Umstrittene Studie

Budgetbegrenzung führt zu weniger Arztterminen am Quartalsende

Eine Studie aus Hamburg schlägt Wogen: Patienten, die am Quartalsende zum Arzt gehen wollen, warten demzufolge oft länger auf einen Termin, weil die Mediziner aufgrund der Budgetierung ihre Leistungen einschränken.

Ärzte erbringen zum Quartalsende seltener Leistungen, die über Pauschalen und Globalbudgets vergütet werden. Einer Studie zufolge nehmen sie dann weniger gesetzlich versicherte Patienten für einen Routinetermin an. Fotolia_Robert Kneschke

Die kürzlich veröffentlichte Untersuchung des Hamburg Center for Health Economics (HCHE) auf Grundlage von Daten der Techniker Krankenkasse (TK) aus den Jahren 2013 und 2014 kommt zu dem Ergebnis, dass Ärzte zum Quartalsende seltener Leistungen erbringen, die über Pauschalen und Globalbudgets vergütet werden. Stattdessen konzentrieren sie sich häufiger auf Leistungen, die nicht den Mengenbegrenzungen durch Regelleistungsvolumina unterliegen, wie Impfungen, Vorsorge und ambulante Operationen.

 


Binsenweisheiten in unwissenschaftlichem Gewand

„Die Studie verschleiert die wahren Probleme im Gesundheitswesen, weil sie nicht wissenschaftlich genug und von zu wenig Systemkenntnis getragen ist“, kritisiert Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes.

Dass gegen Ende des Quartals viele niedergelassene Ärzte aufgrund der Budgetierung weniger Termine vergeben können, ist laut Heinrich seit Jahren bekannt. „Das hat nichts mit Schlechterstellung von gesetzlich Versicherten zu tun, sondern damit, dass Arztpraxen wirtschaftlich arbeiten müssen. Wenn am Quartalsende die Einnahmen sinken, müssen sie auch die Kosten senken – sprich: die Sprechzeiten einschränken. Das kann im Übrigen auch nicht, wie fälschlicherweise immer angenommen wird, durch Privatpatienten kompensiert werden.“

Insofern leistet die Studie für Heinrich keinen nennenswerten Erkenntnisgewinn. Zudem sei die Untersuchung nicht repräsentativ angelegt und sie ignoriere wichtige Effekte, etwa, dass Facharzttermine auf Überweisung gegen Quartalsende zurückgehen, weil dann auch die überweisenden Hausärzte weniger Termine anbieten können. Die einzige richtige „Therapie“ aus Sicht der niedergelassenen Ärzte sei, die Budgetierung aufzuheben.


„Das ambulante Vergütungssystem führt dazu, dass weniger Behandlungen am Quartalsende stattfinden und es einen sprunghaften Anstieg am Quartalsanfang gibt“, erklärt Prof. Mathias Kifmann vom HCHE. Der Anstieg ist drei bis vier Wochen vor Quartalsende mit 19 Prozentpunkten am größten, was sich möglicherweise durch die Verlagerung von Terminen ins nächste Quartal erklären lässt. In den letzten zwei Wochen vor Quartalsende flacht sich der Anstieg ab auf knapp 11 Prozentpunkte.

Der Bereitschaftsdienst - für viele Patienten die Alternative

Die Folge: Wer am Quartalsende keinen Termin beim niedergelassenen Arzt bekommt, geht unter Umständen zum ärztlichen Bereitschaftsdienst. „Wenn Patienten sehr lange auf einen Termin warten müssen, suchen sie offenbar nach Alternativen“, sagt Kifmann. Allerdings findet sich für die Notaufnahmen in Kliniken kein solcher Effekt.

Größere Arztpraxen oder Praxisgemeinschaften – insbesondere wenn mehrere Fachrichtungen vertreten sind – reagieren weniger stark auf die Auswirkungen der Globalbudgets. „In der Gemeinschaft können Ausfälle oder Schwankungen bei den Leistungserstattungen eher kompensiert werden“, erklärt Kifmann.

Bei Hautärzten, Augenärzten und Gynäkologen ist der Effekt am größten

Alle Leistungen der niedergelassenen Ärzte, die durch Globalbudgets vergütet werden – das sind je nach Fachrichtung zwischen 50 und 90 Prozent – werden nur so lange voll erstattet, bis die Regelleistungsvolumina oder andere mengenbegrenzende Regelungen auf Arztebene pro Quartal ausgeschöpft sind. Wenn Ärzte darüber hinaus behandeln, erhalten sie nur noch eine geringere Erstattung. Das führt dazu, dass Leistungen aus dem Globalbudget vielfach in den letzten vier Wochen eines Quartals reduziert werden, und zwar über alle Fachrichtungen hinweg. Der deutlichste Effekt zeigt sich demnach bei Hautärzten, Augenärzten und Gynäkologen.

Hautärzte und Augenärzte reduzierten ihre Termine der Studie zufolge alle drei Monate um rund 14 Prozent, Orthopäden und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte um knapp zehn Prozent. Auch Hausärzte schränken alle drei Monate ihre Praxistätigkeit ein. Mehr als 86 Prozent der Untersuchungen, die sie anbieten dürfen, unterliegen einem begrenzten Budget. Am Anfang jedes neuen Quartals stiegen laut Untersuchung die Termine in den Hausarztpraxen wieder um durchschnittlich mehr als sieben Prozentpunkte an.

Für Behandlungen, die unabhängig von Pauschalen und Globalbudgets abgerechnet werden, konnten die Wissenschaftler dagegen über alle Fachrichtungen hinweg keine quartalsbedingten Effekte feststellen. Eine Ausnahme bilden Allgemeinmediziner, bei denen ähnliche Reduzierungen bei allen Leistungen festgestellt wurden. Die Wissenschaftler gehen daher davon aus, dass Hausärzte ihre Praxistätigkeit zum Ende des Quartals einschränken.

Das HCHE arbeitete für die Studie mit dem Wissenschaftlichen Institut der Techniker Krankenkasse (TK) für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG) zusammen und nutzte Daten der TK, die rund zehn Millionen Menschen in Deutschland versichert. Für die nicht repräsentative Untersuchung werteten die Autoren ambulante Abrechnungsdaten aus den Jahren 2013 und 2014 aus. Untersucht wurden die 30 am häufigsten abgerechneten Gebührenpositionen in den analysierten Fachrichtungen.

Ambulatory Care at the End of a Billing Period; Konrad Himmel, Udo Schneider, erschienen als HCHE Research Paper Nr. 14.

11446761142196114219711421981144677 1144678 1142201
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare