Stellungnahme der AWMF

Fake Science in der Medizin

Raubverlage, Pseudojournale und Pseudokongresse sind auch in der Medizin ein Problem. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) fordert härtere Standards.

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"Immer mehr - auch deutsche - Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler publizieren in scheinwissenschaftlichen Zeitschriften" lautet das Ergebnis einer aktuellen Recherche von NDR, WDR und dem SZ Magazin mit weiteren nationalen und internationalen Medien.

"Dort kann praktisch jeder veröffentlichen, was er wil!"

"Demnach haben mehr als 5.000 Forscherinnen und Forscher deutscher Hochschulen, Institute und Bundesbehörden oft mit öffentlichen Geldern finanzierte Beiträge in wertlosen Online-Fachzeitschriften scheinwissenschaftlicher Verlage veröffentlicht", meldet tagesschau.de. "Diese beachten die grundlegende Regeln der wissenschaftlichen Qualitätssicherung nicht. Dort kann praktisch jeder veröffentlichen, was er will - ob er Wissenschaftler ist oder nicht, ob die Forschungsergebnisse stimmen und nachvollziehbar sind oder nicht." Weltweit seien den Recherchen zufolge 400.000 Forscher betroffen.

'Raubverlage', 'Pseudojournale' und 'Pseudokongresse' - auch in der Medizin

Die Verbreitung von Pseudowissen habe eine "neue Dimension" erreicht, bestätigt nun auch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF). Grund sei die "zunehmende Ausbreitung einer akademischen Scheinwelt, getrieben durch 'Raubverlage', 'Pseudojournale' und 'Pseudokongresse', die Wissenschaftlichkeit vorgeben, jedoch die Grundprinzipien der Wissenschaftlichkeit zugunsten rein wirtschaftlicher Interessen fundamental missachten", betont die AWMF.

Laut Rechercheteam habe sich die Zahl der Publikationen bei fünf der bekanntesten pseudowissenschaftlichen Verlagen seit 2013 weltweit verdreifacht, in Deutschland gar verfünffacht.

Der Markt für die Verbreitung solcher Publikationen breite sich damit "anscheinend ungehindert" aus, warnt die AWMF - und wertet dies als "eine reale Bedrohung für die Durchdringung von Wissen aus der seriösen Wissenschaft in die Öffentlichkeit und, in Konsequenz, eine Bedrohung für die Gesundheit von Patienten und Bürgern".

Ein Gegenmittel: die evidenzbasierte Medizin

Laut AWMF seien Gegenmittel gegen Fake Science das Paradigma der evidenzbasierten Medizin, internationale Initiativen zur Förderung der Qualität medizinischer Forschung, Leitlinien als qualitätsgesicherte Information sowie die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung.

Die AWMF ruft daher zu mehr Problembewusstsein auf: "Die medizinische Wissenschaft muss sich verstärkt für die Prävention, Identifikation und Kennzeichnung von wertloser, eindeutig interessengeleiteter oder pseudowissenschaftlicher Forschung einsetzen, um nachteilige Folgen für die medizinische Versorgung und für individuelle Patienten zu verhindern", fordert  AWMF-Präsident Prof. Dr. med. Rolf Kreienberg.

Instrumente: zum Beispiel peer review und  - m. E. - open access

Geeignete Instrumente seien die obligate Registrierung klinischer Studien, die Transparenz von Interessenkonflikten, Regeln für transparente Publikationsprozesse einschließlich eines definierten Begutachtungsver­fahrens („peer review“) sowie die kostenfreie Verfügbarkeit wissenschaftlich hochwertiger Publikationen („open access“). 

Gerade die "grundsätzlich zu begrüßende open access-Bewegung" habe in den letzten Jahren aber auch zu den gravierenden Fehlentwicklungen beigetragen, betont die AWMF. 

Zum Hintergrund: Im open access-Modell müssen die Autoren eine Gebühr für die Produktionskosten ihrer Publikationen entrichten, da die Verlage keine Einnahmen daraus zu erwarten haben. Das heißt aber auch, Verlage nehmen umso mehr Geld ein, je mehr Publikationen sie akzeptieren und je geringer sie die Kosten halten.

"Mit wohlklingenden Titeln täuschen die Verlage Seriosität vor und werben in Massen-E-Mails mit dem Versprechen rascher und unkomplizierter Manuskriptbearbeitung um Wissenschaftler", erläutert Prof. Dr. med. Christoph Herrmann-Lingen, Vorsitzender der Kommission Forschung und Lehre der AWMF.

"Die Manuskripte werden dann ohne ausreichende Qualitätskontrolle gegen Zahlung einer durch die so erzielte Einsparung von Produktionskosten oft vergleichsweise niedrigen Gebühr veröffentlicht." Der Druck, vor allem viel zu publizieren, der auf Wissenschaftlern laste, könne dann womöglich auch zu "explizitem wissen­schaftlichem Fehlverhalten" bis hin zur "Publikation gefälschter Ergebnisse" verleiten.

"publish or perish" - publizieren oder untergehen

Die AWMF fordert daher die konsequente Prüfung der Einhaltung international konsentierter Gütekriterien medizinischer Forschung. Nach den Empfehlungen der AWMF sollten nur solche Publikationen als Qualitätsnachweis anerkannt werden, die in Publikationsorganen erscheinen, die entweder in etablierten Verzeichnissen seriöser Fachzeitschriften gelistet oder von wissenschaftlichen Fachgesellschaften auf der Basis transparenter Kriterien als qualitätsgesicherte Publikationsorgane im jeweiligen Fachgebiet anerkannt sind.

Ergänzend fordert die AWMF die systematische Verankerung von Kenntnissen der evidenzbasierten Medizin in der medizinischen Aus- und Weiterbildung sowie die Förderung von Gesundheitsbildung in der Bevölkerung – beginnend bereits in der Schule.

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) bündelt die Interessen der medizinischen Wissenschaft und trägt sie verstärkt nach außen. Sie handelt dabei im Auftrag ihrer 178 medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Die AWMF ist zudem Ansprechpartner für gesundheitspolitische Entscheidungsträger, wie den Gemeinsamen Bundesausschuss, und koordiniert die Entwicklung und Aktualisierung medizinisch wissenschaftlicher Leitlinien in Deutschland.

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