Studie des RWI - Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung

Privatpatienten erhalten schneller einen Termin beim Facharzt

Eine Studie sieht den Verdacht bestätigt, dass Privatpatienten schneller Arzttermine erhalten als gesetzlich Versicherte. Die Daten wurden vor Einführung des Terminservice- und Versorgungsgesetzes erhoben.

Für die Studie fragte eine Testperson einem standardisierten Protokoll folgend telefonisch Termine für Allergietests, Hörtests und Magenspiegelungen in ganz Deutschland an. Jede Praxis wurde im Abstand von einigen Wochen zweimal von der selben Testperson angerufen. AdobeStock_sodawhiskey

Deutlich schneller als GKV-Patienten erhalten Privatversicherte einen Termin beim Facharzt. Das ergab eine neue Studie des RWI und der Cornell University. Ziel war es, den in der Öffentlichkeit oft gefühlten Verdacht mit wissenschaftlichen Zahlen zu untermauern.

Im Rahmen eines Feldexperiments fragte eine Testperson Termine bei 991 Facharztpraxen in 36 Regionen Deutschlands in einem Kalenderjahr an. Das Ergebnis: Die Praxen boten den Privatversicherten mit einer statistisch signifikant höheren Wahrscheinlichkeit einen Termin an. Wenn ein Termin angeboten wurde, mussten gesetzlich Versicherte im Durchschnitt mehr als doppelt so lang darauf warten wie Privatpatienten.

Für die Studie fragte eine Testperson einem standardisierten Protokoll folgend telefonisch Termine für Allergietests, Hörtests und Magenspiegelungen in ganz Deutschland an. Jede Praxis wurde im Abstand von einigen Wochen zweimal von der gleichen Testperson angerufen. Der zufällig zugewiesene Versicherungsstatus wurde dabei immer genannt. Das Feldexperiment fand zwischen April 2017 und Mai 2018 statt. Die Kernergebnisse:

  • 85 Prozent aller Testpatienten bekamen einen konkreten Termin angeboten. Die Wahrscheinlichkeit, einen Termin zu erhalten, war bei Privatversicherten jedoch sieben Prozent höher als bei gesetzlich Versicherten.
  • Wenn ein Termin angeboten wurde, mussten gesetzlich Versicherte im Durchschnitt 25 Tage darauf warten, bei Privatversicherten betrug die Wartezeit nur 12 Tage.
  • Bei Magenspiegelungen und Allergietests, bei denen die Vergütungsunterschiede zwischen Privat- und gesetzlich Versicherten am größten sind, war die Differenz in der Wartezeit besonders groß.
  • Auch für einen Hörtest, bei dem die die Preisunterschiede zwischen privaten und gesetzlichen Behandlungen deutlich geringer sind, erhielten Privatversicherte schneller einen Termin, der Unterschied war jedoch viel geringer.
  • In der Frage, ob überhaupt ein Termin angeboten wurde, bestand nur bei Magenspiegelungen und Allergietests ein signifikanter Unterschied. Für einen Hörtest bekamen alle Patienten gleich häufig einen Termin angeboten.

Laut der Studie ist auch die Ungleichbehandlung bei den Wartezeiten in Städten und Kreisen mit hoher Bevölkerungsdichte tendenziell größer als in ländlichen Kreisen. Zudem scheinen die Unterschiede in Ostdeutschland etwas geringer zu sein als in Westdeutschland.

Höhere Vergütung ist der Hauptgrund für die Bevorzugung

„Unsere Studie bestätigt den Verdacht, dass Privatpatienten von vielen Fachärzten bevorzugt werden“, erklärte RWI-Gesundheitsökonom Ansgar Wübker, einer der Autoren der Studie, in einer Pressemitteilung. „Die Ergebnisse legen nahe, dass die höhere Vergütung der Hauptgrund für die Bevorzugung von Privatversicherten ist.“ Co-Autorin Anna Werbeck (RWI) ergänzte: „Solange die großen Unterschiede in den Erstattungssätzen bestehen, haben Fachärzte einen Anreiz, Privatpatienten bei der Terminvergabe vorzuziehen.“

Die Befragung der RWI-Studie wurde noch vor Inkrafttreten des Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) von 2019 durchgeführt, worauf die Autoren auch hinweisen. Ziel des TSVG ist es, Unterschiede bei den Wartezeiten zu minimieren. Kern des Gesetzes ist der Ausbau der Terminservicestellen zu zentralen Anlaufstellen für Patienten, die 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche erreichbar sind. Parallel dazu wurde das Mindestsprechstundenangebot der Vertragsärzte erhöht.

Zur Studie:

Die Testpersonen folgten einem strikten Protokoll und gaben während des Telefonats zur Terminvergabe ihren Versichertenstatus bekannt. Sie riefen insgesamt zweimal innerhalb eines Jahres bei der Praxis an, einmal als vermeintlicher Privatpatient und einmal als GKV-Patient. Beide Male baten sie um eine nicht-dringliche medizinische Behandlung.

Die Wissenschaftler dokumentierten im Fazit ihrer Studie, dass in Deutschland strukturelle Ungleichheiten bei Erstattungsregeln auch strukturelle Ungleichheiten im Zugang zur Gesundheitsversorgung nach sich ziehen. Es gebe höhere Zugangsbarrieren für nicht so profitable Patienten. GKV-Patienten müssten im Durchschnitt 13 Tage länger auf den Termin warten als Privatpatienten.

Hauptziel der Studie war es, die Unterschiede bei der Terminvergabe herauszuarbeiten – nicht deren Effekte auf die Gesundheit der entsprechenden Patienten.

Anna Werbeck, Ansgar Wübker und Nicolas R. Ziebarth, “Cream Skimming by Health Care Providers and Inequality in Health Care Access: Evidence From a Randomized Field Experiment”, Ruhr Economic Paper #846, https://www.rwi-essen.de/publikationen/ruhr-economic-papers/1068/

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