Unstrukturiert, ungenau, fehlerhaft

Selbst Hausärzte verstehen die Arztbriefe oft nicht

Klinische Entlassungsbriefe sind häufig unstrukturiert, fehlerhaft und werden von den weiterbehandelnden Hausärzten als missverständlich beurteilt. Das ergab eine Studie der Universität Düsseldorf zur Qualität von Arztbriefen.

Unstrukturiert, ungenau, fehlerhaft und missverständlich: Arztbriefe bringen Hausärzte nicht selten zur Verzweiflung. Adobe Stock_natali_mis

Befragt wurden in Zusammenarbeit mit Hausärzteverbänden 197 Hausärzte zu den häufigsten Problemen in Arztbriefen. Ergebnis: Einerseits fehlen einheitliche Standards zur Vermeidung von Missverständnissen. Andererseits gibt es bislang keine systematischen Untersuchungen zur Lese- und Schreibpraxis der Ärzte. Aufwand und Nutzen bei Arztbriefen stehen darüber hinaus oft in keinem Verhältnis.

So liest ein Viertel der Hausärzte oft mehr als zehn klinische Entlassungsbriefe pro Tag. Im Mittel müssen drei bis zehn Briefe täglich gelesen werden. Das entspricht einer täglichen Lesedauer von bis zu 60 Minuten. Bei den Klinikärzte ist der Aufwand noch höher - sie wenden täglich bis zu drei Stunden mit dem Verfassen der Arztbriefe auf.

"Abkürzungsfimmel", "Sachkenntnismangel" und "nicht angepasste Textbausteine"

Der Aufwand führt auf beiden Seiten häufig zu unbefriedigenden Ergebnissen: Missverständliche Formulierungen in Arztbriefen bringen die Hausärzte "regelmäßig zur Verzweiflung", resümiert Studienautor Dr. Sascha Bechmann. Wenn Hausärzte zum Thema Arztbriefe befragt werden, sei oft die Rede vom "Abkürzungsfimmel", "Sachkenntnismangel" und "nicht angepassten Textbausteinen". Vor allem fachinterne Ausdrücke sowie unbekannte oder doppeldeutige Abkürzungen bieten demnach unerwünschten Spielraum für Interpretationen.

Dabei sind vor allem nicht erklärte Abkürzungen problematisch: Ein Drittel der Hausärzte gab an, dass unbekannte Abkürzungen häufig oder sehr häufig in Arztbriefen vorkommen. Nur 1,5 Prozent von ihnen mussten sich noch nicht damit auseinandersetzen.

Ergebnisse im Überblick

  • Ein Viertel der Hausärzte liest häufig mehr als zehn klinische Entlassungsbriefe pro Tag. Klinikärzte verbringen täglich bis zu drei Stunden mit dem Verfassen der Arztbriefe.
  • Vor allem fachinterne Ausdrücke und unbekannte oder doppeldeutige Abkürzungen bieten unerwünschten Spielraum für Interpretationen: 34 Prozent der Hausärzte gaben an, dass unbekannte Abkürzungen häufig oder sehr häufig in Arztbriefen vorkommen. Nur 1,5 Prozent mussten sich noch nicht damit auseinandersetzen.
  • Missverständliche und unvollständige Arztbriefe sind eher die Regel als die Ausnahme. 99 Prozent der Hausärzte gaben an, dass die Qualität der Arztbriefe verbesserungswürdig sei. Nur 3,6 Prozent waren in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn noch nicht mit missverständlichen Arztbriefen konfrontiert worden.
  • 88 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass unverständliche oder fehlerhafte Arztbriefe zu Behandlungsfehlern führen können.
  • Die Qualität der klinischen Entlassungsbriefe ist demnach stark verbesserungswürdig. Entscheidend sind dabei fehlende strukturelle und inhaltliche Standards. Insbesondere vage Formulierungen sowie lange und komplizierte Sätze wurden als zentrale Quellen für Verständnisprobleme genannt.
  • Viele Arztbriefe fallen durch schlechten Sprachstil und Rechtschreib- beziehungsweise Grammatikfehler auf. Auch Floskeln und Wiederholungen sowie logische Fehler und fehlende Informationen wurden häufig bemängelt.
  • Abkürzungen sowie eine mangelnde Standardisierung des Arztbriefs werden der Studie zufolge für problematisch gehalten. So waren sich 127 der Probanden (64,5 Prozent) einig, Arztbriefe seien nicht einheitlich gestaltet. Auch enthalten viele Arztbriefe Informationen, die so verschlüsselt sind, dass sie fachfremde Kollegen vor Probleme stellen.
  • Therapierelevante Informationen und konkrete Handlungsempfehlungen gehen oft unter. Danach befragt, in welchem Textteil es am häufigsten zu Problemen kommt, nannten die Hausärzte vor allem die Therapieempfehlungen und die Entlassungsmedikation als häufige Fehlerquellen. Knapp drei Viertel gaben an, dass es bei den Therapieempfehlungen häufig zu Unklarheiten oder Fehlern kommt. Bei der Entlassungsmedikation waren es sogar etwas mehr als 75 Prozent. Auch die Epikrise (64,5 Prozent) und der Verlauf der klinischen Behandlung (57,4 Prozent) wurden oft als problematisch beschrieben.

Der klinische Entlassungsbrief soll in erster Linie eines gewährleisten: die verlustfreie und eindeutige Übermittlung therapierelevanter Informationen an den Hausarzt, der mit diesen Informationen eine angemessene, sichere Weiterbehandlung des Patienten gestalten soll.#

Missverständliche und unvollständige Arztbriefe sind eher die Regel

Bechmann: "Dass solche Dokumente keinen Spielraum für Interpretationen geben dürfen, liegt auf der Hand. Dennoch zeigen die Ergebnisse der Befragung, dass missverständliche und unvollständige Arztbriefe eher die Regel als die Ausnahme sind. 99 Prozent der Befragten gaben an, dass die Qualität der Arztbriefe verbesserungswürdig sei. Nur 3,6 Prozent der Befragten waren in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn noch nicht mit missverständlichen Arztbriefen konfrontiert worden."

Fast 90 Prozent glauben, dass schlechte Arztbriefe zu Behandlungsfehlern führen können

Nahezu alle Hausärzte gaben an, dass sie Arztbriefe in manchen Fällen nicht auf Anhieb verstehen. Für Hausärzte, die für die Weiterbehandlung auf unmissverständliche und eindeutige Patienteninformationen angewiesen sind, ist dieser Zustand nicht nur ärgerlich, sondern kann auch schwerwiegende Folgen für die Behandlung des Patienten nach sich ziehen. So waren 88 Prozent der Befragten der Meinung, dass unverständliche oder fehlerhafte Arztbriefe zu Behandlungsfehlern führen können.

Fehlerhafte Arztbriefe

Fast alle befragten Hausärzte (99 Prozent) geben an, schon einmal einen fehlerhaften Arztbrief erhalten zu haben. Die größten Fehlerquellen sind demzufolge

  1. die Entlassungsmedikation (von 76,6 Prozent der Hausärzte ausgewählt),
  2. die Therapieempfehlungen (von 74,1 Prozent ausgewählt)
  3. und die Epikrise (von 64,5 Prozent ausgewählt).

Insgesamt deuten die Ergebnisse laut Bechmann darauf hin, dass die Qualität der klinischen Entlassungsbriefe stark verbesserungswürdig ist. Entscheidend sind dabei strukturelle und inhaltliche Standards, die bislang fehlen. Insbesondere vage Formulierungen sowie lange und komplizierte Sätze wurden als zentrale Quellen für Verständnisprobleme genannt. Weniger entscheidend für das Verständnis sind Textlänge und formale Kriterien.

Auffällig: schlechter Sprachstil sowie Rechtschreib- und Grammatikfehler

Dabei ergab die Befragung, dass viele Arztbriefe durch schlechten Sprachstil und Rechtschreib- beziehungsweise Grammatikfehler auffallen. Auch Floskeln und Wiederholungen sowie logische Fehler und fehlende Informationen wurden häufig von den Hausärzten bemängelt. Von Bedeutung sind dabei vor allem diejenigen Textteile, die konkrete Handlungsempfehlungen enthalten. 99 Prozent der Hausärzte bewerten die Entlassungsmedikation als wichtig oder sehr wichtig für die Weiterbehandlung des Patienten - eben diese weisen jedoch häufig hohe Fehlerquoten auf.

Ein Problem scheint dabei zu sein, dass die Informationen in den Briefen nicht zu den beigefügten Befunden passen. Auch kritisierten die befragten Hausärzte, dass die Entlassungsbriefe häufig verschiedene Gliederungsstrukturen und Formate aufweisen, Informationen vergessen oder falsch gewichtet und wesentliche Therapieschritte nicht kommentiert werden.

Widersprüche und irrelevante Infos

Zudem weisen die Briefe nicht selten inhaltliche und fachliche Fehler sowie Widersprüche auf und häufig werden zu viele irrelevante Informationen und Textbausteine ohne Interpretation aneinandergereiht.

Die Studie legt auch den Schluss nahe, dass die computergestützte Texterstellung fehleranfällig ist, wenn mit einfachen Textbausteinen gearbeitet wird. Hier wird die fehlende Passung an die individuelle Patientengeschichte kritisiert.

Ein weiteres Problem: Die steigende Zahl der nicht-muttersprachlichen Ärzte in den Kliniken erfordert eine strukturierte Anleitung im Verfassen verständlicher und zugleich rechtssicherer Dokumente. Bemühungen, die kommunikative Kompetenz ausländischer Ärzte zu stärken, müssten sich auch auf den schriftsprachlichen Bereich ausweiten.

Die Studie von Sascha Behmann und Julia Riedel „Arztbriefe: Epikrise in der Krise“ der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaften, ist noch nicht veröffentlicht, liegt den zm aber vor.

 

Zur Methodik

Insgesamt 197 Mediziner nahmen zwischen März bis Dezember 2018 einer Online-Befragung teil, die im Rahmen einer interdisziplinären Studie am Fachbereich Germanistische Sprachwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in Zusammenarbeit mit deutschen Hausärzteverbänden durchgeführt wurde. Die Ärzte wurden zu ihren Erfahrungen, Meinungen und ihrem persönlichen Umgang mit klinischen Entlassungsbriefen befragt. Von den Befragten arbeiteten 175 Personen zum Zeitpunkt der Datenerhebung als Hausärzte, neun als niedergelassene oder klinische Fachärzte und acht in anderen Bereichen wie Forschung, Lehre oder Wirtschaft. Von fünf Personen fehlten die Daten zu ihrem aktuellen Arbeitsbereich. Für die Beurteilung der Arztbriefqualität war relevant, ob Deutsch als Muttersprache angegeben wurde. Dies war bei 98 Prozent der Befragten der Fall.

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