Pandemie-Positionspapier

KBV und Virologen gegen Lockdown

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) präsentierte heute zusammen mit Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit ein neues Positionspapier. Ihre Forderung: Kein Lockdown, dafür verstärkter Schutz vulnerabler Gruppen und Einhaltung der AHA+A+L-Regeln.

Während Angela Merkel einen temporären Lockdown durchsetzen will, setzt die KBV auf Gebote statt Verbote. Zahlreiche Verbände unterzeichneten das Papier zm_YouTube_KBV

„Alle Gruppen sind herzlich eingeladen, damit die Unsicherheit kleiner wird. Wir haben alle nicht die einzige Lösung“, sagte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen auf der Online-Pressekonferenz der KBV. Deshalb setzen die Initiatoren jetzt darauf, dass Wissen künftig gebündelt und laufend aktualisiert wird. „Wir verstehen das heute als Auftakt und möchten die Diskussion weiterführen.“ Die Experten setzen auf Gebote anstelle von Verboten und auf Eigenverantwortung anstelle von Bevormundung. Auch die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) unterstützt das Positionspapier.

Zusammenfassung der Kernthesen

  1. Abkehr von der Eindämmung alleine durch Kontaktpersonennachverfolgung.
  2. Einführung eines bundesweit einheitlichen Ampelsystems anhand dessen sowohl auf Bundes- als auch auf Kreisebene die aktuelle Lage auf einen Blick erkennbar wird.
  3. Fokussierung der Ressourcen auf den spezifischen Schutz der Bevölkerungs-
    gruppen, die ein hohes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben.
  4. Gebotskultur an erste Stelle in die Risikokommunikation setzen.

Gassen äußert Zweifel an den aktuellen Plänen der Bundesregierung, die heute in Berlin über weitere Lockdown-Maßnahmen berät: „Ob der Lockdown allein selig macht – da sind zumindest Zweifel angemeldet.“

AHA + A + L reicht

Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, erklärte: „Die Einhaltung der AHA + A + L Regelung  - Abstand, Hygiene, Alltagsmaske plus regelmäßiges Lüften und der Einsatz der Corona-WarnApp - sind unserer Meinung nach ausreichend.“ Es gehe jetzt um „umsetzbare und verständliche Maßnahmen“, betonte Schmidt-Chanasit.

Menschen, die dies noch nicht verstanden hätten, etwa Bürger, die nicht gut Deutsch sprechen, müssten Aufklärung erhalten. „Das können die Amtsärzte nicht allein leisten, das hätte man schon im März machen müssen, wie viele andere Länder auch.“

Vier Punkte, die jetzt helfen sollen

Im Positionspapier „Gemeinsame Position von Wissenschaft und Ärzteschaft - Evidenz- und Erfahrungsgewinn im weiteren Management der COVID 19-Pandemie berücksichtigen“ haben sie die vier wichtigsten Punkte aufgelistet.

Der erste Punkt: Abkehr von der Eindämmung alleine durch Kontaktpersonennachverfolgung. Punkt 2 sieht die „Einführung eines bundesweit einheitlichen Ampelsystems“ vor, „anhanddessen sowohl auf Bundes- als auch auf Kreisebene die aktuelle Lage auf einen Blick erkennbar wird“.

Punkt 3: Fokussierung der Ressourcen auf den spezifischen Schutz der Bevölkerungsgruppen, die ein hohes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben. In Punkt vier fordern Ärzte und Wissenschaftler, eine „Gebotskultur an erste Stelle in die Risikokommunikation zu setzen“.

Das Prinzip Gießkanne funktioniert nicht

Der Virologe Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie der Universität Bonn, zieht Bilanz: „Es ist bisher nicht gelungen, vulnerable Gruppen ausreichend zu schützen.“ Das müsse nun schnell geschehen. Die Experten denken dabei an ältere Menschen, die zu Hause leben und Besuch empfangen möchten. „Die brauchen FFP2-Masken.“ Und im Idealfall auch Schnelltests für zu Hause.

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie, so die Initiatoren, befände man sich nicht im Sprint-Modus, sondern im Marathon. Das bedeute, dass niemand hoffen solle, dass das Virus schnell verschwinden wird. Gassen zu den bisherigen und geplanten Maßnahmen: „Das Prinzip Gießkanne funktioniert nicht. Die Unterstützung der Bevölkerung schwindet. Eine pauschale Lockdown-Maßnahme ist weder zielführend noch umsetzbar. Wir brauchen ein gesundes Maß an Einschränkungen.“ Die Initiatoren sind sicher, dass das Virus noch einige Jahre Teil unseres Lebens bleiben wird, auch wenn ein Impfstoff verfügbar sein wird.

Das Positionspapier ist nicht in Stein gemeißelt

Gassen: „Im Grund hat keiner von uns die Lösung, wie man mit der Pandemie umgeht. Unser Positionspapier ist nicht in Stein gemeißelt, es soll weiterentwickelt werden.“ Schmidt-Chanasit: „Es ist normal in einem Pandemiegeschehen, dass irgendwann die Infektionsketten nicht mehr nachvollziehbar sind, es geht dann nur noch um die Abmilderung.“

So zu tun, als wäre zu Weihnachten alles gut, wenn sich alle in den kommenden Wochen am Riemen reißen, halten die Initiatoren für falsch. Das Virus werde uns nicht nur diese Weihnachten, sondern auch Weihnachten 2021 beschäftigen.

Aus dem Positionspapier

"Wieder auf Lockdowns zu setzen, könnte - in der Hoffnung Infektionszahlen zu senken - die reflexartige Konsequenz darauf sein. Aber wir haben in den Monaten der Pandemie deutlich dazugelernt. Der Rückgang der Fallzahlen ist politisch zwar eine dringende Aufgabe, aber nicht um jeden Preis. Wir erleben bereits die Unterlassung anderer dringlicher medizinischer Behandlungen, ernstzunehmende Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen durch soziale Deprivation und Brüche in Bildungs- und Berufsausbildungsgängen, den Niedergang ganzer Wirtschaftszweige, vieler kultureller Einrichtungen und eine zunehmende soziale Schieflage als Folge.

Wir berufen uns auf das grundlegende medizinisch-ethische Prinzip des ärztlichen Handelns: „primum nihil nocere“ („erstens nicht schaden“). Dieser Grundsatz auf die momentane Situation angewendet bedeutet, die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie so zu wählen, dass wir schwere Verläufe wirksam mindern, ohne neue Schäden zu verursachen.

Dabei sind wir auf die Bereitschaft der Bevölkerung zur Mitarbeit angewiesen. Ohne ihre Kooperation laufen die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ins Leere. "

Die Initiatoren befürworten die:

  1. Anwendung der AHA + A + L Regelung (Abstand/Hygiene/Alltagsmaske + App + regelmäßiges Lüften) zur Eindämmung der Ausbreitung.
  2. Priorisierung der Kontaktpersonennachverfolgung nach den Kriterien:
  3. Bezug zu medizinisch/pflegerischen Einrichtungen,
  4. Teilnahme der Kontaktperson an potenziellen „Super-Spreader-Events“,
  5. Nutzung der Corona-Warn-App.

Es sei für die Unterzeichner unstrittig, "dass der Fokus im weiteren Verlauf der Pandemie auf dem Schutz von Risikogruppen liegen muss. Gleichwohl müssen wir darüber nachdenken, wie eine Isolation ganzer Bevölkerungsgruppen gegen den eigenen Willen verhindert werden kann". Aus ihrer Sicht wurde es über die Sommermonate versäumt, analog zu den Konzepten der Arztpraxen maßgeschneiderte und allgemeingültige Präventionskonzepte für vulnerable Gruppen zu entwickeln.

Für den Schutz von Risikogruppen seien folgende Maßnahmen erforderlich:

  • Besucher in Seniorenheimen, Pflegeheimen und Krankenhäusern erhalten in einem „Schleusen“-Modell nur nach negativem Antigen-Schnelltest Zutritt.
  • Das  ärztliche und pflegerische Personal sowie das  Reinigungspersonal werden regelmäßig getestet.
  • Das ärztliche und pflegerische Personal sowie das Reinigungspersonal und auch die Besucher tragen beim Kontakt mit den Patienten/Bewohnern FFP2-Masken.
  • Der Aufbau und die Unterstützung von Nachbarschaftshilfen für Personen, die der Risikogruppe angehören, aber zu Hause leben, wird durch Städte, Kreise und Kommunen etabliert. Personen, die sich selbst isolieren, sollen dabei unterstützt werden. Gleichzeitig muss ihre medizinische Versorgung gewährleistet werden.

  •  Beteiligte
    Kassenärztliche Bundesvereinigung,
    Prof. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie der Universität Bonn
    Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg
  • Unterstützer:
    Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. (AeDA)
    Berufsverband der Coloproktologen Deutschlands e.V. (BCD)
    Berufsverband der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC)
    Berufsverband der Deutschen Dermatologen e.V. (BVDD)
    Berufsverband der Deutschen Hämostaseologen e.V. (BDDH e.V)
    Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ)
    Berufsverband der niedergelassenen Kinderchirurgen Deutschlands e.V. (BNKD)
    Bundesverband der Niedergelassenen Diabetologen in Deutschland (BVND) Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK)
    Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
    Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) Deutsche PsychotherapeutenVereinigung e.V. (DPtV)
    Deutscher Hausärzteverband e.V.
    Interessengemeinschaft Medizin (IG Med e.V.)
    Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV)
    NAV-Virchow-Bund, Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e.V. (NAV)
    Spitzenverband Fachärzte Deutschlands e.V., dieser vertritt:
    Akkreditierte Labore in der Medizin e.V. (ALM)
    Bundesverband Ambulantes Operieren e.V. (BAO)
    Berufsverband Deutscher Anästhesisten e.V. (BDA)
    Bundesverband der Belegärzte e.V. (BdB)
    Berufsverband Deutscher Internisten e.V. (BDI)
    Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner e.V. (BDNukl)
    Berufsverband Deutscher Neurochirurgen e.V. (BDNC)
    Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner e.V. (BdP)
    Bundesverband Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (BDPM)
    Berufsverband Deutscher Rheumatologen e.V. (BDRh)
    Berufsverband Niedergelassener Chirurgen e.V. (BNC)
    Berufsverband Niedergelassener Gastroenterologen Deutschlands e.V. (BNG)
    Berufsverband Niedergelassener Gynäkologischer Onkologen in Deutschland e.V. (BNGO)
    Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland e.V. (BNHO)
    Bundesverband Niedergelassener Kardiologen e.V. (BNK)
    Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands e. V. (BRZ)
    Deutscher Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte e.V. (BV HNO)
    Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA)
    Berufsverband der Deutschen Dermatologen e.V. (BVDD)
    Berufsverband der Deutschen Urologen e.V. (BvDU)
    Berufsverband Deutscher Humangenetiker e.V. (BVDH)
    Berufsverband der Frauenärzte e.V. (BVF)
    Bundesverband Niedergelassener Diabetologen e.V. (BVND)
    Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (BVOU)
    Berufsverband der Ärzte für Physikalische und Rehabilitative Medizin e.V. (BVPRM)
    Deutscher Berufsverband der Fachärzte für Phoniatrie und Pädaudiologie e.V. (DBVPP)
    Deutscher Facharztverband e.V. (DFV)
    Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer-und Gesichtschirurgie e.V. (DGMKG)
    Deutsche Gesellschaft der plastischen, rekonstruktiven und ästhetischen Chirurgen e.V. (DGPRÄG)
    Spitzenverband ZNS (SPiZ), dieser vertritt:
    Berufsverband ärztlicher Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker in der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT)
    Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Deutschlands (BPM)
    Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN)
    Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN)
    Berufsverband Deutscher Psychiater (BVDP)
    Berufsverband für Kinder- und Jugendlichen-Psychiatrie und -Psychotherapie (BKJPP)
    Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V.
  • Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI)

Das neu identifizierte Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht die "Corona virus disease 2019" (Covid-19) und ist Auslöser der COVID-19-Pandemie.

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