehmes gelenkt und das Aufmerksamkeitsscharnier hypnotisch eingeölt werden.  Das macht man mit hypnotischen Kommunikationsfertigkeiten. Gelingt das, kann man den Patienten behandeln. Ziel ist immer, eine Behandlungsfähigkeit herzustellen.

Über positive Dinge sprechen kann doch jeder. Ab wann ist das Hypnose?

Das verlangt, dass man weiß, wie man genau spricht und welche Worte man benutzt. Die Tonalität ist wichtig. Der Patient muss auf eine bestimmte Weise vorbereitet werden und man muss wissen, wie man den hypnotischen Zustand, den man eingeleitet hat, auch wieder korrekt ausleitet. Das alles muss man lernen. Mittlerweile gibt es tausende Zahnmediziner in Deutschland, die in Hypnose fortgebildet sind.


Anfänge der modernen Hypnose

Ungefähr vor 200 Jahren entstand die modernen Hypnose. Ihre Ursprünge sind mit dem Namen „Mesmer“ verbunden (Franz Anton Mesmer, 1734 bis 1815). Er hat den „Mesmerismus“ entwickelt - das, was man heute Hypnose oder Hypnotherapie nennt. Die damaligen Begriffe haben viel mit der zeitgleich aufblühenden Elektrolehre zu tun und sind ihr teilweise entlehnt, beispielsweise die „Induktion einer Hypnose“. Heute spricht man von der „Einleitung einer Hypnose“.


Welche Rolle spielt die Persönlichkeit des Patienten für den Erfolg der Hypnose?

Es gibt einen Suggestivitätsscore – also ein Maß für die subjektive Empfänglichkeit für Suggestionen. Das ist etwa bei 90 bis 95 Prozent der Patienten gegeben. Die kann man mit unterschiedlichsten Suggestionsformen in einen hypnotischen Zustand überführen. Bei den anderen fünf bis zehn Prozent ist es schwieriger. Diese Menschen können schwer in eine imaginative Welt tauchen, sie können nur schwer innere Bilder sehen. Ihr Hirn arbeitet anders. Die Menschen sind zwar in einen anderen Zustand überführbar, aber dafür braucht man länger. Das ist in der Zahnarztpraxis schwer zu machen.

Betrifft das auch Autisten?

Autisten sind schwer zu behandeln. Sie verstehen diese „als-ob-Welt“ schwerer, weil sie Schwierigkeiten haben, sich in Lebenssituationen einzufühlen. Hier muss man aber aufpassen. Es gibt sehr viele Schattierungen von Autismus. Das Krankheitsbild ist fließend.

Bei einem 'Waldlauf neben Wildschweinen' kann man teilweise ohne chemische Beigaben operieren

Kann man auch Gesundheitsbotschaften in einer Hypnose unterbringen?

Ja. Neben der Behandlungsfähigkeit gibt es noch andere Ziele, die die Hypnose verfolgt. So kann man die Sitzung dahingehend lenken, dass der Patient etwas für seine Gesundheit macht. Man sagt ihm, dass er für seine Gesundheit Sorge tragen sollte, indem er sich mindestens zweimal am Tag die Zähne putzt und auf seine Ernährung achtet. Weil der Patient in einem entspannten hypnotischen Zustand ist, ist er hier empfänglicher für verbale Botschaften. Die haben eine stärkere suggestive Kraft auf den Patienten. Wichtig ist hier aber der fürsorgliche Ton dessen, der spricht.

In der Hypnose wird mittlerweile auch Spannung eingesetzt, richtig?

Normalerweise wird der hypnotische Zustand mit einer Entspannung eingeleitet. Mittlerweile arbeiten wir aber auch gezielt mit Spannung, also mit spannenden Motiven. Weil wir heute wissen, dass alles, was mit Spannung belegt ist, Aufmerksamkeit extrem absorbiert. Unser Dasein ist so aufgebaut, dass wir spannenden Situationen viel Aufmerksamkeit schenken, weil sie theoretisch für uns auch gefährlich sein könnten. Das kann man hypnotisch nutzen, wenn man es richtig beherrscht.

Der Patient wird dann zu einem inneren Abenteuer eingeladen und muss eine Aufgabe verrichten. Ein Motiv kann hier zum Beispiel ein Waldlauf neben Wildschweinen sein oder eine Fahrradtour über eine Ebene zu einer Schutzhütte sein, die der Patient absolviert. Wie nennen das "aktiv-Anästhesie Hypnose". Damit kann man teilweise ohne chemische Beigaben operieren. Zungenoperationen wurden so bereits durchgeführt aber auch Dentalimplantate inseriert.

Und wo liegen die Gefahren der Hypnose in der Zahnarztpraxis?

Prinzipiell ist ein hypnotischer Vorgang immer etwas Unberechenbares. Man weiß nie, was passiert. Der Patient befindet sich in einem relativ schutzlosen Zustand und wird von außen gelenkt. Man muss wissen, wie man einen ungewollten negativen Zustand wieder positiv ausrichten kann. Vor allem muss man wissen, wie man den Patienten am Ende der Behandlung wieder richtig wach macht. Das nennt man Dehypnose. Der Patient, der wieder in den Straßenverkehr geht, muss ja wieder voll wahrnehmungsfähig sein.

Darf denn der Patient  nach der Hypnose Auto fahren?

Es kommt drauf an. War die Behandlung lange beziehungsweise die Hypnose tief, würde ich davon abraten. Wichtig ist, dass der Patient reaktionsfähig ist. Kleine Pupillen deuten etwa darauf hin. Er sollte auch wieder normal sprechen und sich normal bewegen können.

Kann der Behandler das alles allein bewältigen?

Das ist sehr schwierig. Wenn der Zahnarzt eine filigrane, genaue Arbeit machen muss, kann er nicht parallel Sprachhypnotik betreiben. Dafür braucht er beispielsweise eine fortgebildete Helferin oder Assistentin, die ihm genau diese Arbeit abnimmt. Wir haben bestimmt 300 in den letzten Jahren fortgebildet. Die Deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose e.V. (DGZH) bietet über die Regionalstellen Fortbildungen an.

Wie lange dauert denn so eine Hypnose in der Zahnarztpraxis?

Das ist unterschiedlich. Manche Patienten brauchen mehr Vorlauf, andere weniger. Aber auch hier haben wir dazu gelernt.  Zuweilen baut man in einigen Minuten mit einem Patienten ein Vertrauensverhältnis auf und überführt ihn in eine imagine Welt. Das A und O ist, dass der entsprechende Mitarbeiter der Praxis lernen muss, wie er vertrauenswürdig sein kann.

„Hypnose ist gut für Angstpatienten“ heißt es, stimmt das?

Entspannung und Angst sind Antagonisten. Es gibt keine entspannte Angst und keinen ängstlichen Entspannten. Es gibt nur entweder oder.  Wenn es also gelingt die Angst des Patienten in eine leichte Entspannung zu überführen mit Worten, Wohlwollen oder Berührungen, kann der Zahnarzt auch die Angstpatienten leicht hypnotisch behandeln, so dass es den Patienten vielleicht gar nicht auffällt, dass er eine hypnotische Sprache anwendet. Das sind dann aber eher versteckte suggestive Sprachformen, als eindeutige Hypnose. Ablenkungen sind das A und O.

Ich bespreche zum Beispiel mit Angstpatienten ihre Situation und mache dann für sie Aufnahmen auf einem Diktiergerät. Die können sie sich dann vor der Behandlung mehrmals oder auch während der Behandlung anhören und sind dann hypnotisch gestärkt.

Der Patient muss auch seinen eigenen Beitrag leisten. Nur passiv dazusitzen, reicht nicht.

Patienten wünschen eine Sedierung oder Narkose, damit sie keinen Schmerz spüren. Wie verhält sich das bei der Hypnose?

Es kann natürlich sein, dass der Patient Schmerzen spürt. Wir sagen den Patienten nie, dass sie schmerzunempfindlich sein werden. Das ist zu riskant, wenngleich es Patienten gibt, die keinen Schmerz mehr spüren. Wenn der Patient aber doch etwas spürt, ist man einfach nicht mehr glaubwürdig. Gesagt wird dem Patienten, dass mögliche Empfindungen anders erlebt werden. Als Druck oder als Temperaturveränderung. Der Patient muss aber auch seinen eigenen Beitrag leisten. Nur passiv dazusitzen, reicht nicht.

Und was gilt es beim kindlichen Patienten zu beachten?

Erst mit elf, zwölf, vielleicht mit 13 Jahren kann sich der Mensch länger auf innere Bilder konzentrieren. Deswegen geht man bei der Kinderhypnose ganz anders vor. Man benutzt Puppen, Fiktions- oder Rollenspiele, in die sich das Kind eindenken kann.

Funktioniert Hypnose auch beim Senior?

Je eingeschränkter ein Mensch von seiner geistigen Struktur her ist, desto schwerer ist Hypnose zu arrangieren. Die Aufmerksamkeit kann nicht mehr so einfach angesprochen werden. Der Patient denkt vielleicht sprunghaft oder die Kraft fehlt, um die Aufmerksamkeit zu halten. Was recht gut funktioniert ist, dass man im Langzeitgedächtnis positive Erinnerungen sucht, diese aufschließt und wachruft.

DP Dr. Gerhard Schütz referiert auf zahnärztlichen Fortbildungen und praktiziert in Berlin-Lichterfelde in einer Gemeinschaftspraxis. Er ist Autor, Ausbilder und Supervisor der Deutschen Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose (DGZH) e.V.

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